Halbleere Hallen und volle Kirchen

Politikverdrossenheit und Sehnsucht nach Spiritualität prägen den hundertsten deutschen Katholikentag – Designierter Bischof von Dresden-Meißen Heinrich Timmerevers zelebriert seine erste Messe in der Diözese mit „Nightfever“ – Nostalgie und Generation 60 plus beim Abend mit Karl Kardinal Lehmann. Von Regina Einig
Foto: reg | Wegen Überfüllung geschlossen: „Nightfever“ zog am Samstagabend viele Gläubige in die evangelische Nikolaikirche.

Leipzig (DT) Wer beim hundertsten deutschen Katholikentag im sonnigen Leipzig dem Aufruf des Papstes folgt und an die Ränder geht, kommt an den Übertragungswagen der Radiosender vorbei. Am Samstag gibt die in Leipzig wohnende AfD-Vorsitzende Frauke Petry dem Deutschlandradio in Leipzig das „Interview der Woche“ für den folgenden Sonntag. Warum Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Petry nicht bei einer Veranstaltung des Katholikentags sehen wollen, begründet ZdK–Präsident Thomas Sternberg am selben Tag in der Oper bei der Runde über Populismus, Nationalismus und die neue Rechte in Europa: „Das wäre der überragende Knaller des Katholikentags geworden.“ Stattdessen habe man deutlich gemacht, dass Katholiken in diesem Land nicht bereit seien, denjenigen ein Podium zu bieten, die berechtigte Ängste, Sorgen und Nöte der Menschen mit ausländerfeindlichen Parolen ausnutzten für politische Zwecke. Das ZdK habe niemanden ausgeladen, sehe aber keinen im Führungspersonal der AfD, der etwas Sinnvolles beitragen könne zu den Problemen, die in Leipzig erörtert würden. Auf den Einwand, dass es in der AfD aktive Christen gebe, reicht Elke Hermann vom Diözesanrat Dresden-Meißen die heiße Kartoffel an die Pfarreien weiter: Dort solle man die einschlägigen Debatten führen, aber nicht auf Katholikentagen.

Jérôme Vignon, Präsident der „Semaines Sociales de France“, berichtet über den „extremen Nationalismus“ in Frankreich. Anhänger des „Front National“ (FN) seien in vielen Fällen keine Protestwähler, sondern Überzeugungstäter, mit einem hohen Anteil junger Franzosen. Dass dieser Umstand innerhalb des französischen Katholizismus in den letzten Jahren zu einer Spaltung geführt hat und besorgte Bischöfe und Laien nach anfänglicher Zurückhaltung den Dialog mit den FN-Politikern nun für unumgänglich halten, um den verlorenen Schafen nachzugehen, erwähnt Vignon zwar nicht, bringt seine Sicht auf Frankreich aber auf den Punkt: „Die einzige Lösung, um wieder Einfluss zu gewinnen, ist Dialog“ – auch innerhalb der katholischen Kirche.

Dass die Dialogbereitschaft in Leipzig Grenzen hat, zeigt sich nicht nur im Umgang mit der AfD. Enttäuschung gibt es in den Reihen der Lebensrechtler: Nach dem Katholikentag in Regensburg 2014 haben manche gehofft, der Graben in der Schwangerenkonfliktberatung zwischen Caritas, dem Sozialdienst katholischer Frauen und Donum vitae könne wenigstens teilweise überwunden werden zugunsten eines gemeinsamen Engagements beim „Marsch für das Leben“. Fortgesetzt wird das Regensburger Gespräch in Leipzig allerdings nicht. Dabei beweist gerade das Kirchenbild einiger Protestler, welche Signalstärke die Botschaft der Kirche für das Leben auch bei den überwiegend konfessionslosen Leipzigern hat. Dass die Kirche gegen Abtreibung ist, haben selbst kirchenferne Zeitgenossen auf dem Schirm. In der Fußgängerzone finden sich hier und da Aufkleber gegen den Katholikentag mit der Aufschrift „Abtreibung soll erlaubt bleiben“.

