Intellektuelles Apostolat als Aufgabe

Über den heiligen Philipp Neri findet John Henry Newman seinen Weg zur oratorianischen Berufung Von Pater Paul Bernhard Wodrazka C.O.

Beim Betreten des Zimmers von John Henry Newman im Oratorium von Birmingham fällt die Aufmerksamkeit des Besuchers auf die neuzeitliche, nicht wirklich zum übrigen Stil des Raumes passende Gaslampe auf dem Schreibtisch. Niemand geringerer als der liberale britische Premierminister William Ewart Gladstone hatte sie seinem Freund, dem englischen Oratorianer geschenkt. Und dieser, wiewohl er bisher seine Schriften am Sekretär stehend unter Kerzenlicht abgefasst hatte, umgeben von seiner gewaltigen Bibliothek, in die sein Arbeitszimmer hineingebaut worden war, machte fortan Gebrauch von der damals aufsehenerregenden technischen Innovation. In der anderen Hälfte seines „Nido“ hatte Newman – nach seiner Erhebung zum Kardinal der Heiligen Römischen Kirche – hinter einer kleinen Trennwand einen Altar mit Baldachin errichten lassen.

Dies ermöglichte ihm ein Leben, Studieren, Schreiben und Beten in der Gegenwart Gottes. Das Altarbild des heiligen Franz von Sales (1567–1622), des Patrons der katholischen Schriftsteller, der ebenfalls oratorianische Wurzeln hat, ist nicht zu übersehen; und überall finden sich Erinnerungen an Personen, die ihre Lebensreise schon beendet hatten und derer er während des heiligen Messopfers gedachte.

Newman, der neben seinen bedeutenden philosophischen, theologischen, bildungspädagogischen und seelsorglichen Leistungen vor allem Oratorianer sein wollte und war, bemerkte einst (im Vorwort seiner ersten Predigtausgabe nach der Konversion), dass „der strahlende und schöne Charakter des heiligen Philipp“ seine Liebe schon gewonnen hatte, als er noch Protestant war. Im Laufe seines Lebens vertiefte sich Newmans Zuneigung. Als Gründer und Superior eines Oratoriums des heiligen Philipp Neri stellte er sein Wirken unter Philipps Schutz. In seinen Gebeten vollzog er einen Akt der Hingabe an seinen „geliebten und heiligen Patron“, und im Oratorium wandte er sich nach der Allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria als erstes an den heiligen Philipp. Er fragte sich beständig: „Wie hat es Philipp gehalten?“, „Was hat der heiligen Philipp mit uns vor?“ Dieser blieb ihm stets der „Santo Padre“, der ihm manches Mal eine Gnade erwies. Mit besonderer Vorliebe zitierte er die Maximen des heiligen Philipp, die ihm Richtschnur in seinem geistlichen Leben waren.

Bis heute berühmt sind seine in eigenen Worten verfasste Novene und Litanei zum Heiligen. Die vor kurzem publizierte vollständige Ausgabe seiner Briefe und Tagebuchaufzeichnungen (XXXII Bände) macht deutlich, in welchem Umfang sich seine Gedanken und Tätigkeiten auf das Oratorium beziehen. Begleiten wir Newman im Folgenden auf seinem Weg zum katholischen Priestertum in der Kongregation des Oratorium des heiligen Philipp Neri.

Bereits einige Jahre vor der Konversion (1845) begann der führende Kopf der Oxfordbewegung mit seinen universitären Gefährten eine ordensähnliche Art der vita communis zu führen. Bei der Suche nach einer geeigneten Form des Gemeinschaftslebens erwies sich, nach Newmans Aufnahme in die katholische Kirche, Nicholas Wiseman (1802–1862), der damalige Bischofskoadjutor von Birmingham und spätere Erzbischof von Westminster, als große Hilfe. Er brachte den Konvertiten großes Vertrauen entgegen, bestärkte Newman, sich zum römisch katholischen Priester weihen zu lassen und bot ihm und seinen Gefährten das ehemalige Haus des Priesterseminars in der Nähe von Birmingham an. Dieses Angebot dankbar annehmend, übersiedelten sie schon im Februar 1846 nach Old Oscott (Maryvale).

