Junge Federn: Die Kirche und die Moral

Die Auseinandersetzungmit dem christlichen Verständnis von Liebe und Sexualität wäre ratsam. Von Johannes Wieczorek
Johannes Wieczorek, freier Autor "Junge Federn"

Kann die Kirche in moralischen Fragen dazulernen?

Unter diesem Titel veröffentlichte Gerhard Kruip auf katholisch.de einen Kommentar, in dem er sich kritisch mit der Sexualmoral in Bezug auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften auseinandersetzt.

Als Grundlage seiner Argumentation, in der er für eine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist, nimmt der Sozialethiker Kruip das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ (AL) aus dem Jahr 2016, in dem Franziskus über die Freude an der Liebe spricht. Hierbei weist der Papst darauf hin, dass die Erotik ein Teil der Liebe ist, die nicht als geduldetes Übel zu verstehen ist, sondern vielmehr als ein Geschenk Gottes (AL 152). Kruip sieht hier eine Spannung zwischen dem, was in „Amoris laetitia“ und im Katechismus (KKK) steht. Denn im Katechismus wird die Geschlechtslust als ungeordnet bezeichnet, „wenn sie um ihrer selbst willen angestrebt und dabei von ihrer inneren Hinordnung auf Weitergabe des Lebens und auf liebende Vereinigung losgelöst wird“ (KKK Nr. 2351).

Die Neuerung des Christentums war und ist das Verständnis von Liebe. Liebe ist nicht nur Eros. Sie ist kein Trieb, der mächtiger ist als Denken und Wollen, sondern vielmehr Agape, das „Sich-dem-anderen-Schenken“. Friedrich Nietzsche meinte, das Christentum habe dem Eros Gift zu trinken gegeben. Stellt die Kirche gerade da Verbote auf, wo Gott uns Freude und Glück schenken möchte? („Deus caritas est“, Benedikt XVI.) Christopher West antwortet auf diese Frage in seinem Buch „Einführung in die Theologie des Leibes“: „Echte christliche Moral ist nicht gegen uns gerichtet. Sie ist einzig und allein für uns.“

Schon der erste Satz im Katechismus im Kapitel über die Moral spricht Bände. Dort steht nicht: „Entweder du gibst alles auf, was dir Spaß macht, und du folgst diesen verknöcherten Geboten, oder du kommst in die Hölle.“ Vielmehr heißt es: „Christ, erkenne deine Würde!“ (KKK, Nr. 1691). „Sexualität ist nicht nur ein Mittel der Befriedigung oder Vergnügung, denn es ist eine zwischenmenschliche Sprache, bei der der andere ernst genommen wird in seinem heiligen und unantastbaren Wert“ (AL 151). Der Ort gelebter Sexualität ist jedoch nicht beliebig, sondern sie hat ihr Zentrum in der christlichen Ehe, einem Bund zwischen Mann und Frau! Die Liebe, zu der Gott uns beruft, ist eine freie, uneingeschränkte, treue und fruchtbare Liebe. Wenn wir Aspekte nach Belieben ausklammern, hat dies nichts mehr mit dem zu tun, was Gott für uns will. Spiegeln Selbstbefriedigung, Ehebruch oder homosexuelle Praktiken diese Liebe wider (vgl. West, Einführung in die Theologie des Leibes)?

Es geht hierbei nicht um einen „Lernfortschritt“, sondern um das grundsätzliche Verständnis über Liebe und Sexualität. Und gerade dieses Verständnis ist in der heutigen Zeit, in der Liebe und eigene Begierde oft vertauscht werden, mehr als revolutionär. Sexualität ist Teil der Liebe! Nicht Liebe ein Teil von Sexualität! Prof. Kruips Schlussfolgerung, wer sich gegen „notwendige“ moralische Fortschritte stelle, stelle sich gegen das „Sensus fidelium“, gegen den Papst und schließlich gegen Jesus selbst, ist mehr als eine hanebüchene Interpretation. Es wäre daher ratsam, sich noch einmal grundlegend mit dem christlichen Verständnis von Liebe und Sexualität auseinanderzusetzen. Die Katechesen vom heiligen Johannes Paul II. und seine Theologie des Leibes sind grundlegend dafür. Auf sie verweist auch Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben Amoris laetitia.

Der Autor, 26, arbeitet beim katholischen Sender Radio Horeb

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