Information, Solidarität, Fürsprache

Bischöfe aus aller Welt versichern die Christen im Heiligen Land ihrer Nähe. Von Oliver Maksan
Foto: Maksan | Die Bischöfe bei der Messe in der Pfarrkirche zur Heiligen Familie.
Foto: Maksan | Die Bischöfe bei der Messe in der Pfarrkirche zur Heiligen Familie.

Jerusalem (DT) „Es tut gut zu wissen, dass wir nicht allein sind. Für uns Christen sind solche Besuche sehr wichtig, auch wenn sie an unserer Lage direkt nichts ändern“: Was die 17-jährige Katholikin Marjam am Sonntag unter dem beifälligen Nicken ihrer Mutter in Gaza sagte, mochte manchen zweifelnden Bischof beruhigt haben. Immer wieder fragten sich die Oberhirten, die in den vergangenen Tagen zum jährlichen Solidaritätsbesuch ins Heilige Land gereist waren, zahlreichen Menschen begegneten, lange Gespräche führten und feierliche Gottesdienste zelebrierten, was ihr Besuch bewirken könnte. Die „Heilig-Land-Koordination“, einst auf eine Initiative des Kurienkardinals Tauran hin entstanden, fand bereits zum 14. Mal statt und ist längst zur festen Institution im kirchlichen Leben des Heiligen Landes geworden. „Wir sind sehr dankbar, dass Sie hier sind“, meinte Patriarch Twal denn auch beim Empfang im Lateinischen Patriarchat in Jerusalem. „Schauen Sie sich hier genau um und sagen Sie in Ihren Ländern die Wahrheit. Es geht um Information, Fürsprache und Solidarität.“

Erstmals seit Beginn konnten die Bischöfe aus aller Welt dieses Mal als Gruppe in den von Israel abgeriegelten und von der Hamas regierten Gaza-Streifen reisen. Genugtuung herrschte bei manchem Teilnehmer beim Blick auf die in Teilen eingestürzte Mauer um das Gebiet. Bei Überschwemmungen im Dezember war sie unterspült worden und stellenweise eingestürzt. Betroffenheit machte sich danach breit angesichts der Armut und Ausweglosigkeit, in der viele Palästinenser, und nicht nur Christen, in Gaza leben müssen. Kaum 1 300 Christen, gerade 170 davon Katholiken, leben hier unter 1, 7 Millionen Moslems. Dass Ägypten die Schmuggelwirtschaft durch die Tunnels im Süden Gazas beendet hat, hat die Lage jetzt massiv verschärft. Sprungartig sind die Preise angestiegen, berichtet ein Priester vor Ort. Und das Gefühl des Eingesperrtseins hat sich weiter verstärkt. Ein menschengemachtes Desaster, einen schockierenden Skandal, eine Ungerechtigkeit sollten die Bischöfe die Lage später in ihrer Abschlusserklärung nennen.

Ein paar hundert Kilometer weiter und Tage später, im Westjordanland bei Bethlehem, kämpfen die Bewohner des christlichen Ortes Beit Jala um Besitz und Zukunft. Ein des jahrelangen Kämpfens sichtlich müder Ortspfarrer führt die Bischöfe zu dem Olivenhain, durch den nach dem Willen der israelischen Armee der nächste Abschnitt der Sperranlage zwischen Israel und Palästina geführt werden soll. 58 christliche Familien würden dadurch enteignet werden. Nicht wenigen wäre dadurch die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Am 29. Januar gehen sie vor dem Obersten Gericht Israels letztinstanzlich in Berufung. Doch Pfarrer Ibrahim Shomali hat wenig Hoffnung. „Die Armee macht, was sie will. Ich fürchte, unser Einsatz bringt nichts. Bitte helfen Sie uns. Schreiben Sie an ihre Regierungen und Botschaften.“

