„Geduld, Geduld – was sind schon fünfzig Jahre?“

Fünfzig Jahre nach der Eröffnung des Zweiten Vatikanums – Ein Gespräch mit dem Kirchenhistoriker Walter Kardinal Brandmüller über die Früchte. Von Guido Horst
Foto: dpa | Walter Kardinal Brandmüller fordert mehr missionarischen Elan.
Foto: dpa | Walter Kardinal Brandmüller fordert mehr missionarischen Elan.
Das Zweite Vatikanum war ein Pastoralkonzil, das aber auch dogmatische Erklärungen abgegeben hat. Hat es das in der Geschichte der Kirche schon einmal gegeben? Das Apostelkonzil oder das Konzil von Trient etwa hatten ja durchaus pastorale Themen, haben aber auch „Lehre definiert“...

Es scheint in der Tat so, dass mit dem Zweiten Vatikanum ein neuer Konzilstyp geschaffen wurde. Allein schon die Sprache und die Ausführlichkeit der Texte lässt erkennen, dass die Väter des Konzils weniger neue kirchlich und theologisch strittige Fragen klären, als sich im Stile der Verkündigung an die kirchliche Öffentlichkeit und die ganze Welt wenden wollten.

Jetzt heißt es immer, die katholischen Gläubigen sollten die Texte des Konzils lesen. Ist das nicht neu? Normalerweise haben die Konzilien der Kirchengeschichte die Klärungen offener theologischer oder disziplinärer oder pastoraler Fragen herbeigeführt und diese Klärungen dann an den Episkopat und den Klerus zur Umsetzung weitergegeben. Haben früher auch die einfachen Gläubigen Konzilstexte gelesen und sich zu Herzen genommen?

Das ist wohl etwas zu viel gesagt. Natürlich gibt es Inhalte des Konzils, die zu kennen allen Gläubigen gut anstünde – namentlich etwa die Konzilskonstitutionen über die Kirche „Lumen Gentium“, über die Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ und über die Offenbarung „Dei Verbum“, besonders aber über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et Spes“. Andere hingegen betreffen doch eher Bischöfe und Priester. Im Übrigen ist es deren Aufgabe, die Gläubigen mit den Lehren beziehungsweise Weisungen des Konzils bekannt zu machen.

Ein „Novum“ gab es beim Zweiten Vatikanum: Das Heer von Konzilsberichterstattern und die Medien, die den Verlauf des Konzils und dessen Ergebnisse öffentlich verbreitet haben. Da wurden dann oft mehr die „Machtkämpfe“ in der Konzilsaula nach außen transportiert als die mit großer Mehrheit angenommenen Konzilsdokumente und deren Inhalte. War das nicht eine Fehlkonstruktion?

Nun, so ganz neu ist es nicht, dass ein Konzil zum Weltereignis wird. Denken Sie an das Erste Vatikanum, das – im Rahmen des damals Möglichen – in dieser Hinsicht durchaus mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu vergleichen ist. Die deutschen Leser seien nur an die Rolle erinnert, die die in Augsburg erscheinende – der heutigen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vergleichbare – „Allgemeine Zeitung“ im Hinblick auf das Konzil gespielt hat. Es war besonders der berühmte Münchner Theologe Ignaz von Döllinger, der zusammen mit seinem Schüler und Freund Lord Acton mit der „Allgemeinen Zeitung“ eine europaweite journalistische Kampagne gegen das Konzil und gegen Pius IX. orchestriert und dirigiert hat. Und: Schon damals gab es – trotz strengem Geheimhaltegebot – eine üppige „Dokumentenflucht“ aus der Konzilswerkstatt. Auf diese Weise sollten nicht nur die Konzilsväter manipuliert, sondern auch die Weltöffentlichkeit davon überzeugt werden, dass das Konzil einen Generalangriff auf die moderne Kultur und Gesellschaft vorbereite.

Auf jeden Fall gab es nach dem Zweiten Vatikanum so etwas wie einen „Geist des Konzils“. Eine typische Erscheinung in der Konziliengeschichte?

