„Es gehört zum Menschsein dazu“

Medizin und Pastoral: Ein Gespräch mit dem Jesuiten Eckhard Frick über Spiritualität in der Krankenpflege. Von Clemens Mann
Foto: Mann | Professor Eckhard Frick SJ.
Foto: Mann | Professor Eckhard Frick SJ.

Professor Eckhard Frick SJ leitet in München die Professur für „Spiritual Care“. Der Jesuit setzt sich dafür ein, dass Spiritualität in der medizinischen Behandlung und Pflege von Kranken berücksichtigt wird. Frick ist Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiater und Psychoanalytiker. Im Gespräch mit Clemens Mann betont er die positive Effekte, wenn Mitarbeiter in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen auf die spirituellen Bedürfnisse ihrer Patienten eingehen können. Dass katholische Krankenhäuser aber trotz dieser Erkenntnisse diesen Schatz nicht heben wollen, bezeichnet Frick als „große Dummheit“.

Herr Professor Frick, in den letzten Jahren ist das Bewusstsein, Spiritualität in die Behandlung und Pflege von Kranken zu integrieren, gewachsen. Ist die Ressource „Spiritualität“ in Deutschland ausreichend berücksichtigt?

Es gibt noch große Umsetzungsprobleme. Oft erwähnen Patienten Wünsche und Nöte in Bezug auf Spiritualität gar nicht ausdrücklich. Und es ist immer noch ungewöhnlich, dass Pflege und Medizin nach dieser Ressource „Spiritualität“ fragen.

Woran liegt das?

Ein Grund ist sicherlich, dass die Gesundheitsberufe Spiritualität als etwas Privates ansehen. Die Gesundheitsberufe betrachten das als Privat-Sache des Patienten, vielleicht weil sie auch ihre eigene Spiritualität für etwas Intimes, Privates halten. Da ist eine große Scheu. Dabei gibt es aber zwei extreme Gefahren: Die eine Gefahr ist die Vereinnahmung des Patienten bis hin zu einer Manipulation. Die andere ist eine Vernachlässigung der spirituellen Bedürfnisse des Patienten. Wir müssen einen Mittelweg fahren und dürfen dabei nicht in eines dieser beiden Extreme verfallen, etwa dass der Patient in seinen spirituellen Bedürfnissen beeinflusst und instrumentalisiert oder aber dieser Bereich vernachlässigt wird.

Es gibt zahlreiche Studien zum Thema „Spiritualität“ in der Behandlung Kranker. Welche Vorteile hat es, Spiritualität in die Behandlung zu integrieren?

Viele Studien kommen zu der Erkenntnis, dass Spiritualität nicht nur ein Problem sein kann im Leben eines Menschen – das ist die klassische religionskritische Position –, sondern eine Ressource bei vielen chronischen Krankheiten, also bei Bluthochdruck, bei Depression, aber auch in der Tumorheilkunde. Die Berücksichtigung von Spiritualität ist aber nicht zu begründen durch derartige Studien, sondern dadurch, dass Spiritualität eine Dimension des Menschseins ist. Auch wenn es diese Studien nicht gäbe, würde es die Qualität eines Gesundheitssystem steigern, wenn spirituelle Bedürfnisse berücksichtigt würden. Dies hat beispielsweise auch eine Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation in der Charta von Bangkok 2005 bekräftigt.

Im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes in der medizinischen Behandlung?

Ja, es gehört zum Menschsein dazu. Und es ist eine wichtige Kraft, die in vielen Kulturen selbstverständlich dazugehört. Vielleicht ist unsere europäische Kultur mit der Tradition der Aufklärung – der wir viel Gutes verdanken –, ein Problemfall durch die Privatisierung des Bereiches Religion und Spiritualität.

Die finanzielle Umsetzbarkeit und Rentabilität spielt im Gesundheitswesen eine besondere Rolle. Kostet die Berücksichtigung spiritueller Bedürfnisse Geld oder gibt es auch Einsparpotenziale?

Wir hören oft das Gegenargument, „Spiritual Care“ kann niemand bezahlen, oder es kostet zu viel Zeit. Das ist aber unbewiesen. Es gibt Studien aus den USA, die zeigen, dass spirituell zufriedenere Patienten geringere Kosten verursachen. Eine Studie aus Genf zeigt, dass psychiatrische Patienten zufriedener sind, weil sie einen wichtigen Teil ihres Lebens berücksichtigt finden. Dadurch lassen sich sogar Kosten einsparen. Die Hauptschwierigkeit liegt nicht in den Kosten, auch nicht in der Zeit, sondern in der mangelnden Ausbildung der Gesundheitsberufe in diesem Feld.

Welche Schritte wären notwendig, um das zu verändern?

Ich sehe vor allem zwei Schritte: Der erste ist eine Ausbildung aller Gesundheitsberufe, um ihnen eine Basiskompetenz in der spirituellen Anamnese, das heißt im Verstehen der spirituellen Situation des Patienten, zu vermitteln. Das zu erreichen, ist eigentlich nicht schwer. Die Probleme beginnen in der routinemäßigen Umsetzung. Menschen in den Gesundheitsberufen sollten offen fragen und sensibel werden für Spiritualität. Daneben braucht es aber weitere Schritte, nämlich eine Implementierung in konkrete Organisationen, etwa einem Krankenhaus. Wir müssen schauen, was die Menschen, die dort arbeiten, an struktureller Unterstützung brauchen, um die spirituelle Dimension zu berücksichtigen.

