Eine Kardinalserhebung für Berlin

Bei der Dankesmesse für seine Kardinalserhebung ruft der Berliner Erzbischof Woelki die Gläubigen zur Einheit mit dem Papst auf. Von José García
Foto: Walter Wetzler | Begehrte Stehplätze in Berlin: Beim Empfang nimmt Kardinal Woelki die Glückwünsche der Gläubigen entgegen.
Foto: Walter Wetzler | Begehrte Stehplätze in Berlin: Beim Empfang nimmt Kardinal Woelki die Glückwünsche der Gläubigen entgegen.

Berlin (DT) Seine Erhebung zum Kardinal hatte der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki eigentlich bereits gefeiert – mit rund 100 Bedürftigen, die er zu einem Mittagessen in der Berliner Malteserzentrale eingeladen hatte.

Was ihn, der auch die Caritas-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz leitet, zu dieser außergewöhnlichen Feier bewogen hatte, erläuterte Kardinal Woelki am Sonntagnachmittag beim Dankgottesdienst, zu dem der Berliner Erzbischof in die St. Hedwigs-Kathedrale eingeladen hatte: „Vor einigen Tagen durfte ich meine Ernennung zum Kardinal bereits mit einigen ärmeren Mitbürgern und Mitchristen unserer Stadt feiern. Auch sie gehören zu uns, zur Kirche, sie gehören zu Christus. Denn gerade die Armen sind dem Herrn nicht egal. Sie sind ihm geradezu ans Herz gewachsen, und sie sind wichtig für uns, weil sie mit ihrem Leben ein Verweis auf unsere eigene Bedürftigkeit und Abhängigkeit von Gott sind. Jeden von uns hat Gott gewollt. Natürlich weiß ich, dass mit einer solchen Speisung nicht alle Probleme beseitigt werden können. Doch genauso wie diese Menschen nach Speise und Trank hungern, so hungern sie – wie ein jeder von uns auch – nach Gemeinschaft, nach Freundschaft, nach einem Zeichen der Ermutigung, der Annahme und ein Zeichen menschlicher Wärme.“ Die Dankesmesse am Sonntagnachmittag bildete gleichsam den Abschluss der Feierlichkeiten anlässlich des Konsistoriums vor einem Monat in Rom, bei dem Rainer Maria Woelki mit 21 anderen Bischöfen aus der ganzen Welt zum Kardinal erhoben worden war. Die Heilige Messe in der überfüllten St. Hedwigs-Kathedrale fand, so Generalvikar Monsignore Tobias Przytarski beim späteren Empfang, auf den Tag genau einen Monat nach der Kardinalserhebung statt. Der 18. Februar sei aber außerdem ein historischer Tag für das Bistum Berlin, denn am 18. Februar 1946 sei erstmals ein Berliner Bischof zum Kardinal erhoben worden: Konrad von Preysing (1880–1950), der eine wichtige Rolle beim Widerstand gegen den Nationalsozialismus gespielt hatte und nach dem Krieg eine schwierige Aufgabe in der zerstörten und geteilten Stadt zu bewältigen hatte.

Im Jahr 2012 bleibt das Erzbistum Berlin weiterhin Diaspora. Zu seinem Territorium gehören nicht nur die nunmehr wiedervereinigte Stadt sowie Brandenburg und Vorpommern. In Berlin hat auch der Apostolische Nuntius seinen Sitz. So feierten mit dem Berliner Erzbischof auch Nuntius Erzbischof Jean-Claude Périsset sowie der Görliltzer Diözesanbischof Wolfgang Ipolt und die Weihbischöfe Marian Kruszylowicz (Stettin-Kamin) und Norbert Werbs (Hamburg) den Dankgottesdienst. Als Vertreter der Ökumene waren Archimandrit Emmanuel Sfiatkos, Griechisch-Orthodoxe Kirche von Konstantinopel, und die Vorsitzende des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg, Pröpstin Friederike von Kirchbach, Gäste in der St. Hedwigs-Kathedrale.

Den „Grund zur Freude und Dankbarkeit“ benannte der neue Kardinal in seiner Predigt: „Im Konsistorium vom 18. Februar 2012 hat mich der Heilige Vater zusammen mit 21 anderen Bischöfen und Priestern aus der ganzen Welt zum Kardinal erhoben. Zu den bekanntesten und wichtigsten Aufgaben eines Kardinals gehört wohl die Wahl eines neuen Papstes. Seine Insignien sind der Purpur und der Kardinalsring. Während seiner Ansprache beim Konsistorium brachte der Heilige Vater die Bedeutung der Kardinäle auf den Punkt, als er formulierte: ,Die neue Würde‘ – so sagte er –, die euch verliehen wurde, möchte die Wertschätzung für eure treue Arbeit im Weinberg des Herrn bekunden, die Gemeinschaften und Nationen ehren, aus denen ihr kommt und deren Vertreter ihr in der Kirche seid, euch mit neuen und wichtigeren kirchlichen Verantwortlichkeiten betrauen und euch schließlich um eine noch größere Verfügbarkeit für Christus und für die ganze christliche Gemeinschaft bitten‘. Für mich persönlich hat der Heilige Vater damit in meiner Person die Kirche hier in Berlin, unserem Erzbistum, und damit eine Ortskirche, die gerade in den letzten Jahrzehnten schwierige Zeiten durchgestanden hat und während kommunistischer Wirren und Erschütterungen standhaft zum Kreuz und zum Glauben, in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri, ausharrte und auf Gott vertraute, besonders würdigen wollen.“

