Im Bann persönlicher Befindlichkeiten

Ein Reisebericht einer Pilgerfahrt nach Jerusalem lässt Schwächen des kirchlichen Establishments durchblicken. Von Maria Palmer

Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem sind die drei großen Pilgerziele des Mittelalters. Durch das Revival, das das Pilgern auf dem Jakobsweg in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, sind auch die beiden anderen großen Wallfahrtsorte der Christenheit, Rom und Jerusalem, wieder aus dem touristischen Fokus in den der Fußwallfahrer gerückt. In „Vier Pilger – ein Ziel“ schildern Hildegard Aepli und Esther Rüthemann, Pastoralsassistentinnen, Christian Rütishäuser SJ und Franz Mali, Priester, ihre Erfahrungen als Menschen auf dem Weg zur Krippe ihres Erlösers.

Vieles an ihrem Projekt ist sehr beeindruckend und berührend. Da ist zunächst einmal der Mut, den die vier, Jahrgang 1963, 1972, 1965 und 1960 aufbringen. Denn der Traum, den viele in der Mitte des Lebens träumen und die Wirklichkeit, alles hinter sich zu lassen und sich auf den Weg zu machen, sind zwei ganz verschiedene Dinge und es nötigt Hochachtung ab, dass sie sich dies getraut haben. Keiner von ihnen war sonderlich trainiert oder treckingerfahren. Ganz im Gegenteil. Sie alle haben das wohlgeordnete Leben westlicher Seelsorger geführt, die sehr gut bezahlt werden und in der Lage sind, sich sehr viel Zeit zum Reflektieren zu nehmen und sich ihre Arbeit selbst einzuteilen. Und genau das merkt man dem Buch, das alle vier gemeinsam geschrieben haben, auch an. Es hat über weite Strecken einen unangenehm selbstreferenziellen Grundton. Hier schreiben Menschen über eine Gemeinschaftserfahrung, die es gewohnt sind, sich viel mit sich selbst zu beschäftigen. Da wird ausführlich darüber reflektiert, wie man in der Gruppe damit umgehen könne, dass eine von ihnen stets die langsamste und am wenigsten belastbare ist. Ganz einfach. Die Gruppe ist immer so schnell wie das langsamste Mitglied. Man braucht eigentlich nicht fünfzig Jahre alt zu werden, um das begriffen zu haben.

Eine triviale Entdeckung

Da wird unterdrückt lamentierend darüber berichtet, dass ein anderer mehr Ruhe für sich braucht und deshalb immer einige Stunden allein, das heißt in einigem Abstand zu den anderen wandert. Hier hätte ein Leben nach der Regel Benedikts, der darauf hinweist, dass auf die Schwächen der Mitbrüder Rücksicht zu nehmen ist, Abhilfe schaffen können. Und es fallen nach einigen Wochen der Gemeinsamkeit zu viert und der nicht zu verschweigenden Tatsache, dass man sich auf die Nerven fällt, wenn man immer zusammen ist und sich kaum zurückziehen kann, die Worte: Das ist ja, als ob man plötzlich wieder in familiäre Strukturen eingebunden wäre. Hier merkt man als Familienmensch dann doch endgültig auf.

Was genau ist da los? Hier schreiben Menschen, die sich als Seelsorger verstehen, deren Hauptaufgabe es ist, für andere da zu sein, mit leidendem Tonfall darüber, dass sie sich den Ansprüchen ihrer Nächsten nicht entziehen können? Dafür hätten sie nicht so weit zu laufen brauchen. Eine Woche im Leben einer ganz normalen Familie hätte genügt. Bei allem Guten, das die Vier mit ihrer Reise bewirkt haben, das Gebetsnetzwerk, dass sie knüpften war weit gespannt und ihre Pilgerschaft hat viele bewegt, die beispielsweise zuhause in der Schweiz jeden Tag eine Stunde mit ihnen gegangen sind, die ihnen Mut gemacht, für sie und mit ihnen gebetet haben, die ihnen die wunderbare Idee des Gebetsbandes gaben, das sie bis nach Jerusalem begleitete, bleibt die Tatsache, dass alle Beobachtungen, die sie in ihrem Buch beschreiben, doch immer wieder auf die eigene Befindlichkeit zurückgeführt werden.

Dies so deutlich zu erwähnen ist zweifellos hart. Aber es ist wohl auch notwendig, denn es ist symptomatisch für viele Bereiche in der wohlsituierten westlichen Kirche und leider für viele ihrer Seelsorger. Wo es notwendig wäre zu handeln, werden lieber erst einmal Grundsatzdebatten geführt. Wo eine helfende Hand benötigt würde, greift man zum Papier, um die Leitlinien auszudrucken. Bei allem, was geschieht fragt man sich erst einmal ausgiebig, wie es einem damit geht.

Aber wen interessiert das? Die Menschen an den Rändern, zu denen Papst Franziskus zu gehen uns so unermüdlich nahelegt, wohl nicht. Die hätten wohl auch kein Verständnis dafür, dass eine der vier Pilger ausgerechnet da einen Koller bekam, als sie sich aufgrund des guten Vorankommens der Gruppe genötigt sah, kurz vor Jerusalem eine längere Pause einzulegen, um auf eine Gruppe per Flug angereister Pilger zu warten, die das letzte Stück mit der kleinen Gruppe gemeinsam gehen wollte. Auch dies erscheint dem Leser symptomatisch. Hier geht es einmal nicht nach den Plänen der Hauptamtlichen und da wird man doch schon einmal gern empfindlich. Aber das ist eben nicht jesuanisch, sondern schlicht unreif und selbstbezogen.

Ein übertriebenes Kreisen um sich selbst

Man bezweifelt nach der Lektüre zwar nicht, dass die vier einiges, auch Entscheidendes gelernt haben. Wohl aber hegt man berechtigte Zweifel daran, ob man wirklich so viel von dem hat erfahren wollen, was sie beschäftigt. Es ist am Ende einfach ein zu starkes Kreisen um sich selbst, das die innere Bewegung begleitet. Und das gehört gewiss in den geschützten Raum des geistlichen Gespräches, bei dem man hoffen darf, dass es einen voranbringt, aber vielleicht bei allen positiven Nebenwirkungen dieser Reise doch nicht zwischen zwei Buchdeckel.

Aepli Hildegard, Rüthemann Esther, Rutishauser Christian, Mali Franz: Vier Pilger – ein Ziel. Zu Fuß nach Jerusalem. Echter, 2015, broschiert, 280 Seiten, ISBN: 978-3429038182, EUR 19,90

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