Eine Stadt ohne Kirche wäre wie ein Fussballfeld ohne Tore

Der Hamburger Mariendom ist nach der Restaurierung wieder offen

Hamburg (DT) Hamburgs Mariendom, Mittelpunkt des nördlichsten Erzbistums in Deutschland, erstrahlt seit Sonntag in neuem Glanz. Helles Licht, weiße Wände, goldene Mosaiken und farbige Fresken leuchten dem Besucher entgegen. Das prächtige Mosaik in der Altarkuppel erinnert an die Krönung Mariens zur Königin des Himmels: „Assumpta est Maria in Coelum“ – aufgenommen ist Maria im Himmel, steht dort in großen Lettern. Rechts und links vom Altar erzählen bunte Fresken von den wichtigsten Szenen im Leben der Gottesmutter. Im Kontrast zu der ansonsten puristisch gestalteten und in schlichtem Weiß gehaltenen Kathedrale wirken die Mosaiken und Fresken umso eindrücklicher.

Am Sonntag feierte Erzbischof Werner Thissen nach 17-monatiger Bauzeit die Wiedereröffnung des Gotteshauses mit einem Pontifikalamt, an dem gut tausend Gläubige teilnahmen. „Ich freue mich darüber, dass die Kirche so schön geworden ist“, rief der Erzbischof der Festgemeinde zu. Allerdings müsse die Freude und Schönheit des Glaubens, die diese Kirche nun widerspiegelt, mit der Sorge um die Armen verbunden werden. Für diese Verbindung stehen zeichenhaft die Reliquien des heiligen Bonifatius und des heiligen Laurentius, die im neuen Altar beigesetzt wurden. Der Apostel der Deutschen als mutiger Missionar und der römische Diakon, der die Armen den „Schatz der Kirche“ nannte, werden nun den Gläubigen vom Himmel her Impulse geben. „Eine Stadt ohne Kirche ist wie ein Fußballplatz ohne Tore“, sagte der bekennende HSV-Fan Thissen und löste Schmunzeln bei den Besuchern aus. Wie das Tor zum Fußballspiel gehöre, stehe die Kirche für Sinn und Ziel der Menschen. „Dafür steht der neue Mariendom: dass unser Leben ein Ziel, Sinn und Wert hat. Wir brauchen im Norden den Segen Gottes.“

Knapp 700 Jahre war Hamburg eine katholische Stadt

Die wenigsten wissen heute um die reiche katholische Vergangenheit der Hansestadt. Im Jahr 831 wurde der heiligen Ansgar Erzbischof von Hamburg und errichtete eine kleine Holzkirche in der „Hammaburg“. Im Jahr 1248 begann man den stolzen Bau des alten Mariendomes, der 1329 eingeweiht wurde. Knapp 700 Jahre lang war Hamburg eine durch und durch katholische Stadt, ehe 1529 die Reformatoren alle Katholiken aus der Stadt vertrieben und den Besitz der katholischen Kirche enteigneten. Doch an den Abriss des alten Domes wagte man sich erst nach der Säkularisation unter Napoleon in den Jahren 1804 bis 1807. Nach der Einführung der Religionsfreiheit Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs dann die Zahl der Katholiken in der Hansestadt und man begann 1890 hinter dem Hauptbahnhof, in einem der ärmsten Viertel der Stadt, mit dem Bau der Marienkirche.

Mitten im protestantischen Hamburg eine Kirche im gotischen Stil zu bauen, die zudem an die wenige Jahre zuvor dogmatisierte Aufnahme Mariens in den Himmel erinnerte, war ein großes Wagnis. Dass diese erste neu erbaute katholische Kirche nach der Reformation einmal eine Domkirche werden könnte, daran hätten selbst die kühnsten unter ihren Gründern nicht gedacht. Daher war jetzt aber auch die Umgestaltung zum Dom notwendig geworden. Die Kirche erhielt im Altarbereich die „Kathedra“ als Sitz des Bischofs mit dem Chorgestühl, zwei Großsakristeien für Priester und Messdiener sowie eine Grablege für die Mitglieder des Domkapitels. Für den Einzug der Geistlichen wurde der Mittelgang verbreitert und der Taufstein steht jetzt in der Mitte der Kirche.