Zur weltkirchlichen Dimension des Kardinalats führte der Berliner Erzbischof aus: „Kirche ist Weltkirche! Kirche ist eine die Völker verbindende und diese übersteigende Gemeinschaft! Dies erleben wir in Berlin, in unserem Bistum, gewissermaßen tagtäglich mit den vielen muttersprachlichen Gemeinden vor Ort. Kirche ist Zeichen des Heils für alle Menschen, ist Heimat! Diese Verbundenheit gilt in ganz besonderer Weise dem Heiligen Vater in Rom, dem Nachfolger des Apostels Petrus, dem sichtbaren Zeichen der Einheit dieser unserer Kirche.“

Um Einheit mit dem Heiligen Vater bat denn auch der neue Kardinal die Gläubigen besonders eindringlich: „Servus Servorum Dei – Knecht der Knechte Gottes, so lautet seit Papst Gregor dem Großen ein Titel, der den Päpsten eigen ist. Der Papst dient der Kirche, indem er sie im Glauben stärkt und wie ein guter Hirt leitet. Den Petrus heute in diesem Dienst mitzutragen, ihn darin zu unterstützen, ihn darin zu stärken, durch unser Gebet, durch unser Wohlwollen, durch unser Vertrauen, durch unsere Liebe um des Herren willen, der ihn zum Felsenmann berufen hat, das ist unser aller Aufgabe, Auftrag. Als Kardinäle sind wir hier in besonderer Weise eingefordert, aber eben nicht nur wir Kardinäle, sondern wir alle. Auch mit Blick auf den Papst gilt das Grundgesetz der Kirche – und das lautet immer: ,Mit‘ und ,Für‘ und nicht ,Gegen‘. Denn trotz seines hohen Amtes bleibt der Papst immer auch ein Mensch mit Schwächen und Grenzen – so wie jeder von uns. Gehen wir deshalb gut mit ihm um, so wie wir das ja für uns selbst erhoffen und erwarten. Wir wissen, wie leicht es manchem fällt, ihn öffentlich zu kritisieren, ihn für rückständig und für von vorgestern zu halten, während er sich darum müht, durch seinen Dienst, durch sein Wort die Einheit der Kirche zu wahren, sie im Glauben der Apostel zu bewahren, sie zu Jesus hinzuführen, in ihr und der Welt die Würde eines jeden Menschen zu verteidigen, weil doch ein jeder von uns Abbild, Ebenbild Gottes ist. Die Tage des Konsistoriums und auch der heutige Tag laden uns alle ein, uns daran zu erinnern, dass wir nur Kirche sein können, wenn wir in Einheit und innerer Gemeinschaft mit dem Petrus heute leben.“

Nach der Heiligen Messe richtete die Vizepräsidentin des Landtags Mecklenburg-Vorpommern, Beate Schlupp, einen Gruß an den neuen Kardinal, den sie mit einer Einladung ins Schweriner Schloss verband. Pröpstin Friederike von Kirchbach, Vorsitzende des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg, wies in ihrer Ansprache darauf hin, dass die Protestanten zwar keine Kardinäle hätten. „Dafür hat es ein evangelischer Pfarrer bis zum Bundespräsidenten gebracht“, sagte sie in Anspielung auf die ebenfalls am Sonntag stattgefundene Wahl des neuen Staatsoberhauptes.

Der neue Kardinal scheint sich in Berlin wohlzufühlen. In seiner Predigt betonte er: „Es ist richtig, an dieser Stelle all den Menschen ganz besonders zu danken, die mich so herzlich hier in unserer Stadt und in unserem Bistum aufgenommen haben, die mir den bisherigen Weg erleichtert haben, sodass Berlin schon jetzt für mich zu einem Stück Heimat geworden ist. Und ich zähle weiterhin auf Ihr Wohlwollen, auf Ihre Unterstützung, auf Ihr Gebet in meinem Dienst für die Kirche und die Menschen hier vor Ort!“ Später beim Empfang im benachbarten alten Telegraphenamt, dem jetzigen Telekom-Atrium, einem für Berlin-Mitte charakteristischen, aus historischen Bauteilen mit klassizistischen Stucksäulen und -giebeln sowie einer hochmodernen Glas- und Stahldecke bestehenden Gebäude, geht der Berliner Erzbischof gerne auf die Einzelnen zu. Woelkis Zuneigung zu seinem Bistum und dessen Menschen beruht auf Gegenseitigkeit. Rainer Maria Woelki wird als Berliner Erzbischof geschätzt. Das ihm entgegengebrachte Wohlwollen bietet aber auch eine Chance für eine stärkere öffentliche Präsenz der Katholiken in der deutschen Hauptstadt, in der sie nur knapp zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Themen & Autoren

Kirche