Eine „missionarische Bombe“

Das Paulus-Jahr: Ab kommenden Juni erinnert ein besonderes Jubiläum an die historische Leistung des Völkerapostels

Es gibt die Nachfolger Petri. Nachfolger Pauli gibt es nicht. Der Völkerapostel ist eine einzigartige, überragende Gestalt in der Anfangszeit der Christenheit. Die in ihrer besonderen Bedeutung für die Kirche keine Nachfolger gefunden hat. Er allein war es, der aus Tarsus stammende Pharisäer mit römischer Staatsbürgerschaft, der der verrücktesten aller Nachrichten, die die Welt damals zu hören bekam, universalen Anspruch verlieh: der Kunde aus der fernen Provinz der Juden, derzufolge Gott ein Mensch und getötet worden sei, am dritten Tage aber auferstand. Der Apostel Thomas hat das Evangelium nach Indien gebracht, andere brachten es nach Afrika. Aber Paulus war der Vordenker, der die „jüdischen Vorkommnisse“ in die Welt der Heiden, das heißt allen Völkern brachte. Für einen körperlich wohl nicht sehr beeindruckenden und geistig bisweilen auch bedrückt und leidend wirkenden Mann eine unglaubliche Mission. Hier wurde Weltgeschichte geschrieben.

Ob es dem Vatikan gelingt, das Faszinosum dieses Mannes erneut wachzurufen, wenn am kommenden 28. Juni das große Paulus-Jahr (ungefähr) zweitausend Jahre nach der Geburt des Saulus beginnt, hängt auch von den Bemühungen der Ortskirchen ab. In Rom jedenfalls steht Paulus seit jeher im Schatten des Fischers. Der Petersdom mit dem dortigen Apostelgrab ist der Höhepunkt jeder Rom-Wallfahrt. Außerhalb der aurelianischen Mauern des antiken Roms, an der Via Ostiense, liegt die gewaltige Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Sie ist nicht geostet, wie es für die großen Dome und Basiliken der katholischen Kirche üblich ist, denn jener Sarkophag, der 394 die sterblichen Überreste des Völkerapostels aufgenommen hat, liegt am ursprünglichen Bestattungsort, einer einfachen Nekropole direkt neben der alten Via Ostia, deren Lauf die im Auftrag Kaiser Konstantins im vierten Jahrhundert errichtete Pilgerkirche berücksichtigen musste. Auch heute noch weisen deshalb nicht Altar und Grab, sondern die Kirchenschiffe der nach einem Großbrand 1823 neu errichteten Basilika nach Osten, wo genügend Platz war für den Kirchenbau.

Drei Quellen erinnern an die Hinrichtung

Hier, an der Ausfallstraße der Römer in Richtung Ostia, hat Paulus unter Kaiser Nero sein Haupt auf den Steinquader gelegt. Abgeschlagen soll es drei Mal auf dem Pflaster aufgesprungen sein, bevor es ausblutete. Drei Quellen, die „Tre Fontane“, sollen an den drei Aufschlagpunkten entsprungen sein. Heute erhebt sich darüber die Barockkirche San Paolo alle Tre Fontane. An diesem alten Hinrichtungsplatz der Römer hat man Münzen aus der Zeit des Nero gefunden.

Für besonderes Aufsehen sorgte aber vor nicht langer Zeit die Wiederentdeckung des Sarkophags, der beim Neubau der Basilika im neunzehnten Jahrhundert unter Schutt und Erde vergraben worden war. Das altrömische Steingrab wurde bei Grabungsarbeiten in den Jahren 2002 bis 2006 exakt unter dem Epigraph „Paulo Apostolo Mart“ (dem Apostel und Märtyrer Paulus) an der Basis des Hauptaltars der Basilika gefunden und freigelegt. Eine Glasplatte ermöglicht einen Blick auf den mächtigen Sarkophag, in dem seit 1 600 Jahren die Gebeine des heiligen Paulus ruhen.