Erzbischof Thissen erinnerte in seiner Festpredigt daran, dass die alte Marienkirche fast zeitgleich mit dem prächtigen Hamburger Rathaus entstand. Dort erinnert im großen Festsaal ein großes Gemälde an den heiligen Ansgar (796–865), den ersten Erzbischof, den Missionar des Nordens und Patron des Bistums. Er ist dort bei der Taufe von Gläubigen zu sehen, die allerdings später übermalt wurden, weil Hanseaten angeblich vor Niemandem knien würden. Seit jeher schätzen die evangelischen Bürgermeister aber die Leistungen der Christen für Bildung und Nächstenliebe. Bürgermeister Ole von Beust (CDU) lobte in seinem Grußwort, das die Gemeinde mit langem Applaus aufnahm, die äußere und innere Schönheit der Kirche, sie sei von einer „ergreifenden Schlichtheit“. Dies passe zu der heute zunehmenden Suche der Menschen nach Autorität, Klarheit, Zuversicht und Gelassenheit. Man habe in den letzten Jahren „sehr viel um das Goldene Kalb getanzt“ und solle nun zu den Ursprüngen zurückkehren. Dabei setze er auf die Kirche.

Die evangelische Landesbischöfin Maria Jepsen, von Erzbischof Thissen als „Schwester Bischöfin“ tituliert, erinnerte bei ihrem Grußwort an die Weihe des salomonischen Tempels in Jerusalem vor 2 900 Jahren. Der Mariendom solle wie der Tempel des König Salomo ein Ort des Gebetes und der Gegenwart Gottes sein. Angesichts der schönen Gestaltung sei sie sich sicher, dass der neue Dom keine „Räuberhöhle“ werde, vor der Jesus bekanntlich gewarnt habe. Es komme darauf an, dass Gott ein offenes Ohr für die Gebete der Gläubigen habe und seinen Segen schenke. Noch vor gut hundert Jahren sei die Marienkirche in Konkurrenz zur evangelischen Hauptkirche St. Michaelis gebaut worden. Heute wäre es selbstverständlich, dass evangelische und katholische Christen gemeinsam Gottesdienste in beiden Kirchen feiern, betonte Jepsen. Der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Hamburg gehören noch 30, 7 Prozent der Hamburger an.

Puristisch gestaltete Beichtstühle

Unter katholischen Gläubigen war der Umbau der Marienkirche zum Dom während der Bauphase nicht unumstritten. Die zwei neu errichteten Großsakristeien für Priester und Messdiener, die Grablege für das Domkapitel und die modernistische Altargestaltung sorgten für Diskussionen. Bei den Besuchern der Eröffnungsfeierlichkeiten fanden auch die puristisch gestalteten Beichtstühle keine einhellige Zustimmung. Schwer vermittelbar erschien vor allen Dingen das erforderliche Finanzvolumen von 7, 8 Millionen Euro für die Umbauten. Nach den harten Sparmaßnahmen des Erzbistums zu Beginn des neuen Jahrtausends versprach Erzbischof Thissen deswegen, den Umbau des Domes ganz aus Spenden zu finanzieren. Hauptgeber war dabei mit drei Millionen Euro das Bonifatiuswerk. Da Hamburg mit derzeit elf Prozent Katholiken immer noch als „Diaspora“ gilt, versucht das Werk, den Bau wichtiger Kirchen als „geistliche Leuchttürme“ zu unterstützen, wie Öffentlichkeitsreferent Christoph Schommer im Gespräch mit dieser Zeitung feststellte. Dafür dankte der Erzbischof ebenso herzlich wie für die 4, 1 Mio. €, die durch Einzelspenden zusammengekommen sind. Die noch fehlenden 700 000 € hoffe man in der nächsten Zeit zu erhalten. Dazu haben beispielsweise die Besucher der zahlreichen Festveranstaltungen in dieser Woche Gelegenheit, wenn der neue Mariendom bei Gottesdiensten, Gebetsnächten, Konzerten und Führungen von vielen Hamburgern besucht werden wird.

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