Im Blickpunkt: Hilflose Hirten

Doch wo erleben die Gläubigen ihren Bischof noch als Führungsfigur? Von Regina Einig

Auf den ersten Blick überrascht die Entscheidung des Heiligen Stuhls, das geplante Maßnahmenpaket der amerikanischen Bischöfe vor der Vollversammlung in Baltimore auf Eis zu legen. Erst in der vergangenen Woche hatten die französischen Bischöfe bei ihrem Herbsttreffen in Lourdes entschieden, die Untersuchung von Missbrauchsvorwürfen künftig einer externen Kommission zu überlassen. Rom hatte nichts daran auszusetzen. Warum wirft ein Plan in den USA aus weltkirchlicher Sicht Probleme auf, dessen französisches Pendant unbeanstandet bleibt? Zum einen hat sich die binnenkirchliche Betriebstemperatur in den Vereinigten Staaten inzwischen so aufgeheizt, dass die beschlossenen Maßnahmen die Wogen der Empörung nicht glätten können. Von den Bischöfen beauftragten Laien trauen viele Katholiken keine unbefangene Untersuchung zu. Nur noch Bischofsrücktritte und in Einzelfällen auch Exkommunikationen dürften den Zorn der Gläubigen besänftigen. Der Offene Brief im National Catholic Reporter lässt tiefe Bruchlinien durchscheinen – auch zwischen wertkonservativen Gläubigen. Wie soll die Kirche mit Amt, Autorität und Homosexualität umgehen? Das sind die Streitpunkte.

Im amerikanischen Katholizismus vollzieht sich ein Rollentausch: Wertkonservative Gläubige beanspruchen nun für sich Verantwortung mit einer Radikalität, die bisher liberalen Basisgruppen eigen war. Andere wehren sich gegen ein echauffiertes „Basta“. Der Apostolische Nuntius in den USA warnte unlängst davor, Probleme Dritten zur Lösung zu überlassen. Das Motto „Laien an die Macht“ spiegelt eine schiefes Kirchenbild. Laien können zwar durch ihr Apostolat und ihre Sachkompetenz zur Krisenbewältigung beitragen; sie können Druck ausüben und den Geldhahn zudrehen. Aber Amt und Autorität stehen nicht im Belieben der Bischöfe. Wer glaubt, dass Christus den Hirten Autorität übertragen hat, kann sie nicht für Laien einfordern wie ein weltliches Recht. Ebensowenig können sich Hirten ihren Pflichten entziehen, um erboste Gläubige zu beschwichtigen. Das Weiheversprechen durch Modelle „geteilter Verantwortung“ zu unterlaufen mag bei hohem Seegang bequem erscheinen. Doch wo erleben die Gläubigen ihren Bischof noch als Führungsfigur? Nationale Bischofskonferenzen schränken den Handlungsspielraum zunehmend ein. Irritierte US-Bischöfe fragen zu Recht, auf welcher Grundlage der vorgesehene Verhaltenskodex über bischöfliches Verhalten beruht. Steht es der Institution Bischofskonferenz überhaupt zu, quasi-bischöfliche Autorität zu beanspruchen? Hier unterscheiden sich die USA von Frankreich. Der riesige, von manchen amerikanischen Hirten gefürchtete Apparat der nationalen Bischofskonferenz wirft Probleme für die Wahrnehmung und Ausübung des Bischofsamtes auf, die französische Hirten nicht in diesem Umfang beschäftigen. Gewohnheitsmäßig stellen manche Bischöfe ihre Aufgabe als Lehrer zugunsten der Moderatorenrolle zurück, Inzwischen zweifelt die entnervte Herde auch an ihren Fähigkeiten als Seelsorger. Vieles deutet darauf hin, dass bessere Seelsorge auch voraussetzt, die Lehre der Kirche ernster zu nehmen. Wer diese Mühe scheut, schafft keine menschenfreundlichere Seelsorge, sondern untergräbt mit der Glaubwürdigkeit seines Weiheversprechens jene der Kirche.

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