Doch das Interesse wird sich im Paulus-Jahr 2008/2009 nicht nur auf die archäologischen Befunde richten. Die Basilika untersteht jetzt, wie die anderen römischen Patriarchalbasiliken auch, einem Erzpriester. Zuvor war diese Aufgabe einem Päpstlichen Administrator übertragen. Erzpriester ist heute der ehemalige Vatikandiplomat Erzbischof Andrea Cordero Kardinal Lanza di Montezemolo. Das Paulus-Jahr soll nach Worten des Kardinals den folgenden Zwecken dienen: der Wiederentdeckung der Gestalt des Apostels; dem Studium seiner zahlreichen Briefe, die an die ersten christlichen Gemeinschaften gerichtet sind; der lebendigen Wiederentdeckung der ersten Zeiten der Kirche; der Vertiefung der Lehren des Apostels; der Wallfahrt zu seinem Grab und den zahlreichen Orten, die er besucht hatte; der Belebung des Glaubens und der Rolle der Gläubigen in der Kirche von heute im Licht seiner Lehren, und schließlich dem Gebet und dem Arbeiten für die Einheit der Christen in einem wahren „mystischen Leib Christi“.

Eine Paulus-Flamme, die das ganze Jahr über brennt

Das Pilgerprogramm beginnt mit der Wallfahrt, die Papst Benedikt am 28. Juni 2008 nach Sankt Paul vor den Mauern unternehmen wird. Dabei wird eine „Porta Paolina“, ein „Paulustor“, geöffnet und eine Paulus-Flamme entzündet, die das ganze Jahr über brennen soll. Das Römische Pilgerwerk wird Reisen zu den paulinischen Orten in Rom, aber auch in der Türkei, dem Heiligen Land, auf Malta und so weiter organisieren.

Der heilige Paulus gehört der gesamten Christenheit und so sollen Angehörige aller christlichen Kirchen und Konfessionen in das Paulus-Jahr einbezogen werden. Benedikt XVI. hatte das Paulus-Jahr während der ersten Vesper des Hochfestes der heiligen Apostelfürsten Peter und Paul 2007 ausgerufen. Der Papst erklärte damals: „Der Völkerapostel, der sich besonders darum bemühte, die Frohe Botschaft allen Völkern zu bringen, hat sich vollkommen für die Einheit und Eintracht aller Christen aufgeopfert. Möge er uns bei dieser Zweitausend-Jahrfeier leiten, schützen und uns helfen, in der demütigen und aufrichtigen Suche nach der vollen Einheit aller Glieder des mystischen Leibes Christi voranzuschreiten.“

Ein besonderes Schreiben, so hat der Vatikan angekündigt, sei deshalb an den Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Alexeij II., ergangen, um ihn zur Eröffnung des Festjahres am 28. Juni 2008 einzuladen. Das Paulus-Jahr erhält somit besondere ökumenische Akzente. Dazu wird die bisherige Taufkapelle, die sich zwischen der Basilika und dem Kreuzgang befindet, zur ökumenischen Kapelle umgestaltet. Damit soll den Christen anderer Konfessionen ein besonderer Ort des Gebetes geboten werden.

Vor allem aber wird das Paulus-Jahr wieder die ersten Jahrzehnte der jungen Kirche in den Blick nehmen, als der Völkerapostel mit seinen Missionsreisen und seinen Briefen, die einen nicht unerheblichen Teil des Neuen Testaments ausmachen, dazu beitrug, den in Jerusalem entzündeten Flächenbrand in alle Teile der damals bekannten Welt zu tragen. Paulus hatte weder zum Kreis der Zwölf gehört, noch war er Zeuge des Sterbens Jesu oder der Erscheinungen des Auferstandenen. Ihn betraute Gott mit einer besonderen Mission. Er war wie ein Turbolader, der der sich rasch ausbreitenden Kirche besondere Kraft verlieh. Eine solch „missionarische Bombe“ kann ansteckend wirken. Wenn das Paulus-Jahr als Gelegenheit begriffen wird, sich wieder dem Wesentlichen der christlichen Botschaft zuzuwenden.

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