Enteignung, Eingesperrtsein: Erzbischof Steven Brislin von Kapstadt in Südafrika weiß um die Parallelen, die auch in christlichen Kreisen häufig zwischen dem berüchtigten Apartheids-Regime in seiner Heimat und der israelischen Besatzung in den Palästinensergebieten gezogen werden. Doch er will sich diese Einordnung nicht zu eigen machen. „Es gibt viele Ähnlichkeiten, aber auch fundamentale Unterschiede. Insgesamt führt die Anwendung des Apartheid-Begriffs auf die Lage in Palästina dazu, dass der Begriff entkernt wird. Außerdem verhindert es, dass man die Lage hier im Heiligen Land versteht“, meint er. Die durch die Besatzung entstandene Diskriminierung und Herabwürdigung von Menschen erinnern den Erzbischof tatsächlich stark an die Zustände in seiner Heimat vor 1994. „Dass Menschen von ihrem Land vertrieben werden können und sie dem hilflos zusehen müssen, das hatten wir auch in Südafrika.“

Die Tatsache indes, dass der israelisch-palästinensische Konflikt stark religiös eingefärbt ist und weit zurückreicht, unterscheide ihn aber unter anderem von dem in Südafrika. „Außerdem sind anders als früher in Südafrika die regionalen Mächte und auch die Supermächte wie Amerika involviert. Das macht diesen Konflikt so besonders.“ Auch Boykott-Aufrufen gegen Israel aufgrund der Siedlungspolitik, von christlichen Aktivisten immer wieder diskutiert, steht Bristol derzeit noch skeptisch gegenüber. „Boykott sollte nur die letzte Wahl sein. Denn damit bricht man auch Brücken ab. Und Dialog brauchen wir zur Lösung des Konflikts. Aber mit der fortschreitenden israelischen Besiedlung der besetzten Gebiete könnte die Stunde kommen, wo wir uns fragen müssen, wie wir die Rechte des palästinensischen Volkes am besten unterstützen helfen können. Aber ein Boykott sollte nie ein generell gegen Israel gerichteter sein, sondern nur etwa Waren aus den Siedlungen betreffen.“

Doch was jetzt tun? Erzbischof Paul-Andre Durocher von Gatineau, Vorsitzender der kanadischen Bischofskonferenz, will auf verschiedenen Ebenen ansetzen: „Unsere Bischofskonferenz beteiligt sich seit Anbeginn an diesen Reisen. Wir handhaben es danach so, dass wir unseren Außenminister aufsuchen und ihn über unsere Eindrücke unterrichten. Damit wollen wir die Regierung für die Lage der Christen hier im Nahen Osten sensibilisieren.“ Daneben will er auch innerkirchlich Bewusstsein schaffen. „Wir haben mit Hilfe der Franziskaner im Heiligen Land einen Kreuzweg verfasst, der die Leidensstationen des Herrn mit denen der Christen im Heiligen Land heute verbindet. Damit können sich unsere Gläubigen geistlich mit ihren Brüdern und Schwestern hier vereinen.“

Hier will auch Weihbischof Thomas Maria Renz aus Rottenburg-Stuttgart ansetzen. Renz reiste als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz erstmals zusammen mit der Bischofsgruppe. „Es war eine aufrüttelnde Reise für mich. Nach meiner Rückkehr will ich mich bei der Bischofskonferenz und bei den entsprechenden Reiseveranstaltern dafür einsetzen, dass die Begegnung mit den Menschen vor Ort bei Pilgerreisen stärker berücksichtigt wird. Die Steine der Heiligen Stätten zu besuchen ist wichtig. Es kommt aber meiner Meinung nach bisher zu wenig zu einer Begegnung mit den lebendigen Steinen. Das müsste eigentlich bei jeder Pilgerreise im Heiligen Land möglich sein. Es wäre ein wichtiges Signal, dass sich die Christen hier nicht verlassen fühlen.“

Insgesamt dürfe die katholische Kirche in Deutschland trotz der Syrien-Krise die Situation im Heiligen Land nicht vergessen, die nicht nur für die Christen oft von schreiender Ungerechtigkeit geprägt sei. Große Hoffnung richtet Renz auf den Besuch von Papst Franziskus. „Ich kann mir gut vorstellen, dass er starke Zeichen setzen wird. Auf Lampedusa hat er das ja mit europaweiter Wirkung vorgemacht. Möglicherweise wiederholt er das im Mai hier im Heiligen Land. Lassen wir uns überraschen.“

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