„Ich fahre lieber Volkswagen“

Ein Gespräch mit dem Apostolischen Nuntius in Berlin, Erzbischof Jean-Claude Périsset. Von Regina Einig
Foto: KNA | Das christliche Maß führt auch heute an die Ränder der Gesellschaft. Erzbischof Périsset sieht mit Wohlwollen, dass Klöster Asylanten und ehemalige Gefangene aufnehmen.
Foto: KNA | Das christliche Maß führt auch heute an die Ränder der Gesellschaft. Erzbischof Périsset sieht mit Wohlwollen, dass Klöster Asylanten und ehemalige Gefangene aufnehmen.

2007 ernannte Benedikt XVI. den gebürtigen Schweizer Jean-Claude Périsset zum Apostolischen Nuntius in Deutschland. Der Erzbischof vergleicht sein Leben in der Nuntiatur gern mit dem in einem Orden. Regina Einig sprach mit ihm über seine Sicht des Ordenslebens.

Exzellenz, der Augustinerorden will sich zum dritten Mal in seiner Geschichte in Erfurt niederlassen. Drei Priester sollen in der städtischen Seelsorge mitarbeiten. Ist gerade die Stadtseelsorge heute ein Zugpferd für die Neuevangelisierung?

Ja. Die Franziskaner und Dominikaner waren traditionell Stadtgemeinschaften. Die Neugründung der Augustiner passt zu den heutigen Nöten: Die Städte werden immer größer, die Dörfer verschwinden. In Städten zu leben ist für Junge und Ältere attraktiv. Dort sind die Hochschulen, die Krankenhäuser, die Geschäfte... wenn die Kirche dann in der Stadt präsent ist, folgt sie den Lebensumständen der Menschen heute. Und wir wollen mitten in der heutigen Gesellschaft leben.

Stichwort Krankenhäuser: Tun Ordensgemeinschaften unter Umständen gut daran, die Trägerschaft für eine Klinik abzugeben, wenn sie nicht mehr genug gläubiges Personal bekommen?

Dahinter steckt ein Problem der ganzen Gesellschaft. Es betrifft nicht nur die Krankenhäuser. Ich will nicht, dass man Deutschland hier als Sonderfall betrachtet. Die Probleme sind in der ganzen Welt die gleichen. Auch wenn nur wenige überzeugte christliche Mitarbeiter zur Verfügung stehen, berechtigt das dazu, die Trägerschaft zu behalten. Wir müssen riskieren, diese wenigen Personen, die christliche Werte vertreten, mit den anderen in Kontakt zu bringen. Christus hat auch nur mit zwölf Aposteln angefangen. Wenn ich katholische Krankenhäuser besuche, höre ich immer wieder, warum die Leute zu dieser Einrichtung kommen: Sie fühlen, dass sie und ihre Familien als Personen angenommen und unterstützt werden. Aus einem katholischen Spital geht man nicht ganz anders nach Hause, aber etwas wird man mitnehmen. Das ist nicht wenig heutzutage. Es gibt nicht mehr so viel „Salz“, aber das Salz muss da sein – wenn wir auch wenige sind.

Die qualifizierte katholische Minderheit fragt sich in Krankenhäusern, Schulen oder Kindergärten heute: Welchen Anteil an ungetauften Mitarbeitern verkraftet der Betrieb? Können Nichtkatholiken auch verantwortungsvolle Positionen übernehmen?

Es gibt keine Regel dafür. Die Träger müssen wirklich als Christen handeln und mit der Gnade Gottes die Verantwortung übernehmen. Es geht nicht so sehr um äußere Erfolge. Es geht um innere Begegnung. Gott weiß, warum er so geht. Ordensleute und Christen, die in katholischen Einrichtungen arbeiten, müssen wissen: Christus bekehrt, nicht wir.

Würden Sie sich in Deutschland ein stärkeres gesellschaftspolitisches Engagement von Ordensleuten wünschen – beispielsweise für die Bürgerinitiative „Einer von uns“?

Ja – und zwar aus christlichen Werten heraus. Ordensleute sind wie alle Christen Mitglieder der Gesellschaft und haben Anteil am Leben der Gesellschaft. Daran hat der Besuch des Heiligen Vaters auf Lampedusa erinnert. Durch seine Haltung auf Lampedusa und durch seine kritischen Worte will der Papst anderen diese Signale senden. Viele Klöster beherbergen heute Asylanten und ehemalige Strafgefangene oder teilen ihren Wohnraum mit Bedürftigen. Sie machen keinen Unterschied und helfen dem, der in Not ist. Das ist das christliche Maß.