Nicholas Wiseman hatte die Bedeutung der kleinen Gemeinschaft rund um Newman erkannt und er war auch der erste, der Newman den Vorschlag einer Oratoriumsgründung unterbreitete. Wiseman hatte als Regens des Englischen Kollegs das Römische Oratorium kennengelernt. Damals schloss er sich als Bruder dem Kleinen Oratorium an und versprach dem hl. Filippo Neri „sein schönes Institut in England einzuführen“.

Bereits 1846 gingen John Henry Newman und sein bester Freund, Ambrose St. John (1815–1875), in die Ewige Stadt, um dort mehr Klarheit über eine gemeinsame Art der vita communis zu bekommen. Auf persönliche Einladung des gerade neugewählten Pontifex Pius IX. erhielten die beiden im Collegio di Propaganda Fide ein Zimmer und konnten sich ganz dem Studium der katholischen Theologie widmen. In diese Zeit fällt auch deren erster persönlicher Kontakt mit der Kongregation des Oratoriums des heiligen Philipp Neri. Pater Augustin Theiner (1804–1874) – vom Römischen Oratorium –, der bekannte Kirchenhistoriker und Präfekt der Bibliothek der Heiligen Römischen Kirche, feierte für sie in dem kleinen Zimmer, in dem Philipp Neri gelebt hatte und während der Opfermesse sehr häufig in Ekstase geriet, die heilige Messe. Sie informierten sich über die Konstitutionen und die Geschichte des Oratoriums des heiligen Philipp Neri. Allmählich schien die oratorianische Berufung für ihre kleine Gemeinschaft immer richtungsweisender, nicht zuletzt auch aufgrund der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die Theiner ihnen entgegenbrachte. Im Januar des Jahres 1847 prüfte Newman neuerlich die Konstitutionen des Oratoriums und gewann dabei große Klarheit.

Die entscheidende Frage für ihn war, ob er und seine Gefährten die Berufung zum Weltpriestertum in Gemeinschaft (ohne Gelübde) mit strenger stabilitas loci verspürten. Newman schrieb diesbezüglich an alle Freunde und Gefährten, an die er in Bezug auf eine Oratoriumsgründung dachte, und begann gleichzeitig an der Abfassung eines Memorandums für den Präfekten der Propaganda Fide Kongregation zu arbeiten. Er bat darin um die Errichtung eines Hauses in Birmingham, um die Erlaubnis, auch in anderen Städten der Insel Oratorien zu errichten, um die Privilegien, die die Päpste dem Römischen Oratorium gewährt hatten, sowie um eine Anpassung der Konstitutionen an die veränderten Verhältnisse in England. Pius IX. erteilte im März nicht nur die Erlaubnis zur Errichtung der Kongregation des Oratoriums und gewährte die Erstellung einer englischen Version der oratorianischen Konstitutionen, sondern regte auch an, dass Newman und seine Freunde nach Rom kommen sollten, um gemeinsam ein Noviziat unter einem Oratorianerpater zu absolvieren. Schon im April trafen fünf englische Gefährten Newmans in Rom ein, um mit ihm und Ambrose St. John ihr Noviziat in der Zisterzienserabtei Santa Croce in Gerusalemme zu beginnen.

Kardinal Giacomo Filippo Fransoni (1775–1856) weihte am Dreifaltigkeitssonntag 1847 Newman und St. John in der Kapelle des Collegio di Propaganda Fide zu Priestern der katholischen Kirche. Alle sieben Männer begannen Ende Juni das für etwa vier Monate veranschlagte Noviziat, das nicht nur aufgrund der Dauer ein einzigartiges Noviziat war (das reguläre oratorianische Noviziat dauert bis heute drei Jahre). Dem römischen Oratorianerpater Carlo Rossi (1802–1883) fiel nach der Einkleidung die Aufgabe zu, die eifrigen Novizen in die Regeln, Bräuche und Übungen der Kongregation des Oratoriums einzuführen. In der Gnade seiner Berufung und im Zeichen des Kreuzes sollte Newman im Oratorium des heiligen Philipp ein Vater der Seelen werden.