Können Sie konkrete Punkte nennen?

Es braucht eine Betreuung des medizinischen Personals. Und eine kleine Gruppe im Krankenhaus, die allgemein darüber nachdenkt, was man vor Ort verändern könnte. Wichtig ist aber auch eine Richtungsentscheidung der Leitungsebene, sowohl der ärztlichen, der pflegerischen oder auch der Verwaltungsebene, um das Spirituelle tatsächlich umzusetzen.

Sie halten selbst Vorlesungen für Menschen in der Ausbildung. Wie erreichen Sie die Menschen, die schon im Beruf sind?

Wir sind nur ein kleiner Bereich und können nicht alle auf einmal erreichen. Wir vernetzen uns mit verschiedenen medizinischen Fächern, nicht nur mit der Palliativmedizin, sondern zum Beispiel auch mit der Intensivmedizin oder der Gynäkologie: also mit Fächern, wo es um Krisen geht, um Krankheitsbewältigung. Kollegen nehmen Kontakt mit uns auf, werden Mitglied in der Internationalen Gesellschaft für Gesundheit und Spiritualität, veröffentlichen und lesen in der Zeitschrift „Spiritual Care“, die für alle Gesundheitsberufe herausgegeben wird. Daran merken wir, wie groß der Wunsch nach Fortbildung ist, nach Vernetzung, um in diesem Feld weiterzukommen – in Europa und im deutschen Sprachraum.

Katholische Krankenhäuser traut man eine spirituelle Kompetenz eher zu. Gibt es dort offene Türen für „Spiritual Care“?

Das ist unterschiedlich. Es gibt die einen, die ganz aufgeschlossen sind und eigene Stabsstellen eingerichtet haben. Sie schauen im Management, wie „Spiritual Care“ umgesetzt werden kann. Und es gibt die anderen, die den Schatz der christlichen Spiritualität verstecken in ihren Leitbildern oder in ihren Broschüren, aber ihn nicht wirklich zugänglich machen, nicht einmal für ihre eigenen Mitarbeiter. Dieser Schatz wird noch zu sehr als etwas Fremdes oder als zusätzliche Belastung wahrgenommen.

Aber ist das nicht verwunderlich? Spiritualität bietet sich als Alleinstellungsmerkmal für christliche Krankenhäuser geradezu an...

Verwunderlich ist sehr schwach ausgedrückt. Ich halte es für eine riesige Dummheit, diesen spirituellen Bereich brachliegen zu lassen und ihn anderen Trägern, auch Trägern anderer Religionen, zu überlassen. Wir müssen das Ureigene der christlichen Spiritualität stark machen und zugänglich machen – ohne es aufzudrängen, ohne damit in einer unguten Weise hausieren zu gehen –, und zeigen, dass da ein Schatz und eine lange Tradition ist, die für das Heute eine große Bedeutung hat.

In diesem Jahr stellt sich die Kirche besonders die Frage nach der Neuevangelisierung. Kann das Krankenhaus ein Ort der Neuevangelisierung sein, wenn etwa die spirituellen Bedürfnisse stärker berücksichtigt werden?

Das Krankenhaus ist ein spiritueller Ort insofern, als Menschen sich hier die großen Fragen des Lebens stellen – oft unter dem Druck der Erkrankung, der Symptome, durch ihre Lebenssituation gewissermaßen erzwungen. Aber nicht alle suchen Antwort und Hilfe bei den christlichen Kirchen, und nicht alle haben einen Zugang zum Wort Gottes und zu den Sakramenten. Deshalb brauchen wir eine Offenheit für die verschiedenen Zugänge. Und ich bin sehr froh, dass Erzbischof Zygmunt Zimowski, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst, diese Situation gut erkannt hat, dass wir die Seelsorge in diesem Bereich – die ja sowohl den Patienten als auch den Mitarbeitenden und ihren Familien gilt – nicht einschränken dürfen auf einen innerkirchlichen Zugang, als eine Rückgewinnung von Menschen für die Kirche. Die Frage nach der Neuevangelisierung ist aus dem Innerkirchlichen heraus formuliert. „Spiritual Care“ kommt aber nicht aus dem Inneren der Kirche, sondern ist eine Fragestellung, die in den Gesundheitsberufen entstanden ist. Diese Frage fordert die Seelsorge der Kirche heraus. Die christlichen Kirchen haben einen Verkündigungsauftrag. Wir müssen aber bedenken, dass wir auch andere Träger und Interessierte – von den verschiedenen Religionen bis hin zu atheistischen Menschen – haben, die durchaus diese Bedeutung der Spiritualität sehen. Anlässlich des Welttages der Kranken kam Erzbischof Zimowski deshalb mit einer großen Delegation zu uns nach München, um das Gespräch zu suchen – über die konfessionellen Grenzen hinweg.

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