„Konzilsgeist“: Das Wort mag eine Erfindung unserer Zeit sein – auch in der spezifischen Bedeutung, in der es heute gebraucht wird. Man meint damit doch häufig einen eher gefühlsmäßigen Drang nach Veränderung. In einem positiven Sinn kann man jedoch vom „Geist des Konzils“ im Zusammenhang mit dem Konzil von Trient sprechen. Dessen Dekrete über Erbsünde, Rechtfertigung, Messopfer und so weiter haben ein erneuertes Glaubensbewusstsein geschaffen und damit den Grundstein zu einem gewaltigen religiös-kulturellen Aufschwung gelegt, von dem wir noch heute zehren.

Wenn ein Konzil nach fünfzig Jahren vom Kirchenvolk nicht ordentlich rezipiert worden ist, muss man es dann nicht für gescheitert erklären und wiederholen? „Gescheitert“ ist ein hartes Wort. Aber Benedikt XVI. selber hat in seiner ersten Weihnachtsansprache vor der römischen Kurie zwei Konzils-Hermeneutiken gegenübergestellt und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als sei die vom Papst nicht bevorzugte Hermeneutik diejenige, die sich vor allem in Europa und Nordamerika durchgesetzt hat.

Das ist eine typische Frage, die ganz dem neuartigen, hektischen Lebensgefühl unserer Zeit entspricht. Aber was sind denn schon fünfzig Jahre?! Denken Sie doch einmal an das Konzil von Nicäa, das 325 stattgefunden hat. Die Auseinandersetzungen um das Dogma dieses Konzils – der Sohn ist gleichen Wesens mit dem Vater – dauerten länger als ein Jahrhundert. Zum fünfzigsten Jahrestag des Konzils von Nicäa wurde der heilige Ambrosius Bischof von Mailand – und stand dann bis zu seinem Tod in heftigsten Auseinandersetzungen mit den Arianern, die das Nicänum ablehnten. Wenig später war ein neues Konzil – das Erste Konstantinopolitanum von 381 – notwendig geworden, um das Glaubensbekenntnis von Nicäa zu vervollständigen, und der heilige Augustinus hatte bis zu seinem Tod im Jahre 430 mit den Häretikern zu kämpfen. Auch das Konzil von Trient hatte zu seinem fünfzigsten Jahrestag – 1596 – herzlich wenige Früchte gebracht. Erst musste eine neue Generation von Bischöfen und Priestern im „Geiste des Konzils“ heranwachsen, ehe dieses seine Wirkung entfalten konnte. Wir sollten doch einen etwas längeren Atem haben.

Und nun fragen Sie nach der Hermeneutik, nach welcher das Zweite Vatikanum zu interpretieren sei. Dass – wie Benedikt XVI. betont – eine Hermeneutik des Bruches zur Interpretation nicht nur dieses Konzils, sondern aller Konzilien und sonstigen authentischen Lehraussagen der Kirche nicht in Frage kommen kann, ist offensichtlich und selbstverständlich. Wenn – und das ist katholischer Glaube – die Verheißungen Christi nicht bloßer Schall und Rauch sein sollen, dann bleibt der Herr bei seiner Kirche, dann lenkt und leitet er sie durch seinen Heiligen Geist, der sie in die ganze Wahrheit einführt und sie vor Irrtum bewahrt. Wer dies glaubt, kann es nie und nimmer für möglich halten, dass die Kirche Jesu Christi jahrhundertelang Lehren geglaubt und ihnen entsprechend gelebt habe, die dann durch ein Konzil als irrig und durch neue Lehren überholt erklärt werden könnten. Der Heilige Geist widerspricht sich nicht. Insofern ist die von Benedikt XVI. postulierte Hermeneutik der Reform in Kontinuität die einzig legitime Weise, mit der Glaubensgeschichte der Kirche umzugehen. Dazu sollte man diese allerdings kennen.

Das Zweite Vatikanum fand in einem ganz bestimmten historischen Kontext statt. Da war die Fortschritts-Euphorie der sechziger Jahre und nach zweihundert Jahren antikirchlicher Aufklärung, Revolutionen und Kulturkämpfen sah es so aus, als könne ein Schulterschluss mit der modernen Welt wieder möglich sein: Paul VI. sprach vor den Vereinten Nationen und selbst der Dialog mit kommunistischen Regimen schien nicht ausgeschlossen zu sein. Doch das Konzil tagte – und wenige Jahre später kam die 68er-Bewegung, die auch den Klerus und viele Laien erfasste, und zog der katholischen Kirche den Boden unter den Füßen weg. Ein Zweites Vatikanum von 1972 bis 1975 wäre wohl ganz anders verlaufen. Vielleicht sehr viel schlimmer. Vielleicht aber auch gereifter nach einigen bösen Erfahrungen. Sei es, wie es sei: Warum hat es der liebe Gott so eingerichtet, dass sein „Bodenpersonal“ in so hohem Maße zeitlichen und weltlichen Einflüssen unterliegt?

Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie die Bedeutung des historischen Kontextes hervorheben, in welchem das Konzil stattgefunden hat. Ein Konzil spricht aus der Erfahrungswelt seiner Väter heraus – und in sie hinein. Das gilt es zu beachten und es gilt, von diesen zeitbezogenen Elementen zu abstrahieren, wenn die überzeitlich gültige Aussage eines Konzils ermittelt werden soll. Dass die 68er-Bewegung der Kirche den Boden unter Füßen weggezogen habe... Damit meinen Sie doch nicht den Felsen, auf den sie der Herr errichtet hat? (lacht...)

Doch Spaß beiseite: Die Erschütterungen der 68er-Kulturrevolution innerhalb der Kirche waren heftig und sind bis heute nicht überwunden. Ob ein 1972 bis 1975 tagendes Konzil anders verlaufen wäre, das weiß der Herr der Geschichte, der Historiker weiß es nicht. Lassen wir es dahingestellt. Und warum „sein Bodenpersonal“ in so hohem Maße – wie Sie sagen – weltlichen Einflüssen unterworfen ist? Warum hat Gott es auch zugelassen, dass im vierten Jahrhundert „der ganze Erdkreis seufzte und mit Erstaunen feststellte, dass er arianisch geworden war“ (Hieronymus). Warum? „Fluctuat nec mergitur! Von Wogen geschüttelt wird es dennoch nicht untergehen!“ Das gilt nicht nur für das Schifflein im Stadtwappen von Paris, das gilt noch mehr für die Kirche.

So – jetzt reden wir auch einmal über die Früchte des Konzils. Was fällt Ihnen da ein?

Früchte des Konzils? Wie gesagt, Sie sind sehr ungeduldig...

Eine Frucht war sicherlich der „Katechismus der Katholischen Kirche“...

Natürlich, der „Katechismus der Katholischen Kirche“. Das ist eine Analogie zum Tridentinum: Nach dem Konzil von Trient wurde der Catechismus Romanus herausgegeben, der Pfarrern, Predigern und so fort als Maßstab für Predigt und Verkündigung an die Hand gegeben wurde.

Auch der Kodex des kanonischen Rechts von 1983 ist als Frucht des Konzils zu bezeichnen – man wird freilich sagen dürfen, dass letztere Frucht noch der Nachreife bedarf. Dass die nachkonziliare Liturgieform mit ihren Fehlentwicklungen und Umbrüchen nicht dem Konzil und seiner – nach wie vor noch nicht wirklich umgesetzten – Liturgiekonstitution anzulasten ist, sei ausdrücklich bemerkt.

Die weithin erfolgte Entfernung des Latein und des Gregorianischen Chorals wie auch die nahezu flächendeckende Aufstellung von Volksaltären können sich keinesfalls auf Vorschriften des Konzils berufen. Die Etablierung von Pfarrgemeinde-, Dekanats- und Diözesanräten hat – wo nicht mit gesundem Hausverstand durchgeführt – zu einer, wie schon Klaus Mörsdorf kritisch bemerkte, Parallelhierarchie, zu einer mit der sakramental-hierarchischen Struktur nicht zu vereinbarenden „Demokratisierung“ der Kirche und damit zu großen Problemen geführt. Dabei kann von einer wirklichen demokratischen Repräsentanz der Gläubigen überhaupt keine Rede sein, denkt man an die meist lächerlich geringe Beteiligung an den Pfarrgemeinderatswahlen. Laienverantwortung und deren Mitarbeit hatte es längst vor dem Konzil und in erheblichem Umfang gegeben.

Die Verbreitung der „Katechismus der Katholischen Kirche“ ist ein zentrales Anliegen des Papstes für das „Jahr des Glaubens“. Konzil – Katechismus – Glaubensjahr: Benedikt XVI. hat diesen Zusammenhang ganz explizit herausgestellt. Was kann man tun? Volksmissionen? Sonntagsschulen? In vielen Familien greift die Weitergabe des Glaubens ja nicht mehr. Und der Religionsunterricht hat sich anderen Themen zugewandt...

