Er überlebte die „Nacht der Barbaren“

Ein Salesianer in der kommunistischen Christenverfolgung in der Slowakei: Zur Seligsprechung von Titus Zeman am heutigen Samstag in Bratislava. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: IN | Der Salesianer Titus Zeman erlebte noch den „Prager Frühling“.
Foto: IN | Der Salesianer Titus Zeman erlebte noch den „Prager Frühling“.

Mit der „Nacht der Barbaren“ verbinden die Katholiken Osteuropas noch heute Ereignisse, die den Höhepunkt der Katholikenverfolgung in der Nachkriegsära der von einem kommunistischen Regime beherrschten Tschechoslowakei markierten. Sie bildete den Auftakt zu der in mehreren Phasen ablaufenden Jagd auf Priester und Ordensleute der katholischen Kirche, in deren Verlauf auch Titus Zeman während einer waghalsigen Rettungsaktion in die Fänge des kommunistischen Terrors geriet und inhaftiert wurde.

Am heutigen 30. September wird der tapfere Salesianer von Angelo Kardinal Amato, dem Präfekten für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, der selbst ebenfalls der Ordensgemeinschaft Don Boscos angehört, in Bratislava zur Ehre der Altäre erhoben.

Er weigerte sich, die Kreuze in der Schule abzunehmen

Titus Zeman kommt am 4. Januar 1915 im slowakischen Vajnory bei Bratislava in einer katholischen Familie als Erstgeborener von zehn Kindern auf die Welt. Schon im Alter von zehn Jahren fühlt er sich zum Ordenspriester berufen. Er besucht die Grundschule der Salesianer in Šaštin, bevor er 1931 in das Noviziat der Ordensgemeinschaft Don Boscos eintritt und dort 1932 seine erste Prozess ablegt. Anschließend studiert er Theologie an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom sowie in Chieri. Am 23. Juni 1940 wird er in Turin zum Priester geweiht.

Seine erste Anstellung findet er im Oratorium der Salesianer in Bratislava. Ein zusätzliches Lehramtsstudium für Chemie und Biologie befähigt ihn dazu, am Bischöflichen Gymnasium in Tyrnau zu unterrichten. Der Direktive der Kommunisten, die Kreuze aus dem Klassenzimmer zu entfernen, fügt er sich nicht. Der couragierte Ordensmann muss 1946 seinen Dienst quittieren und wirkt nun im Schülerheim des Ortes sowie als Kaplan in Šenkvice.

Das feindselige antikatholische Klima verschlechtert sich zusehends. Noch Ende Januar 1950 hielt eine von den Kommunisten erstellte Liste fest, dass es damals in der Tschechoslowakei 14 424 Ordensgeistliche gab, die in 917 Gemeinschaften lebten, davon 1 019 Mönche und 4 243 Nonnen in der Slowakei.

Die als „barbarische Nacht“ oder auch „Nacht der Barbaren“ bezeichnete erste Phase der Aktion K (K für klástory – Kloster) lief am 13. April 1950 an. Mitarbeiter der Staatssicherheit StB stürmten genau um Mitternacht zahlreiche Klöster und deportierten die dort wohnenden Ordensleute in so genannte „Sammelklöster“, wo sie interniert wurden. In der Slowakei wurden 881 Ordensgeistliche aus zehn Orden inhaftiert. Dieses Vorgehen erinnert an die Methodik anderer Revolutionäre – etwa während der Französischen Revolution –, die ebenfalls versucht hatten, mit ihren Maßnahmen den Einfluss der Kirche, ihres Personals sowie ihre Anhänger auszuschalten: Nach Gesetzesänderungen, die die Tätigkeit der Priester stark einschränkten oder gänzlich unmöglich machten, bemühte man sich, die Geistlichkeit vollends zu eliminieren.

Pater Titus befindet sich vorerst jedoch nicht unter den Gefangenen. So entschließt er sich, Salesianer mit der Bahn nach Turin zu bringen, damit sie dort ihr Studium abschließen könnten. Ein riskantes Unternehmen. Die ersten beiden Male geht noch alles gut. So gelingt im Sommer 1950 einer Gruppe von sieben Geistlichen die Flucht nach Italien. Auch der zweite Fluchtzug im Oktober – diesmal mit 28 Ordensmännern – verläuft erfolgreich. Der dritte Versuch, die Grenze illegal zu überschreiten, wird für Pater Titus indes zum Verhängnis. Am 9. April 1951 wird er mit weiteren 15 Salesianern verhaftet. Er wird brutal gefoltert und schließlich im Februar 1952 zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dreizehn Jahren kommt er zwar wieder frei, erholt sich jedoch nie mehr von den katastrophalen Haftbedingungen.

Seit dem Prager Frühling darf er wieder als Seelsorger tätig sein. Im September 1968 erleidet der gesundheitlich angeschlagene Salesianerpater einen Herzinfarkt. Nur wenige Monate später, am 7. Januar 1969, folgt die zweite Herzattacke. Titus Zeman stirbt am 8. Januar 1969 in Bratislava mit 54 Jahren.

Als letzter Überlebender des ersten Fluchtzuges sagte Pater Medard Stepanovsky als Zeuge für seinen Mitbruder im Seligsprechungsverfahren aus. Der Salesianer erinnerte sich an die abenteuerliche Flucht über Österreich nach Italien, die am Abend des 31. August 1950 begann. Er ging mit weiteren fünf Salesianern, dem Diözesanpriester und Pater Titus zum Bahnhof, wo sie sich Fahrkarten für einen weit von der Grenze entfernten Ort besorgten: „Als es dunkel war, liefen wir über die Felder, vor allem Maisfelder, weil man sich darin gut verstecken konnte, bis zum Damm am Fluss Morava. Das war gefährlich, weil dort die Wachen waren. Sie liefen mit dem Fernglas den Damm entlang. Etwa fünfzig Meter waren zwischen dem Wald und dem Fluss. Wir zogen uns aus, splitterfasernackt, weil wir ja trockene Sachen brauchten auf der anderen Seite, und liefen durch den Fluss. Die Taschen trugen wir über dem Kopf. Um etwa fünf Uhr morgens gingen wir zu einem Bahnhof. Die beiden Begleiter hatten uns Fahrkarten für einen Zug nach Wien besorgt.“

Riskante Flucht zu Fuß über den Brenner nach Italien

In Wien angekommen, fuhren die Männer mit dem Taxi schließlich zur Niederlassung der Salesianer. Von dort aus ging es dann weiter nach Linz und Innsbruck. Doch noch war die Reise nicht zu Ende. „Der Fußweg über den Brenner war gefährlich und anstrengend. Aber wir trafen immer wieder auf Menschen, die uns halfen, die uns etwas zu essen und Unterkunft gaben. Mit dem Zug ging es nach Verona zu den Salesianern. Am nächsten Tag, es war der 12. September, das Fest Mariä Namen, kamen wir in Turin an. Vom Bahnhof aus liefen wir sofort in die Maria-Hilf-Basilika, um Danke zu sagen“, berichtete Pater Stepanovsky weiter.

An den Feierlichkeiten zur Beatifikation seines Retters kann er, zumindest von einer irdischen Warte aus, nicht mehr teilnehmen: Wenige Wochen vor dem Termin verstarb Pater Stepanovsky im letzten August im Alter von neunzig Jahren im Allgäu, wo er sechzig Jahre lang als Lehrer und Erzieher wirkte.

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