„Es hat keinen Sinn, so zu tun, als gäbe es die Wunde nicht“

Hamburgs Erzbischof Werner Thissen über das wachsende katholische Leben in der Hansestadt, Fragen des Eucharistieempfangs und den sozialen Auftrag für die Gesellschaft Von Claudia Kock
Foto: KNA | Unkonventionell: Erzbischof Werner Thissen.
Foto: KNA | Unkonventionell: Erzbischof Werner Thissen.
Herr Erzbischof, kürzlich meldete das „Hamburger Abendblatt“, dass die Zahl der Katholiken in Hamburg entgegen dem Bundestrend in den letzten drei Jahren gestiegen sei. Wie lässt sich das erklären?

Hamburg ist eine Stadt mit starker Wirtschaftskraft, die viele Menschen anzieht. Dazu gehören natürlich auch Katholiken. Wir nehmen sie mit offenen Armen auf und freuen uns, dass wir durch sie wachsen. In Hamburg gibt es auch viele Suchende, viele Fragende. Und es ist eine Kulturstadt, die die Chance bietet, Kultur und Fragen des Evangeliums miteinander zu verbinden. Ich mache zum Beispiel gern Führungen im Museum, wenn es um religiöse Themen geht oder um Themen, die mit der Sinnfrage zu tun haben. Das gilt auch für Theater oder Oper. Ich schreibe schon mal etwas für das Programmheft oder moderiere eine Musikveranstaltung oder Filmgespräche. Das in Verbindung zu bringen mit dem Suchen und Fragen und der Sehnsucht der Menschen – darin sehe ich eine besondere Chance. Missionarische Seelsorge ist natürlich auch für uns ein Thema. Es schlägt sich in der Statistik jedoch kaum nieder.

Hamburg ist ja seit der Reformation eine lutherisch geprägte Stadt. Wer sind eigentlich die Katholiken in Hamburg?

Das habe ich mich auch gefragt, als ich vor elf Jahren nach Hamburg kam, denn es gibt ja intensiveres katholisches Leben hier erst wieder seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Daran sieht man schon, dass wir auch eine Zuwandererkirche sind. Am Ende des Zweiten Weltkriegs kamen Scharen aus dem Osten nach Hamburg, und unter den Vertriebenen waren auch Katholiken; es waren auch Priester dabei. Viele sind weitergezogen, andere hier geblieben. Seit Ende der 50er Jahre kamen die Menschen zu uns, die wir damals „Gastarbeiter“ nannten. Polen, Portugiesen, Italiener, Kroaten und Spanier bilden heute große fremdsprachige Gemeinden. Und dann ging das weiter, auch weit über Europa hinaus: Vietnamesen, Filipinos und Togolesen. Das ist für mich eine sehr schöne Erfahrung: dass wir hier Weltkirche sind im Gottesdienst. Man merkt das an der Musik, man merkt es an der Sprache, und man merkt es hinterher beim Essen. Es sind über 150 Nationen, die hier sind. Und diese Erfahrung Weltkirche, die tut uns allen gut, egal woher wir kommen.

Wie sieht der Katholizismus in den eher ländlich geprägten Regionen Schleswig-Holstein und Mecklenburg aus?

Bei Schleswig-Holstein und Mecklenburg denke ich zunächst an lange Wege. Kirchwege von 25 bis 30 Kilometern sind für viele normal, und das prägt natürlich auch das Christsein. Wenn jemand solche Wege auf sich nimmt, da steckt dann auch etwas dahinter. Die langen Wege bringen auch mit sich, dass man, wenn man schon mal da ist, auch nicht sofort wieder weggeht, sondern man bleibt nach dem Gottesdienst noch zusammen. Da ist Austausch, Miteinander, Verbindung, Kommunikation. Außerdem gibt es hier enorm gefragte Urlaubsgebiete, und kleine Gemeinden werden auf einmal ganz groß wegen der Urlauber. Die Tourismusseelsorge spielt also eine Rolle. Ich nehme mal als Beispiel die schöne Elisabeth-Kirche auf Amrum. Dort wohnen wenige Katholiken. Und auf einmal, wenn die Sonne rauskommt, die Blumen anfangen zu sprießen, dann sprießen auch viele Menschen als Gäste dort. Das ist für so kleine Gemeinden eine große Herausforderung, sich um die zu kümmern, nicht nur bei sich zu bleiben, sondern auch nach den anderen zu schauen.

Sehen Sie Unterschiede zwischen dem norddeutschen und dem rheinischen oder dem süddeutschen Katholizismus?

Die Katholiken im Erzbistum Hamburg machen insgesamt sieben Prozent aus. Das heißt, wir sind im Alltag als katholische Christen Minderheit. Und das führt auch zu einem bestimmten Verhalten. Es passiert ganz oft, wenn ich irgendwo zu tun habe – zum Beispiel in der Hamburgischen Bürgerschaft oder beim Schleswig-Holstein-Musikfestival –, dass jemand kommt und zu mir sagt: „Übrigens, ich bin auch katholisch.“ Also man hat Kontakt und kennt sich mehr. Und jeder Diaspora-Katholik ist wie ein einzelner Baum auf einer Bergeshöhe. Da pfeift der Wind, und der Baum muss tiefe Wurzeln haben, sonst bleibt er nicht. Auch das finde ich im Vergleich zu mehrheitlich katholischen Gebieten sehr prägend.