Der Heilige Vater hat die Ordensleute auf ihr Armutsgelübde hingewiesen. Auch Klöster profitieren heute von den Marktentwicklungen in reichen Ländern, etwa durch ihren Aktienbesitz. Oder sie riskieren Geldverluste durch riskante Anleihen. Sind solche Besitzformen mit dem Armutsgelübde vereinbar?

Ja, Aktienbesitz und Fonds gehören heute zur Wirtschaft. Wer Kapital zur Verfügung hat, kann durch Aktiengesellschaften Werte für die Bevölkerung schöpfen. Gut geführte Aktiengesellschaften sind ein Dienst an der Gesellschaft. Auch Ordensgemeinschaften müssen an die Zukunft denken. Die Art und Weise, wie das geschieht, ist natürlich eine moralische Frage, bei der Vorsicht geboten ist.

Wünschen Sie sich für die Kirche einen bescheideneren Stil?

Jeder muss das für sich entscheiden. Vor dreißig Jahren war ein Mercedes Luxus, und jetzt fährt fast jeder einen Mercedes. Man kann aber auch arm leben mit einem Mercedes. Allerdings dürfen die Mittel immer nur Mittel zum Zweck sein. Ich fahre lieber mit einem Volkswagen. Man muss sich in den Lebensstil der Umgebung einordnen. In Berlin lebt man anders als in Neu Delhi oder in Tokio. Auch die Nuntiatur kann sich vielleicht bescheidener einrichten. Wir versuchen das auch. Unser Leben hier ähnelt etwa dem einer Ordensgemeinschaft: täglich zusammen leben und beten.

Beim Nationalen Eucharistischen Kongress in Köln hat der Abtprimas der Benediktiner Notker Wolf Aufsehen erregt mit seinem Vorschlag, die Sonntagspflicht zu lockern. Wie sehen Sie das?

Das Gebot ist eine Hilfe, um mit Christus in Verbindung zu bleiben. Durch die Sonntagsmesse bekommen wir ein Bewusstsein dafür, was es bedeutet, Christ zu sein. Natürlich gehen wir Katholiken nicht allein um des Gebotes willen zur Sonntagsmesse. Das Gebot unterstützt aber einen Liebesakt. Die Kirche handelt wie eine gute Mutter, die ihrem Kind Anweisungen gibt zu seinem Besten. Das gleiche gilt für die Gebote der Kirche wie die Sonntagspflicht. Gerade an der laxen Haltung vieler gegenüber diesem Gebot zeigt sich heute der Einfluss des Konsumismus und des Tourismus.

Sie haben kürzlich an der Konferenz der deutschen Ordensoberen teilgenommen. Welche Reformanstöße trauen Sie den Orden heute in Deutschland zu?

Wer sieht, wie wenige Leute wirklich aus dem Glauben leben, begreift, dass die Orden durch ihr Charisma einen besondern Auftrag haben, die Gegenwart Christi in der Gesellschaft immer mehr zu verwirklichen. In Deutschland ist der Konsumismus eine besondere Herausforderung. Ich freue mich über Initiativen wie zum Beispiel das Zentrum der Kapuziner in Frankfurt: Dort kann man Ordensleuten begegnen und über religiöse Fragen und Lebensprobleme reden. Vielleicht hätten unsere Ordensleute als Gemeinschaft mehr Strahlkraft durch das öffentliche gemeinsame Gebet in der Kapelle, dem sich andere Leute anschließen können. Das ist für größere Konvente wie die Benediktiner, die Dominikaner oder die Franziskaner leichter als für Gemeinschaften mit nur zwei oder drei Mitgliedern. Aber man sollte die Möglichkeit dazu geben. Es finden sich immer Leute, die gern die Vesper oder die Komplet mit den Ordensleuten beten. Wichtig ist auch, dass die Liturgie gut gefeiert wird.

Halten Sie es für denkbar, dass apostolisch tätige Orden in Europa im Zug der Wirtschaftskrise eine Trendwende erleben?

Wenn man sieht, wie viele Orden im 19. Jahrhundert aus dem Elend des Volkes heraus entstanden sind, schließt man natürlich nicht aus, dass die Not der Menschen heute zu neuen Gründungen führen oder alte Gründungen wieder beleben wird. Aber der Dienst muss anders werden. Um näher bei den Menschen zu sein gibt es viele Möglichkeiten: Es gibt Orden, die Dienst im Internet tun und Antworten auf Fragen geben. Auch die Medienarbeit gehört in die neuen Dienste der Ordensleute für die Gesellschaft und die Kirche. Der Heilige Geist bahnt sich in jeder Epoche seinen Weg.

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