Einst eine geistliche Großmacht

Traditionsreiches Zentrum der Evangelisierung: Benedikt XVI. besucht am Wochenende nicht nur Venedig, sondern auch das alte Patriarchat Aquileia. Von Stephan Baier
Foto: Stephan Baier | Die Basilika von Aquileia.
Foto: Stephan Baier | Die Basilika von Aquileia.

Wenn Papst Benedikt XVI. am Wochenende Venedig besucht, beginnt er geschichtsbewusst seine Pastoralreise in Aquileia. Hier wird der Papst nicht nur auf den Spuren von Julius Caesar, Augustus, Mark Aurel und Konstantin dem Großen wandeln. In Aquileia soll der Evangelist Markus im Auftrag Petri den heiligen Hermagoras als ersten Bischof installiert haben. Vor sechzehn Jahrhunderten wirkte hier Bischof Chromatius, der mit Ambrosius von Mailand, Johannes Chrysostomos und Hieronymus befreundet war und korrespondierte. Sein Kommentar zum Matthäus-Evangelium und seine Homilie über die Seligpreisungen sind Benedikt XVI. wohl vertraut.

Am 5. Dezember 2007 würdigte der Papst den heiligen Chromatius als „weisen Lehrer und gewissenhaften Hirten“. Sehr wichtig sei ihm das Geheimnis der Dreifaltigkeit gewesen und das Wirken des Heiligen Geistes. „Doch besonders intensiv beschäftigt sich der heilige Bischof immer wieder mit dem Geheimnis Christi: Das fleischgewordene Wort ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Er hat die Menschheit ganz und gar angenommen, um ihr das Geschenk seiner Göttlichkeit zu machen. Diese Wahrheiten, die auch in Abgrenzung zu den Arianern beständig bekräftigt wurden, werden etwa 50 Jahre später zur Definition des Konzils von Chalcedon führen. Die starke Betonung der menschlichen Natur Christi führt Chromatius dazu, über die Jungfrau Maria zu sprechen.“ Der Papst anerkannte: „Seine mariologische Lehre ist klar und präzise.“

Grado war das Exil in kriegerischen Zeiten

Zu seiner Zeit hatte Chromatius geistliche Feinde wie den Arianismus abzuwehren, aber auch politische: Während sich die kirchliche Jurisdiktion, wie Benedikt XVI. referierte, „über die derzeitigen Gebiete der Schweiz, Bayerns, Österreichs und Sloweniens bis hin nach Ungarn“ erstreckte, wurde Aquileia von den Westgoten bedrängt. Chromatius starb 407 im Exil, im zehn Kilometer südlicheren Grado, jener Lagunenstadt, die heute viele Touristen anlockt. Für die Bischöfe von Aquileia war sie Zufluchtsort vor Goten, Langobarden und Hunnen. Als 452 Hunnenkönig Attila die Stadt zerstörte, wurde der Bischofssitz nach Grado verlegt. Noch zweimal, bei der Invasion der Ostgoten unter Theoderich 489 und beim Ansturm der Langobarden 568, bewährte sich das befestigte „Castrum Gradense“.

Mehrfach stellte sich der bedrängte, aber mächtige Erzbischof von Aquileia gegen Rom, etwa im „Dreikapitelstreit“ von 557, in dem Paulinus I. sich dank der apostolischen Gründung den Patriarchen-Titel sicherte. 606 wurde das Patriarchat von Aquileia geteilt, weil das Domkapitel seinem Patriarchen nicht von Grado (Aquileia Nova) nach Aquileia folgen wollte. In der Folge erhielt der von Rom und Byzanz unterstützte Patriarch in Grado die Jurisdiktion über Istrien und die Adriaküste, während der schismatische Konkurrent aus Aquileia seinen Sitz in langobardisches Gebiet verlegte. Doch unter karolingischer Herrschaft blühte Aquileia neu auf. Karl der Große und seine Nachfolger sahen im Patriarchat ein Bollwerk gegen Awaren und Ungarn. Die Basilika wurde wiedererrichtet und mehrfach vergrößert.

