In der Katakombe

Vor allem deutschsprachige Befreiungstheologen gedachten in Rom des geheimen Armuts-Pakts am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils. Von Guido Horst
Foto: ITP | In der Domitilla-Katakombe: Der Befreiungstheologe Jon Sobrino SJ bei der Predigt.
Foto: ITP | In der Domitilla-Katakombe: Der Befreiungstheologe Jon Sobrino SJ bei der Predigt.

Rom (DT) Ist die Befreiungstheologie wirklich noch lebendig? Oder hat Papst Franziskus, der in Gesten und Worten für eine Kirche an der Seite der Armen steht und sich bereits zweimal, in Rom und in Bolivien, mit Vertretern der sogenannten Volksbewegungen getroffen hat, den Protagonisten dieser theologischen Strömung, die in den siebziger und achtziger Jahren nicht nur in Lateinamerika hoch im Kurs stand, ein wenig das Wasser abgegraben? Einen in dieser Hinsicht etwas zwiespältigen Eindruck hat jetzt eine Versammlung hinterlassen, die in Rom – fünfzig Jahre nach Abschluss des letzten Konzils – ein besonderes Jubiläum begehen wollte. „Zeichen der Zeit – Hoffnung und Widerstand – Katakombenpakt erinnern und erneuern! – Das ,geheime' Vermächtnis des Zweiten Vatikanischen Konzils“ war auf dem Programmheft zu lesen. Die Veranstalter wollten anknüpfen an einen „Pakt mit den Armen“, den nach Abschluss des Zweiten Vatikanums 42 Bischöfe – das heißt Konzilsteilnehmer – mit ihrer Unterschrift besiegelt hatten. Ort des Geschehens war damals die Basilika in der Domitilla-Katakombe. Und der Höhepunkt der Jubiläumsveranstaltung fand jetzt wieder in diesem halb unterirdischen Kirchenraum statt, der vor fünfzig Jahren dem „Katakombenpakt“ seinen Namen gab.

Einer der wenigen noch lebenden Unterzeichner von damals war am Montag wieder dabei und leitete den Gottesdienst: Bischof Luigi Bettazzi machte deutlich, dass für ihn die Bedeutung des damals geschlossenen Paktes heute nicht verblasst sei. Im Gegenteil: „Ich bin heute am fünfzigsten Jahrestag aufgeregter als damals. Wir waren vierzig, heute sind wir viel mehr!“, sagte der 92-Jährige, der zur Konzilszeit Weihbischof in Bologna unter Kardinal Giacomo Lercaro war und später Oberhirte von Ivrea wurde. Aber der „Katakombenpakt“ war ein Bischofspakt – und jetzt war neben Bettazzi kein weiterer Bischof zu sehen. Nur der gebürtige Österreicher und im Amazonasgebiet tätige Bischof Erwin Kräutler hat an der Jubiläumsversammlung mitgewirkt. Ansonsten kein weiterer Amtsbruder, kein Kardinal, kein Vertreter der römischen Kurie, geschweige denn ein Grußwort von Papst Franziskus.

Dabei ist der Argentinier auf dem Petrusstuhl für die Erinnerer von heute eine zentrale Gestalt. „Der Katakombenpakt ist nach fünfzig Jahren zu einer neuen Bekanntheit gekommen“, hieß es jetzt in der abschließenden Erklärung des Treffens: Papst Franziskus greife dessen Anliegen in seiner Kirchenreform auf und schließe neue Allianzen mit sozialen Bewegungen in aller Welt. „An diese Erneuerung kirchlicher Praxis, die sich einmischt in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, hat die Versammlung in Rom angeknüpft: Jetzt geht es darum, die vom Katakombenpakt und die durch Papst Franziskus gesetzten Impulse aufzugreifen, sie weiterzuentwickeln und zu einer wirklich gesellschaftsverändernden Nachfolge zu gelangen.“ Die jetzt in Rom abgehaltene Versammlung sei „eine weitere Etappe einer Kirche der Armen. Der Weg geht weiter!“