Als Johannes Paul II. nach der Königsteiner Erklärung fragte

Dafür werden nachkonziliare Konflikte wieder angesprochen. Der Abend mit Kardinal Karl Lehmann über hundert Jahre Katholikentag verströmt den Charme eines Veteranentreffens. Ergraute Häupter füllen die Reihen, viele haben mehr als eine halbe Stunde auf Einlass gewartet. Auch zwei ehemalige ZdK-Präsidenten, Rita Waschbüsch und Hans Maier, geben dem Mainzer Bischof die Ehre. Andächtig lauscht das Publikum den Ausführungen des Kardinals über Spannungen zwischen Rom und den deutschen Bischöfen und seine erste Begegnung mit Johannes Paul II. nach der Wahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz im Jahr 1987. Der Papst habe ihn darauf angesprochen, dass Kardinal Julius Döpfner vorgehabt habe, die Königsteiner Erklärung, mit der die deutschen Bischöfe auf die Enzyklika Humanae vitae reagierten, zurückzunehmen. „Und was machen Sie jetzt?“, habe der Papst gefragt. „Er hat elf Jahre Zeit gehabt, lassen Sie mir auch Zeit“, so Lehmann und erntet Gelächter und lauten Beifall. Er habe dem Papst einmal darlegen wollen, „was die Königsteiner Erklärung sagt und was sie nicht sagt, wo man sie auch falsch interpretiert und wo sie zum Teil auch ausgesprochen in Misskredit gebracht und missbraucht wird“. Er habe Johannes Paul II. das Gutachten übergeben. „Ich habe ihm immer große Achtung entgegengebracht, weil er mich immer anhörte.“ Heute sei er der Meinung, dass der Papst gemerkt habe, dass er über die Königsteiner Erklärung falsch informiert worden sei. Wohlwollend nimmt das Publikum zur Kenntnis, dass Kardinal Lehmann nicht glücklich darüber ist, dass die Kirche in der Frage des Diakonats der Frau noch nicht weiter ist.

Anderen ist das schlicht gleichgültig. Weiter denn je gehen die Interessen der Katholikentagsbesucher auseinander. Nach Angaben des Veranstalters sind 34 000 Dauerteilnehmer gekommen. Schrille Alternativveranstaltungen wie „Katholikentag von unten“ gibt es in Leipzig nicht. Einbinden ist die Maxime. Kirchenkritische Gruppen wie die Pfarrerinitiative sind mit einem eigenen Stand präsent. Andere vermissen ein geistliches Zentrum mit eucharistischer Anbetung und Beichtgelegenheit. Vor allem jüngere Besucher konzentrieren sich stark auf spirituelle Angebote. Viele Hallen bleiben trotz hochkarätig besetzter Podien halbleer. Ein Schuss Weltjugendtag und die Sehnsucht nach einem deutschen Taizé liegen in der Luft. Wo gebetet und gesungen wird, ist bald kein Platz mehr frei. Mit Händen greifbar wird der Generationenwechsel, wo junge Gläubige aus Ostdeutschland über ihren hürdenreichen Glaubensweg berichten. Stichwort Katholische Hochschulgemeinde: Michael, ein gebürtiger Leipziger, bereitet sich in Erfurt auf die Priesterweihe vor. Ursprünglich hatte der Konvertit evangelischer Pfarrer werden wollen. Doch als ihn das Studium nicht innerlich ausfüllte, begab er sich nach dem Vordiplom auf die Suche und schaute sich viele christliche Gemeinden an. In der katholischen Hochschulgemeinde habe es ihn bei der Roratemesse gepackt, erzählt er. Die sinnlich-erfahrbaren Momente des Glaubens in Liturgien mit Weihrauch und festlichen Gewändern waren für den heute 27-Jährigen eine neue und tiefe Erfahrung. Verbindlichkeit im Glauben ist Michael wichtig. Es gehe um mehr als nur um irgendein höheres Wesen. Die Unbefangenheit, mit der junge Konvertiten die Kirche bejahen, gehört zu den aufschlussreichsten Momenten des Katholikentags. Auf das unvermeidliche Thema Zölibat angesprochen, antwortet Michael: „Keuschheit ist eine Tugend für jeden Christen“. Aufgrund seiner Glaubensbiografie kennt er viele evangelische Pfarrerskinder und sieht die dreifache Beanspruchung protestantischer Geistlicher nüchtern: „Am Ende muss jemand hinten runterfallen: die Gemeinde, die Familie oder man selbst.“