Die weltliche Herrschaft des Patriarchen von Aquileia endete 1420 mit der Besetzung Friauls durch Venedig. Patriarch Ludwig II. Teck hatte fatalerweise Ungarn im Krieg gegen die Markusrepublik unterstützt. Sein Nachfolger Ludwig III. Trevisan verzichtete 1445 gegen ein Jahresgehalt auf jede weltliche Herrschaft. Im kirchlichen Sinn wurde das Patriarchat erst 1751 auf Drängen der Habsburger von Papst Benedikt XIV. aufgelöst und durch die neu gegründeten Erzdiözesen Udine und Gorizia (Görz) ersetzt.

Der Titel des Patriarchen – wenngleich vererbt von Grado – lebt fort im Patriarchat von Venedig, womit Aquileia über den einstigen Fluchtort Grado auch eine Brücke zu den Päpsten Pius X., Johannes XXIII. und Johannes Paul I. behaupten kann, die vor ihrer Wahl zum Nachfolger Petri Patriarchen von Venedig waren. Auch der Titel des Erzbischofs von Aquileia lebt fort; so war Kardinal Joseph Höffner kurzfristig Titularerzbischof von Aquileia, als er vom 6. Januar bis 24. Februar 1969 Koadjutor von Kardinal Frings in Köln war.

Papst Johannes Paul II. besuchte den kleinen, heute nur 3 500 Einwohner zählenden Ort in Friaul im Jahr 1992. Er erinnerte daran, dass die Basilika von Aquileia die erste Maria als „Gottesmutter“ geweihte Kirche war, dass „der Beitrag der Gläubigen, verwurzelt im lebendigen Glauben an Jesus den Gott-Menschen, unverzichtbar ist, um es Europa zu erlauben, seine Identität und seine Einheit zu finden“. Mehrfach zerstört, weist die der Gottesmutter geweihte Basilika noch heute romanische und gotische Stilelemente auf, während das erhöhte Presbyterium als Meisterwerk der Renaissance gilt. In der Krypta findet man Passions- und Ritterszenen, Episoden aus dem Leben von Hermagoras und Fortunatus.

Der selige Papst Johannes Paul appellierte 1992 an die Gläubigen: „Stadt von Aquileia, Land der Märtyrer und der Heiligen, Heimat des heiligen Valerianus, des heiligen Chromatius und des Patriarchen Paulinus, vergiss deine berühmten geistlichen Traditionen nicht!“ Aquileia sei einst „zu einem wichtigen Pol der missionarischen Ausstrahlung“ geworden, „von wo aus heilige Bischöfe, Experten in der Lehre und in der Liebe, das Erbe der geoffenbarten Wahrheit durch ihre Predigt, ihre Schriften und die Einberufung von Synoden tapfer verteidigten“.

Die alte geistliche Einheit wieder bestärken

Johannes Paul II. fühlte sich davon inspiriert: „Aquileia, mit seiner Geschichte und der Kraft seiner christlichen Traditionen, bezeugt beständig, dass eine wohlverstandene Brüderlichkeit unter den Völkern möglich ist.“ Diese „alte geistliche Einheit“ gelte es heute wieder zu bestärken, sagte der Papst 1992.

Tatsächlich war Aquileia „eines der ersten Zentren der Evangelisation Europas“. Zu seiner Glanzzeit unterstanden seinem Patriarchen 25 Diözesen zwischen Bayern, Ungarn, Dalmatien und Norditalien. Nur wenig erinnert heute in dem verschlafenen Dorf an die einstige Größe: Da ist, bevor man zur dominanten Basilika mit ihrem 73 Meter hohen Campanile kommt, an der Zufahrtsstraße das Forum, dessen teilweise rekonstruierte Säulen stumme Zeugen der römischen Epoche sind. Ob nun tatsächlich der Evangelist Markus hier missionierte, den heiligen Hermagoras in Rom dem Petrus vorstellte und zum Bischof von Aquileia bestellte, das mag so wenig zu klären sein, wie die Frage nach der Echtheit der Kathedra des Markus, welche sich in einem Nebenraum zur Basilika Sant' Eufemia in Grado befindet. So düster, unbeachtet und vergessen wie der Bischofsstuhl dort steht, mag man versucht sein, den Venezianern zu glauben, die sagen, es handle sich hier nur um eine Kopie – das Original hätten sie erfolgreich gestohlen und nach Venedig gebracht.

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