Damit etwas weitergeht, haben am Ende des Jubiläumsgottesdienstes viele der etwa 260 Teilnehmer des Treffens eine Selbstverpflichtung unterzeichnet. So viele Personen mögen in der Domitilla-Katakombe zusammengekommen sein. Eine Selbstverpflichtung, um, wie es abschließend hieß, „deutlich Position angesichts der unmenschlichen Festung Europa zu beziehen“. Ob die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Frau Annette Schavan, diese Erklärung auch unterzeichnet hat, weiß man nicht, sie hatte die Messfeier vorzeitig verlassen. Hauptstar der insgesamt siebentägigen Veranstaltung war der 77 Jahre alte Befreiungstheologe Jon Sobrino SJ aus El Salvador. Kämpferisch fasste er am Montag nochmals einen Kernaspekt des Treffens zusammen: Heute seien Lampedusa und die „effiziente Gleichgültigkeit Europas“ die Sünde, der eine Kirche nach dem „Katakombenpakt“ entschieden etwas entgegensetzen müsse. Aber wer weiß heute noch von diesem Pakt?

Bereits vor über einem Jahr hatte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick geschrieben: „Ich erinnere mich an den Katakombenpakt in den Domitilla-Katakomben Roms von vierzig Bischöfen am 16. November 1965, denen sich dann weitere fünfhundert anschlossen, und selbstverständlich auch an die Konzilstexte, die sich bezüglich Armut und den Einsatz für die Armen an die ganze Kirche und speziell an die Bischöfe und Priester richten. Diese Texte sind alle nach wie vor maßgebend und harren der Umsetzung. Manche Kirchenkritiker wird diese Feststellung wieder zum Vorwurf verleiten: Seit fünfzig Jahren wird von der ,Armen Kirche und der Kirche für die Armen' gesprochen und immer noch ist nichts umgesetzt.“

Was wollten die Unterzeichner des Paktes von damals? Für den Theologen Sobrino habe das Zweite Vatikanum die „Kirche der Armen“ und deren theologische Ausdeutung nur stiefmütterlich behandelt, weswegen die vierzig – genauer 42 – Erstunterzeichner des Paktes feierlich erklärten: „Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel...!“ Oder: „Wir werden weder Immobilien oder Mobiliar besitzen noch mit eigenem Namen über Bankkonten verfügen...“. „Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Titeln oder Bezeichnungen angesprochen zu werden, in denen gesellschaftliche Bedeutung oder Macht zum Ausdruck gebracht werden (Eminenz, Exzellenz, Monsignore...)“. Und so weiter.

Es waren jetzt vor allem Laien, die diesem Anliegen mit dem einwöchigen Kongress in Rom wieder Gehör verschaffen wollten. Der „TrägerInnenkreis“ der Versammlung war sehr deutsch geprägt: AG Feminismus und Kirche e.V., Betriebsseelsorge Oberösterreich Linz, Deutsche Franziskanerprovinz, Jesuitenmission Deutschland, Karl Rahner Akademie Köln, Leserinitiative Publik Forum, Wir sind Kirche und viele mehr. Mitfinanziert hatten Adveniat und Misereor, auch drei schweizerische Landeskirchen. Kleinere Gruppen kamen aus dem spanisch- und englischsprachigen Raum. Organisatorische Achse aber war die Projektgruppe Pro Konzil beim Institut für Theologie und Politik (ITP) in Münster. Michael Ramminger, Mitbegründer des Münsteraner Instituts und bei Johann Baptist Metz promoviert, fasste am Ende den Sinn des Katakombenpakts so zusammen: „Sich einem neoliberalen Kapitalismus zu widersetzen, Unterdrückungsstrukturen anzuprangern, Grenzabschottung zu überwinden und jede Form von Diskriminierung zu bekämpfen.“ Es waren auch junge Leute bei der römischen Veranstaltung zu sehen. Und die Gruppe hat auch „ihre“ Märtyrer, die Sobrino in seiner Predigt eigens erwähnte: Etwa Bischof Oscar Romero oder die sechs Jesuiten, die 1989 in El Salvador ermordet wurden. Aber man wurde in den altehrwürdigen Gemäuern der Domitilla-Katakombe mit ihrer Basilika das Gefühl nicht los, dass die deutschsprachigen Vertreter der Befreiungstheologie – trotz ihres Stargastes Sobrino – noch immer da sind, wo sich auch die vierzig Konzilsbischöfe bei der Unterzeichnung ihres Paktes befanden: in einer Katakombe. Weltepiskopat und römische Kirchenführung haben das Erinnerungstreffen völlig ignoriert. Auch wenn sich die Befreiungstheologen beständig auf Papst Franziskus berufen.

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