Michael ist nicht der einzige, der in der Hochschulgemeinde den Slogan „Jesus ja, Kirche nein“ ablehnt. Aus dem Kreis der Teilnehmer kommen Lobeshymnen auf die Schönheit der katholischen Liturgie. Vor allem das Erlebnis Kloster, der gregorianische Choral und das feierliche Stundengebet kann junge Menschen überwältigen. Ein bewegendes Zeugnis dafür gibt auch Sybille Burmeister. In Norddeutschland kirchenfern aufgewachsen, stieß sie während ihres Geschichtsstudiums auf die Zisterzienser. Während eines vierzehntägigen Aufenthalts in der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld bei Augsburg erlebte sie die klösterliche Liturgie. „Seitdem hat mich das nicht mehr losgelassen.“

Die Taufe als eines der schönsten Feste im Leben

Ihre Freude am Chorgesang förderte den Wunsch, katholisch zu werden: Was sie in den Gottesdiensten erlebte, wollte sie nicht nur singen, sondern auch mitfeiern. „Einen krassen Rückschlag“ auf dem Weg zur Taufe erfuhr sie auf dem Mannheimer Katholikentag 2012. Keine einzige Veranstaltung richtete sich an Besucher, die katholisch werden wollten. Burmeisters Suche nach Informationen über den praktischen Weg in die katholische Kirche blieb dort erfolglos. Immerhin erreichte sie mit ihrer Beschwerde beim damaligen ZdK-Präsidenten Alois Glück, dass ein entsprechender Programmpunkt in Leipzig aufgenommen wurde. Weiter brachte sie ein mehrwöchiger Glaubenskurs in einer Ludwigshafener Pfarrgemeinde. Ihre Taufe, so Burmeister, sei „eines der schönsten Feste ihres Lebens“ gewesen. Die Liturgie, die Tatsache, dass die katholische Kirche Weltkirche sei und „das Papstamt als letzte verbliebene moralische Instanz“ – all das sind aus ihrer Sicht Aspekte, die für die katholische Kirche sprechen. Allerdings könnte die Kirche es Interessenten den Weg zur Aufnahme einfacher machen, so ihr Resumee.

Wie wichtig Menschen, die Suchende begleiten, sind bestätigt auch Nina Achminow, die aus der Kirche austrat und sich später wieder mit ihr versöhnte. Ein wichtiger Schritt zum Wiedereintritt war die katholische Glaubensinformation der Jesuiten in Berlin. Achminow beschreibt sich heute als selbstbewusst genug, um Inhalte anzusprechen. Ihrer Erfahrung nach üben die Medien heute erheblichen öffentlichen Druck auf Christen aus. Nach ihrem Austritt habe sie es zunächst als entspannend empfunden, sich nicht mehr rechtfertigen zu müssen. Doch nicht alles, was medial über die Kirche verbreitet wird, trifft auch zu. Aus Erfahrung weiß sie: „Es lohnt sich, nachzubohren“.

Und authentische Antworten zu geben: Bruder Paulus Terwitte OFMCap gibt auf dem Podium über Theologie und Frömmigkeit zu bedenken, dass Journalisten oft „händeringend gläubige Theologen suchen, die von der Wahrheit des Evangeliums durchdrungen sind und keine Sätze drechseln“. Weniger reden und mehr sagen – diese Sehnsucht drängt viele abends in die evangelisch-lutherische Nikolaikirche zum Nightfever. Die Leipziger können ihren designierten Ortsbischof Heinrich Timmerevers kennenlernen, der seine erste Eucharistie im Bistum Dresden-Meißen nach der Ernennung feiert. In der gesteckt vollen Kirche erinnert Timmerevers an die friedliche Revolution und die politische Wende von 1989. Beter in der Nikolaikirche verstärkten damals die Friedensbewegung. Hunderte Gläubige bleiben nach der heiligen Messe zur eucharistischen Anbetung. Beim Abschlussgottesdienst am Sonntag verweist Reinhard Kardinal Marx auf die heilsame Provokation des Evangeliums : „Wir müssen alles dafür tun, dass die europäische Grenze nicht eine Grenze ist, an der mehrere tausend Menschen im Jahr ertrinken. Das dürfen wir nicht zulassen! Wir wollen deshalb Politik aus dem Geist des Evangeliums möglich machen.“

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