Franziskus und seine Baustellen

Ab Montag beraten der Papst und seine Kardinäle über die Reform der Kurie und der ganzen Kirche. Von Guido Horst
Papst Franziskus bei einer Ansprache an seine Mitarbeiter
Foto: dpa | Auf dem Arbeitsplan von Papst Franziskus steht die Kurienreform: Die Aufnahme zeigt ihn bei einer Ansprache an seine Mitarbeiter im Dezember 2013.
Papst Franziskus bei einer Ansprache an seine Mitarbeiter
Foto: dpa | Auf dem Arbeitsplan von Papst Franziskus steht die Kurienreform: Die Aufnahme zeigt ihn bei einer Ansprache an seine Mitarbeiter im Dezember 2013.

Rom (DT) Aprilwetter in Rom. In schneller Folge wechseln sich sintflutartige Regenfälle und strahlender Sonnenschein bei überaus milden Temperaturen ab. Mit unangenehmen Folgen: Da, wo man in den letzten Jahren Schlaglöcher mit ein paar Schaufeln Teer notdürftig geschlossen hat, haben die Wassermassen der letzten Wochen das Flickwerk wieder herausgespült, die Straßen der Stadt gleichen einem Hindernisparcours. Die – von den Römern so genannte – „bomba d’acqua“, die „Wasserbombe“, die vor zwei Wochen auf Latium niederging und die Pegelstände des Tibers auf Rekordhöhe steigen ließ, hat Böschungen weggespült und ganze Abhänge abrutschen lassen. Und da Rom auf Hügeln erbaut ist, gibt es viele Stellen, wo sich aufgeschwemmtes Erdreich über Straßen und Bürgersteige geschoben hat. Stützmauern brachen ein oder drohen einzubrechen – die städtischen Behörden kommen mit den Reparaturarbeiten gar nicht mehr nach. Ganz Rom gleicht einer Baustelle. Ein Sinnbild für den Vatikan?

Wenn Franziskus in der kommenden Woche mit den Kardinälen zum Konsistorium zusammenkommt, wird es nicht nur am Samstag um die Verleihung des Purpurs an die „Neuen“ im roten Senat des Papstes gehen. Auch in der römischen Kurie, wenn nicht sogar in der gesamten Kirche gibt es „Baustellen“, und nicht wenige hat der lateinamerikanische Pontifex selbst eröffnet. Schon am Donnerstag und Freitag stehen Beratungen im Kreise der Kardinäle an, ein Thema wird mit Sicherheit die Ehe- und Familienpastoral sein, die dann im Oktober die außerordentliche Bischofssynode beschäftigen werden. Man kann vermuten, dass die an die Öffentlichkeit gedrungenen Ergebnisse der Befragung katholischer Instanzen in aller Welt zum Synodenthema die Debatte im „roten Senat“ des Papstes beeinflussen wird. Schon in den vergangenen Tagen und Wochen haben sich Kardinäle in Rom und in anderen Ländern in Interviews zu den möglichen Konsequenzen der teilweise alarmierenden Distanz vieler Gläubigen zur traditionellen Morallehre der Kirche geäußert.

Zuvor steht die „Baustelle Vatikan“ auf der Tagesordnung: Von Montag bis Mittwoch berät der von Franziskus berufene Rat der acht Kardinäle über die Reform der römischen Kurie. Am Sonntag in einer Woche findet dann der Papstgottesdienst mit den neu ernannten und allen in Rom anwesenden Kardinälen auf dem Petersplatz statt, am Montag und Dienstag darauf tagt das Sekretariat der römischen Bischofssynode. Auf dem Tisch liegen die von den Bischofskonferenzen eingereichten Auswertungen der Umfrage zu Ehe, Familie und Sexualmoral. Also dichte Tage im Vatikan.

Schlaglöcher, die sich wieder aufgetan haben, Erdabgänge, eingebrochene Stützmauern – ist das ein Bild für die Baustellen in der Kirche, die Papst Franziskus als oberster Bauherr zu leiten hat? Blickt man auf Deutschland, so hat man den Eindruck, dass nicht zuletzt Bischöfe ein Interesse daran haben, dass das Schlagloch „Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene“ oder der Erdabgang „Wenig Zustimmung zur katholischen Ehe- und Sittenmoral“ dazu dienen soll, das kirchliche Lehrgebäude einzureißen und ein neues zu errichten. In Rom sieht das anders aus. Nicht die Lehre und das hohe Ideal der Heiligkeit sind das Problem, sondern Missstände und Abnutzungserscheinungen, die zu beheben sind. Deutlich wird das direkt bei der „vatikanischsten“ Baustelle: der Neuorganisation der römischen Kurie.

Den Auftrag dazu hat Franziskus von den Kardinälen erhalten, die ihn vor einem knappen Jahr zum Nachfolger Petri wählten – und eine gewisse Vorarbeit hat Benedikt XVI. geleistet: Der Fall Vatileaks und der unrühmliche Abgang seines langjährigen Kammerdieners waren für den deutschen Papst Anlass, drei emeritierte Kardinäle mit der Untersuchung der Hintergründe zu beauftragen. Nur wenige kennen den Inhalt des abschließenden Berichts, Papst Franziskus hat neben diesem Bericht auch noch weitere Aufzeichnungen seines Vorgängers erhalten.

