Glaube, Gewissen und Gratwanderungen

Deutscher Optimismus trifft auf polnische Skepsis: Internationale Konferenz in Warschau über Christen in der Politik. Von Stefan Meetschen
Foto: KNA | Warb für Kompromissbereitschaft: Stefan Vesper.
Foto: KNA | Warb für Kompromissbereitschaft: Stefan Vesper.

Warschau (DT) Die Grenze zwischen Deutschland und Polen mag im Zuge des Europäischen Einigungsprozesses immer offener geworden sein, in der Art und Weise des Denkens und Glaubens unterscheiden sich die Menschen diesseits und jenseits der Oder jedoch nach wie vor. Dies wurde jetzt wieder bei einer Konferenz in Warschau deutlich, veranstaltet von der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Institut für Politologie der Kardinal Stefan Wyszynski-Universität (UKSW), bei der Kirchenvertreter, Wissenschaftler und Politiker zusammenkamen. Bereits die Konferenz-Titel führten die Unterschiede vor Augen: „Christen in der Politik: Herausforderungen und Erfahrungen“, so der Titel im deutschen Programm, während in der polnischen Fassung mit „Chrzeœcijañin w polityce“ („Der Christ in der Politik“) die Singularform gewählt wurde.

Nicht ohne Grund, wie Jan Grosfeld, Leiter des Lehrstuhls für Moderne Gesellschaftsphilosophie der Kirche an der UKSW gleich zu Beginn deutlich machte: „Es ist uns auf polnischer Seite wichtiger, die persönliche, individuelle Situation des Menschen in der Politik hervorzuheben, als über christliche Parteiungen in der Politik zu sprechen“, erläuterte der bekannte polnische Intellektuelle die polnische Titelwahl in der vollbesetzten Großen Aula des Bobolanums, der Akademie der Jesuiten in Warschau.

Ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied in der Nuancierung, der sich wie ein dramaturgischer Faden durch die Diskussionen und Debatten des Tages zog. Überzeugend war die Moderation Stephan Raabes, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen: Nicht nur, weil er mit seinen Fragen und Zwischenmoderationen immer wieder sachdienlich in die Gespräche und Fragerunden eingriff, sondern auch für die Kompetenz ausstrahlende Gästeliste, die neben der polnischen Wissenschaftselite auch den Metropolit von Warschau, Kardinal Kazimierz Nycz, den CDU-Politiker Hermann Kues sowie den Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper, umschloss.

Die drei wesentlichen „K's“ christlicher Politiker

Vesper war es dann auch, der in seinem Eingangs-Statement, in Anlehnung an den Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Alois Glück an die drei wesentlichen Ks für christliche Politiker erinnerte, nämlich: Kompass (Orientierung an Werten und Glaube), Kompetenz (Fachwissen) und Kompromiss (Realismus bei demokratischen Verfahren). Schließlich, so Vesper, mache ein christlicher Politiker nicht nur Politik für Christen, sondern für alle. „Ich möchte deshalb für die Dignität des Kompromisses werben!“

Werbung für eine skeptischere Auffassung des Verhältnisses von Glaube und Politik machte der UKSW-Politologe und langjährige Assistent des Philosophen Józef Tischner, Zbigniew Stawrowski, der in seinen Ausführungen nicht nur die politische Vorbildtauglichkeit von Jesus in Frage stellte, sondern auch die Versuchungen der Politik und insbesondere des Kompromisses darstellte. „Jesus hat die Politik als Instrument, um an die Macht zu kommen, eindeutig abgelehnt. Vielleicht weil die Politik immer mit Gefahren verbunden ist. Wer Politik macht, das hat schon Max Weber gewusst, schließt einen Pakt mit dem Teufel. Unter dem Schleier des Kompromisses lauert die Gefahr, die eigenen Ideale zu verraten und dabei die Vergöttlichung der Politik zu betreiben.“

Es war Kardinal Nycz vorbehalten, zwischen beiden Auffassungen, der optimistisch-deutschen und der skeptisch-polnischen, zu vermitteln. Nycz tat dies, indem er auf die zahlreichen kirchlichen und päpstlichen Dokumente und Veröffentlichungen, wie zum Beispiel auch die Pastorale Konstitution „Gaudium et spes“ hinwies, in der deutlich zwischen der autonomen Rolle des Lehramtes und dem verantwortungsvollen Dienst der christlichen Laien in der Politik unterschieden wird.

Nycz forderte leidenschaftlich zum Engagement der christlichen Laien in der Politik auf, wobei er mahnend daran erinnerte, dass schon zu kommunistischer Zeit der Versuch unternommen worden sei, Christen aus politischen Ämtern zu vertreiben mit der Begründung: Das machen wir schon für Euch! Dies, so Nycz, dürfe sich nicht wiederholen. Dafür müsse man auch in Kauf nehmen, dass sich christliche Politiker bei manchen Themen „die Hände schmutzig“ machen. „Doch der Bäcker“, so Nycz, „macht sich die Hände auch mit Mehl schmutzig!“ Das sei also keine Schande, sondern gehöre praktisch zum Berufsbild und sei allein dem Gewissen des einzelnen Politikers in seiner Sorge für das Gemeinwohl überlassen. Eine pragmatische, fast schon deutsche Einstellung, die von Hermann Kues auf Grundlage der eigenen politischen Praxis-Erfahrungen entschlossen bestätigt wurde. Wobei Kues dafür plädierte, die christlichen Werte „nicht defensiv, sondern offensiv“ in die Politik zu bringen, als etwas, was auch für Kirchenfernstehende attraktiv sei. Als demokratischer Politiker müsse man eben auch immer „Mehrheiten und Beschlussfähigkeit“ im Blick haben. Der frühere Sejm-Marschall Marek Jurek stimmte zu. Persönlich hat sich Jurek dafür entschieden, der eigenen Glaubens- und Gewissensreinheit größere Priorität einzuräumen als dem politischen Erfolg.