Wie sieht es hier im Norden mit der Pflege der Volksfrömmigkeit aus?

Als ich vor elf Jahren hierher kam, wurde ich aus Mecklenburg angefragt: „Können Sie den Wallfahrtsgottesdienst mit uns feiern?“. „Ja“, sagte ich, „das kann ich gerne, zu welchem Wallfahrtsort geht es denn?“ Das verstand mein Gegenüber nicht. Ich war es von früher gewohnt, dass man zum Beispiel nach Altötting oder nach Kevelaer geht, und als ich dann noch mal nachfragte: „Wohin geht denn die Wallfahrt?“, lautete die Antwort: „Auf die Wiese.“ Es gibt dort keine Wallfahrtsorte. Wallfahrt heißt: Wir treffen uns jedes Jahr am selben Ort auf der Wiese, bauen da einen Altar auf und feiern das Geheimnis des Glaubens. Das hat seinen Ursprung mit darin, dass man in den 50er Jahren, so lange gibt es diese Tradition, wusste: Wenn ich da hingehe, dann treffe ich andere katholische Christen, vielleicht auch welche aus meiner ehemaligen Heimat im Osten. Und das hat sich auch in den darauf folgenden Generationen gehalten und ist zu einer wichtigen Tradition geworden. Eine andere sehr schöne Tradition in Hamburg ist die Ansgar-Woche im Februar. Ansgar ist der Ursprung der Stadt, und ich freue mich, dass es so viele Ansgar-Figuren in Hamburg gibt, alte und auch neue. Die Ansgar-Verehrung ist sehr ökumenisch geprägt. Etwas anderes, das mich immer stark berührt, ist, wenn ich Fronleichnam mit dem Allerheiligsten hier durch St. Georg ziehe, an den Lokalen und Biertischen vorbei. Dasselbe geschieht auch auf St. Pauli, auf dem Kiez. Die Ansverus-Wallfahrt ist in Schleswig-Holstein eine gute Tradition – auf der Ansverus-Wiese, wo man den Ort annimmt, wo vor 1000 Jahren der Abt Ansverus mit seinen Mönchen das Martyrium erlitten hat. Auch an die Tradition der Lübecker Märtyrer möchte ich erinnern. Vor jetzt 70 Jahren wurden sie von Hitler ermordet – drei katholische Priester und ein evangelischer Pfarrer. Wir sind gerade dabei, in Lübeck die Gedenkstätte neu herzurichten, und wir bilden Menschen aus, die dort Rede und Antwort stehen können. Ich finde, das ist für unsere Zeit ganz wichtig. Die Vier sind damals für den Glauben in den Tod gegangen. Das kann uns helfen, wenn uns heute im Glaubensvollzug der Wind stärker ins Gesicht weht.

Leistet die katholische Kirche einen besonderen gesellschaftlichen Beitrag im Norden?

Ja, ganz eindeutig. Für mich ist der wichtigste und prägendste gesellschaftliche Beitrag, dass wir glaubende Menschen sind. Daraus ergibt sich natürlich auch die Sorge für die Armen und Benachteiligten, mit unseren Einrichtungen – aber der Kern ist, dass wir gläubige Menschen sind. Wir sind der größte private Schulträger in Hamburg, aber das kommt nicht in erster Linie aus Organisation, sondern aus dem Glauben. Dabei helfen uns die kontemplativen Orden sehr: die Benediktiner in Nütschau oder die Karmelitinnen auf Finkenwerder. Das ist notwendig, dass wir das haben, damit wir uns dann auch um soziale Fragen kümmern können.

Wie ist der Eucharistieempfang im ökumenischen Kontext geregelt?

Ein gemeinsamer Eucharistieempfang ist nicht möglich, weil wir noch nicht so weit sind – leider. Das ist ein großer Schmerz, den wir aushalten müssen. Und wir halten ihn aus, indem wir sagen: Wer nicht katholischer Christ ist oder als katholischer Christ nicht die Eucharistie empfangen kann, der muss nicht in der Bank bleiben, sondern er kann mit nach vorne gehen, legt die Hand auf die Schulter und bekommt den Segen. Das ist allgemein Brauch hier. Damit wird ein Doppeltes deutlich: Wir haben als Christen verschiedener Konfessionen die Möglichkeit, uns gemeinsam unter das Wort Gottes zu stellen, das in der Eucharistiefeier verkündet wird, aber wir haben noch nicht die Möglichkeit, gemeinsam am Tisch des Herrn zu sein – deshalb dieses Zeichen. Es ist eine Wunde, es tut weh, aber es hat keinen Sinn, so zu tun, als gäbe es die Wunde nicht.

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