Wie man unterschiedlichsten Äußerungen der acht den Papst beratenden Kardinäle entnehmen kann, umfasst die Kurienreform zweierlei: Eine Korrektur der Strukturen und eine Veränderung der Mentalitäten. Staatssekretariat und Governatorat, die Verwaltung des Staats der Vatikanstadt, sind in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren zu in sich ruhenden Machtgefügen geworden, in denen die – oft nicht sehr geistlichen – Interessen einzelner Seilschaften den wirklichen Dienst an Papst und Weltkirche überlagerten. Das Staatsekretariat soll wieder – was die größere der beiden, für die internen Angelegenheiten zuständige Sektion angeht – ein Sekretariat zur Verfügung des Heiligen Vaters werden und nicht mehr eine Superbehörde sein, die sich zwischen die Kongregationen und den Papst schiebt. Insgesamt, das hat auch der neue Staatssekretär Pietro Parolin vor wenigen Tagen in einem Interview mit der Zeitung „Avvenire“ bestätigt, müsse die Kurie „schlank und beweglich, weniger bürokratisch und effizienter“ werden. Vor allem das Staatssekretariat, so der italienische Kuriendiplomat weiter, den Franziskus ganz persönlich als Staatssekretär ausgesucht hat, sollte in der Verwirklichung des seelsorgerischen Kurses von Papst Franziskus ein „Modell für die ganze Kirche“ werden. An der Kurie bestehe wie überall, wo Macht gebündelt sei, die Gefahr ihres Missbrauchs, meinte der Erzbischof, der in einer Woche Kardinal werden wird. Dafür reiche eine Reform der Strukturen allein nicht aus, erforderlich sei zudem eine „ständige persönliche Umkehr“, so Parolin.

Eine „Sonderbehandlung“ im Rahmen der Kurienreform erhält derzeit alles, was im Vatikan mit Geld zu tun hat. Auch hier hat Benedikt XVI. den Anstoß gegeben, indem er die „Finanzielle Aufsichtsbehörde“ (AIF) mit ihrem Direktor, dem Schweizer Bankmanager René Brülhart, errichtet hat, die alle Geldströme und Konten der Kurie kontrollieren soll, und indem er das vatikanische Geldinstitut IOR von der Moneyval genannten Expertengruppe des Europarats durchleuchten ließ. Franziskus hat diese Maßnahmen nochmals verschärft und ausgeweitet: Im vergangenen Juni setzte er eine Kommission ein.

Den Vorsitz führt der ehemalige Archivar und Bibliothekar der Römischen Kirche, Kardinal Raffaele Farina, auch Kardinal Jean-Louis Pierre Tauran und die amerikanische Professorin Mary Ann Glendon gehören dem Gremium an, das Vorschläge für die Zukunft der Vatikanbank ausarbeiten soll. Den Persönlichen Sekretär, den Malteser Alfred Xuereb, ernannte Franziskus zu seinem Verbindungsmann, der ihn über die Arbeit der Kommission informieren soll. Die Führungsriege des IOR wurde komplett ausgetauscht. Direktor ist nun ein italienischer Banker und Aufsichtsratsvorsitzender der deutsche Manager Ernst von Freyberg.

Auch die APSA, die Immobilien- und Vermögensverwaltung des Vatikans, bekam eine aus acht auswärtigen Experten zusammengesetzte Kommission vor die Nase gesetzt, die Einblick in alle Bücher und Geschäftsunterlagen hat und die Arbeit der Behörde auf Herz und Nieren untersuchen soll. Franziskus scheint den „selbstheilenden Kräften“ der römischen Kurie nicht ganz zu trauen. Ein völliges Novum: International tätige Unternehmensberatungen gehen im Vatikan ein und aus. Etwa zwölf Controller der in Washington angesiedelten „Promontory Financial Group“ stellen das IOR auf den Kopf, Fachleute von „Ernest & Young“ prüfen die Bilanzen des vatikanischen Geldinstituts, der internationale Beratungs-Riese KPMG durchforstet das Rechnungswesen aller anderen Behörden und Büros der Kurie und der Konzern „McKinsey & Company“ erhielt den Auftrag, ein Konzept für die künftige Medienarbeit des Vatikans zu entwickeln.

Doch aus der Kurienreform ist längst schon eine Reform der ganzen Kirche geworden. Franziskus will, dass sie wieder mehr die Menschen in den Blick nimmt und sich um sie kümmert, die man im weitesten Sinne als „arm“ bezeichnen kann: Weil sie in die Hände von Menschenhändlern gefallen sind, weil sie für ihre Arbeit nicht richtig bezahlt werden, weil sie hungern, weil sie als Ungeborene schutzlos der Willkür anderer ausgesetzt sind, weil sie zum Heer der Auswanderer und Flüchtlinge gehören, weil sie alt, krank oder behindert sind, weil sie als Kindersoldaten töten müssen und so weiter. Das verbindet der Papst mit entsprechenden Gesten. Ein Beispiel: Früher wusste man, dass es irgendwo im Vatikan einen Päpstlichen Almosenmeister gibt, der für Gläubige gegen eine Gebühr Pergamente mit dem Apostolischen Segen unterschreibt. Heute ist der Almosenmeister, der polnische Kurienerzbischof Konrad Krajewski, eine bekannte Persönlichkeit in Rom. Er unterschreibt keine Pergamente mehr, sondern bringt im Auftrag von Franziskus Armen unter den Kolonnaden eine warme Mahlzeit und beerdigt Obdachlose. Wie es jetzt Kardinal Sean O’Malley aus Boston, der zum achtköpfigen Kardinalsrat des Papstes gehört, der Zeitung „Boston Globe“ sagte: Franziskus ändert nicht die Lehre, aber den Tonfall der Kirche.

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