Junge Disziplin für traditionsreiche Orte

Das Wissen um biblische Schauplätze ist der Biblischen Archäologie zu verdanken. Von Barbara Wenz

Das Fach Biblische Archäologie wird in Deutschland an lediglich vier Instituten gelehrt, die zumeist zum Fachbereich Theologie gehören. Es handelt sich dabei um eine solide wissenschaftliche Disziplin, die sich territorial mit der südlichen Levante von Syrien bis zur Sinaihalbinsel, vor allem aber mit den heutigen Gebieten Israel und Palästina beschäftigt und zwar in einem zeitlichen Rahmen von der Jungsteinzeit bis in die heutige Zeit. Der Schwerpunkt wird jedoch bei den Ereignissen im Alten Testament und denen des Neuen Testamentes im ersten Jahrhundert nach Christus gesetzt. Die Biblische Archäologie ist ein relativ junges Fach, dessen Grundlagen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelegt wurden. Zudem gerät die Disziplin immer wieder ins Zwielicht, weil sie besonders Abenteurer, Pseudowissenschaftler, wenn nicht gleich Dilettanten und Betrüger anzuziehen scheint.

Der Autor des vorliegenden aktuellen, populärwissenschaftlich geschriebenen Kompendiums wird nicht müde, diesen Umstand zu beklagen. Er verknüpft mit seinem Werk die Forderung nach einer Rückeroberung des öffentlichen Diskurses und möchte diesen mit verifizierten Daten und Fakten auf ein solides Fundament stellen. Dazu ist Cline bestens qualifiziert, hat er doch nicht nur Klassische Archäologie, sondern auch vorderasiatische Sprachen und Literatur sowie Alte Geschichte studiert und leitet seit einigen Jahren als Direktor das Archäologische Institut der Universität Washington.

Im ersten Teil seines Buches fasst er die Geschichte der Biblischen Archäologie von ihren Anfängen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert bis heute zusammen. Den ersten großen Schritt zur Begründung des Faches machte im Jahre 1838 der protestantische Theologie Edward Robinson, der, lediglich mit Kompass, Teleskop und Metermaß ausgestattet, die aktuelle Lage von rund einhundert biblischen Schauplätzen identifizierte und somit als erster eine historische Topografie des Alten und des Neuen Testamentes schuf, auf der weitere Forscher wie Charles Warren oder der Franzose Charles Clermont-Ganneau aufbauten.

„Besonders nach der Staatsgründung hatte Israel das Fach

intensiv

gefördert“

Zudem machten diese Forscher der Gründergeneration eine bedeutsame Entdeckung: Überall im Heiligen Land fanden sich sogenannte „Tells“, also Erhebungen, und bei diesen handelte es sich zumeist nicht um natürliche Hügel, sondern um verschüttete antike Siedlungen, die sich Schicht um Schicht aufbauten, wobei die unterste stets die chronologisch früheste beziehungsweise älteste Siedlungsschicht war. Bis es zu den ersten Grabungserfolgen kam, vergingen nur etwas mehr als fünfzig Jahre. Zu Anfang des letzten Jahrhunderts grub Gottlieb Schumacher Megiddo aus, das Armageddon aus der Offenbarung des Johannes, zur selben Zeit entdeckte man bei Grabungen das alte Samaria.

Weitere sensationelle Enthüllungen folgten, vor allem begünstigt durch die Anwendung der neuen Methode der Oberflächenuntersuchung seit den siebziger Jahren. 1993 schließlich belegte der Fund der sogenannten „Tel-Dan-Inschrift“ auf einer Basalt-Stele, dass das biblische „Haus David“ tatsächlich existiert, es also einen König David, der es begründen konnte, gegeben haben muss. Besonders nach der Staatsgründung hatte Israel das Fach intensiv gefördert – der noch junge Staat konnte mit seiner Hilfe den Nachweis einer „alten“ nationalen Geschichte erbringen.

Im zweiten Teil seines Buches stellt Cline uns die wichtigsten Entdeckungen zur Bibel vor, darunter auch fabelhafte Funde und fantastische Fälschungen – er schreibt über Dilettanten und Enthusiasten wie Bob Cornuke, der im Jahr 2006 die versteinerte Arche Noah gefunden haben wollte, Michael Sanders, der behauptete, nach der Auswertung von Satellitenbildern nicht nur Sodom und Gomorrha und den Turm zu Babel entdeckt zu haben, sondern auch gleich noch den Garten Eden und die Bundeslade. Oder als Beispiel für ein Sammelsurium reißerischer Behauptungen die Doku von Simcha Jakobovici, der 2007 das angebliche Grab Jesu entdeckt haben wollte.

Cline ist nicht nur ein hochkarätiger Wissenschaftler, er hat auch die Gabe, die hochkomplexen Zusammenhänge seines Faches in leicht lesbaren Worten darlegen, sogar spannende Geschichten rund um seine Disziplin erzählen zu können. Das Buch ist mit Literaturhinweisen und einem Abbildungsverzeichnis ausgestattet und bietet sich vor allem für interessierte Laien an, die sich grundlegend mit dem aktuellen Stand der Forschung im Fach Biblische Archäologie vertraut machen wollen. Daneben ist es ein passendes Geschenk für einen Jugendlichen, der mit dem Gedanken spielt, eventuell Archäologie oder eine damit zusammenhängende Disziplin studieren zu wollen.

Eric H. Cline: Biblische Archäologie. Von Genezareth bis Qumran. Philipp von Zabern Verlag, Darmstadt 2016, 224 Seiten, ISBN 978-3-8053-4978-9,

EUR 24,95

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