Mit Newman verbindet man bis heute das Ideal des christlichen Gentlemen, das er sowohl in „the Idea of a University“ als auch in seinen „Remarks on the Oratorian vocation“ grundgelegt hat. Newman definierte demnach das Ideal des Oratorianers in einem heiligmäßigen Gentleman, weshalb eine erwünschte Eigenschaft des Oratorianers die sogenannte „gentlemanlikeness“ darstellt. Newman versteht darunter ein zartes Taktgefühl, ein herzliches aber nicht aufdringliches Auftreten, ein feines Gespür für den Nächsten. Die Innovation in der Idee des Oratoriums durch Newman liegt im Akzent auf die intellektuelle Beschäftigung und das intellektuelle Apostolat im Oratorium. Auch der selige Papst Pius IX. hat das neugegründete Oratorium nachdrücklich zur Sorge für die Gebildeten ermutigt, eine Tätigkeit, die nicht ohne Studien und Publikationen zu erfüllen ist. Diese scheinbare Neuakzentuierung des oratorianischen Lebens hatte jedoch schon von Anfang an einen wichtigen Platz im Leben des Oratoriums eingenommen, beginnend bei Pater Cesare Baronio bis hin zu den Oratorianern Augustin Theiner, Antonio Cistellini und vielen anderen mehr.

Als Newman im Dezember Rom verließ, nahm er das Breve Magna Nobis semper des Papstes mit, durch das das Englische Oratorium offiziell errichtet wurde. Newman, der gleichzeitig auch zum ersten Präpositus (zum Superior des Oratoriums, der alle drei Jahre von den Mitgliedern des Hauses neu gewählt wird) ernannt wurde, hatte man auch zugestanden, sich aus seinen Gefährten vier Deputierte auszuwählen. Diese vier Priester sollten ihm bei der Leitung der Kongregation zur Seite stehen, wie es in den Konstitutionen des Oratoriums vorgesehen ist. Weiter wurde bestimmt, dass die Kongregation ihren Sitz in Birmingham hat und von dort aus weitere Oratorien in ganz England gründen kann. Bevor Newman die Rückreise antreten konnte, gab ihm der Heilige Vater den Reliquienschrein des heiligen Valentin, einen vollkommenen Ablass für den Altar der Gemeinschaft in Maryvale und 600 Scudi von der Propaganda mit ins Gepäck. St. John und Newman legten den weiten Weg über Loreto und Deutschland zurück, sodass sie am Christtag in London ankamen, wo Newman seine erste heilige Messe auf der Insel feierte.

Schließlich konnte das Oratorium am Fest Mariä Lichtmess (2. Februar 1848) offiziell kanonisch errichtet werden. Die neue Kongregation wurde wie das Oratorium insgesamt unter den besonderen Schutz Mariens gestellt. Während der feierlichen Vesper am Abend des Festes erhielten weitere fünf Patres, ein Novize und drei Laienbrüder den „filippinischen Talar“. 1848 folgte die Gründung eines zweiten Hauses in London („Brompton Oratory“). Der Versuch einer weiteren Gründung in Oxford scheiterte vorerst am Widerstand der damaligen britischen Bischöfe. Sie wollten nicht, dass junge Katholiken durch diese Gründung, verbunden mit Newmans Präsenz in Oxford, ermutigt würden, in der anglikanischen Universitätsstadt zu studieren. Erst im Jahr 1991 konnte an der im Herzen Oxfords gelegenen Pfarrkirche St. Aloysius ein Oratorium gegründet und somit einer der großen Träume Newmans verwirklicht werden.

Als Newman 1879 von Papst Leo XIII. zum Kardinal erhoben wurde, nahm er diese Ernennung nur unter der Bedingung an, bis zu seinem Tod in seinem Oratorium, seinem geliebten „nido“, bleiben zu dürfen. 1890 ist er, getreu der oratorianischen Maxime, dass man einen Oratorianer erst bei seinem Begräbnis erkenne – nämlich an der Treue zum oratorianischen Charisma und zur freigeschenkten Hingabe an seine Kongregation –, inmitten seiner Mitbrüder von Birmingham zum Herrn heimgegangen.

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