Klage über weiches Rückgrat der Politiker in harten Fragen

So hat er schon vor einiger Zeit die Kaczynski-Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) verlassen, weil diese aus seiner Sicht nicht entschieden genug gegen Abtreibung eintrat – mit der Folge, dass Jurek nun mit einer eigenen kleinen Partei bei ungefähr einem Prozent der Wählerstimmen in Polen liegt. „Doch ich genieße diese Freiheit, weil ich mit mir selbst im Reinen bin“, so Jurek. Mit Besorgnis verfolgt er, wie christliche Politiker bei den Themen Lebensschutz und Homosexuellenrechte umfallen. „Erst ist man dagegen, dann verliert man bei den Gesetzesabstimmungen und schließlich nach fünfzehn Jahren macht man sich die Positionen der Gegner sogar zu eigen. Das kann es nicht sein!“

Ein spezielles Thema, ohne weitere Übersetzungsdifferenzen, wurde schließlich noch am Ende der Konferenz im kleinen Kreis diskutiert: „Die Situation der katholischen Kirche in Deutschland und in Polen“. Stefan Vesper scheute in Anwesenheit von polnischen Priester-Autoritäten wie Stanis³aw Budzik, dem Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz, Marian Subocz, dem Leiter der Caritas in Polen, sowie Helmut Juros, dem früheren Direktor des Instituts für Politologie der UKSW, nicht davor zurück, die Diskussion um sexuelle Missbrauchsfälle durch Priester im vergangenen Jahr in Deutschland als Ursache des „Aufbrechens des Klerikalismus“ zu bezeichnen. „Diese ganze Atmosphäre des Vertuschens und Verschweigens“, so Vesper, sei durch die Aufdeckung einiger Fälle endlich ins Wanken geraten – um schließlich direkt, sozusagen schlussfolgernd, auf das „Theologen-Memorandum“ zu sprechen zu kommen. Vesper zufolge ist es „kein Skandalon“, sondern vertritt berechtigte Anliegen. Das veranlasste die jetzige Direktorin des Instituts für Politologie der UKSW, Aniela Dylus, zu der verwunderten Nachfrage, wieso die katholische Elite Deutschlands sich ausgerechnet jetzt mit solch alten Themen wie der Frauenordination und den „viri probati“ befasse, diese seien doch, so Dylus, „nachrangige Probleme“. Vesper antwortete mit dem etwas schiefen Bild vom Hochhaus, in dem seit langem der Aufzug nicht mehr funktioniere. Deshalb seien nicht der Zeitpunkt oder die Neuheit der Beschwerden entscheidend, sondern vor allem die Problembehebung. Er nannte auch die Existenz einer „Gegen-Resolution“ unter den Katholiken in Deutschland und erwähnte, dass ihm in jüngster Zeit in Briefen von konservativer Seite „sehr viel Aggressivität“ entgegengeschlagen sei.

Hermann Kues hingegen verteidigte vor den polnischen Kirchen-Experten die öffentliche Brief-Forderung der CDU-Politiker nach „Abschaffung des Zwangszölibats, nicht des Zölibats allgemein“, die er selbst mitunterzeichnet hat, mit der „realen Lebenswirklichkeit“ in Deutschland. Jan Grosfeld, der sich in der polnischen Gesellschaft sehr für den Dialog zwischen Juden und Christen engagiert, reagierte mit leichtem Kopfschütteln: „Frauenordination und freiwilliger Zölibat lösen nicht das Problem. Die Krise geht tiefer. Eine Neu-Evangelisierung im Sinne Johannes Pauls II. ist nötig.“ Ausdrücklich hob Grosfeld den Lernprozess Benedikts XVI. hervor, „der in Polen wahrscheinlich beliebter ist als in Deutschland“. „Früher als Kardinal war er gegen den Weltjugendtag und die Assisi-Treffen, jetzt von erhöhter Perspektive hat er erkannt, wie wichtig beides ist.“

Deutlich wurde bei dieser Konferenz gerade wegen unterschiedlicher Auffassungen, dass sich durchaus freundschaftlich über die Rolle der Kirche in der Gesellschaft diskutieren lässt, wenn auf der gute Wille und ausreichend Dialogkraft vorhanden sind und nicht nur der unbedingte Wille zur Deutungshoheit.

Von daher war diese deutsch-polnische Konferenz geradezu ein hoffnungsvolles Zeichen für den auch von den deutschen Bischöfen so sehr gewünschten Brückenschlag zwischen liberalen und konservativen Kräften im Geiste „emotionaler Abrüstung“. Mit seinem Schlusswort in Warschau hat Stefan Vesper die gemeinsame Basis für die Kirche in Deutschland jedenfalls auf den Punkt gebracht: „Das Evangelium lässt sich von niemand kaputtmachen.“ Genau darin liegt wahrscheinlich die heilende Erkenntnis angesichts der aktuellen deutschen Kirchenkonflikte – abgesehen von der grundsätzlichen Einsicht, dass Polen für deutsche Katholiken jeglicher Gesinnung immer einen Besuch wert ist. Als Lernort.

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