Damit weisen Sie allerdings auf das vielleicht größte und brennendste Problem hin, das es zu bewältigen gilt: die Glaubensvermittlung. Auf diesem Gebiet gibt es seit Jahrzehnten bedrückende Missstände. Da ist zuerst der Religionsunterricht, der, Gott sei Dank, noch in den Schulen stattfinden kann, zu nennen. Dieser Unterricht erfolgt, wie die von Fran¹ois Reckinger durchgeführten Untersuchungen beweisen, auf weite Strecken hin nach Materialien, die selbst grobe Glaubensirrtümer enthalten. Es ist kaum zu verstehen, dass diese die Approbation durch die bischöflichen Behörden erlangen konnten. Die acht vorzüglichen, mit dem Deutschen Schulbuchpreis ausgezeichneten katechetischen Bände von Bischof Andreas Laun hingegen sind andererseits bisher als Lehrmittel nicht zugelassen. Hier stellt sich eine Aufgabe von größter Dringlichkeit, die jetzt im Blick auf das „Jahr des Glaubens“ mit Entschiedenheit in Angriff genommen werden muss. Warum – auch das ist nachdrücklich zu fragen – gibt es bis heute keine Initiative der Deutschen Bischofskonferenz zur Evangelisation der Millionen von Immigranten aus nichtchristlichen Kulturbereichen? Wäre das nicht auch im Sinne einer wirklichen Integration dringend nötig? Das alles kann, soll, muss im „Jahr des Glaubens“ in Angriff genommen werden. Nur eine missionierende, verkündigende Kirche ist eine lebendige Kirche! Damit sie das wieder werden kann, ist es unerlässlich, all jene, die im Dienst der Verkündigung stehen, beginnend mit den theologischen Fakultäten, alle Referenten katholischer Institutionen, Religionslehrer, Erwachsenenbildner und Leiter/innen von Erstkommunion- und Firmgruppen darauf zu verpflichten, den authentischen katholischen Glauben zu vermitteln.

Ein für jeden feststellbares Merkmal der „nachkonziliaren Kirche“ ist die veränderte Liturgie. Die Reform der Liturgie wurde von den Konzilsvätern „in Auftrag gegeben“ – gemacht haben sie andere. Im Sinne des Zweiten Vatikanums?

Diese Frage ist zweifellos zu stellen, und sie kann nur mit erheblichen Einschränkungen bejahend beantwortet werden. Insbesondere sieht man im Rückblick deutlich, mit welchem Mangel an seelsorgerischem Einfühlungsvermögen, an pastoralem Hausverstand bei der Liturgiereform vorgegangen wurde. Man denke nur an die geradezu an den Bildersturm des achten Jahrhunderts erinnernden Exzesse in den Kirchen, die zahllose Gläubige heimatlos gemacht haben. Doch darüber ist längst alles gesagt. Mittlerweile setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Liturgie eine elementare Lebensäußerung der Kirche ist, die zwar der geschichtlichen organischen Entwicklung unterliegt, nicht aber, wie geschehen, per ordre de mufti abrupt dekretiert werden kann. An den Folgen leiden wir noch heute.

Eine abschließende Frage: Stehen wir unter Zeitdruck, offene Fragen, die das Konzil hinterlassen hat, jetzt bald zu klären? Oder wäre es vielleicht besser, das Konzil und die Unruhezeit im Anschluss zu vergessen und stattdessen wieder zum Wesentlichen des katholischen Glaubens zurückzukehren? Also zu den Kernfragen der menschlichen Existenz – woher kommen wir, wer sind wir, was wird aus uns? –, anstatt in irgendwelchen Dialogprozessen „Reizthemen“ zu diskutieren – wiederverheiratete Geschiedene, Frau und Amt, homosexuelle Partnerschaften und so weiter.

Damit, meine ich, ist diese Frage auch schon beantwortet. Lassen wir uns nicht die ewiggestrigen Reizthemen aufdrängen und dadurch vom Wesentlichen ablenken, wie es der Feind Gottes und der Menschen so oft mit Erfolg versucht. Kein „Dialog“, sondern Verkündigung heißt das Gebot der Stunde! Ein unter völlig neuer Führung arbeitender Weltbild-Verlag könnte hierfür ein wirksames Instrument werden.

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