Ein Hauch von Hollywood

Verzerrtes Jesusbild und mehr: Werner Dahlheims Darstellung der Welt zur Zeit Jesu enttäuscht auf der ganzen Linie. Von Klaus Berger
Foto: IN | Nicht sozialemanzipatorisch zu erklären: Maria hält die Schrift in der Hand. Donatellos Verkündigung Mariä, Santa Croce, Florenz, aus dem Jahr 1435.
Foto: IN | Nicht sozialemanzipatorisch zu erklären: Maria hält die Schrift in der Hand. Donatellos Verkündigung Mariä, Santa Croce, Florenz, aus dem Jahr 1435.

Die Älteren werden sich wohl noch an eine Hollywood-Filmsorte der Nachkriegszeit erinnern, wie „Das Gewand“ oder „Die Zehn Gebote“, Breitwand-Filme, die mit Hunderten von Darstellern prangten und bei denen man vor lauter Breitwand-Gewimmel stets Mühe hatte, den Faden wiederzufinden. Dahlheim, Berliner Altertumswissenschaftler an der dortigen Technischen Universität, ist in dieser Zeit groß geworden, und er hat ein Buch geschrieben, wie in seiner Jugend als Film üblich, wie bei „Das Gewand“: ein prall gefüllter Roman, aber nun gleich über drei, vier Jahrhunderte, eben die gesamte Frühzeit des Christentums beanspruchend. Man kann nur froh sein, dass einem zu dem Buch nicht gleich der Film mitgeliefert wurde.

Dass dem Rezensenten bei der Lektüre förmlich schlecht wurde, liegt nicht nur an der geradezu hollywoodartigen Überfüllung. Wer über die gesamte Frühzeit des Christentums schreibt und dabei auf Sekundärliteratur angewiesen ist, steht auf jeder Seite ständig und buchstäblich in Gefahr, ganz gewaltig unscharf zu werden; denn Dahlheim weiß zwar viel, möchte aber gerne alles wissen. Und so kommt dann heraus, dass er eben kein Fachmann ist, weder im Judentum, noch im Neuen Testament noch in der frühchristlichen Literatur oder gar Liturgie. Es hat durchaus seinen Charme, wenn Nicht-Fachleute sich der christlichen Frühzeit erbarmen. Aber wenn sich dabei nur die wohlfeile Bestätigung seichter Vorurteile ergibt, dann wird es gefährlich, wenn man per Buch einem Fachmann in die Hände gerät, der sein Leben lang von morgens bis abends mit allem Aufwand Neues Testament getrieben hat.

Ein paar Beispiele: Der für Dahlheims Darstellung zentrale Begriff „Reich Gottes“ bleibt unerklärt. Oder: Dahlheim erklärt, in Qumran habe eine „mönchsartige Gemeinde in der Wüste“ gelebt. Das wiederholt nur die sattsam bekannte und obsolete Hypothese, die schon vor fünfzig Jahren allenfalls noch Touristen glaubten und die wegen Mangels an Beweisen längst beerdigt ist. Nein, mit Texten zu argumentieren, ist nicht Dahlheims Sache, und dabei haben wir eben fast nur die Texte. Zu erklären, als Althistoriker sei man auf Texte nicht stark angewiesen, gehört zu den berufsimmanenten Vorurteilen von vor 50 Jahren. Oder: Für die Urgemeinde verkündet Dahlheim eine Spaltung zwischen Hebräern und griechisch Sprechenden. Für die Angabe, es sei um die Witwenversorgung gegangen, wird schnell erklärt „So will es Lukas“. „Wahrscheinlicher aber ist der Streit um den Besuch des Tempels.“ Nur, dass beides innerlich strikt zusammengehören könnte, wie zeitgenössische Quellen wissen lassen, wird gar nicht in Betracht gezogen. Nein, Lukas irrt, wie vordem zu Barbarossas Zeiten.

Bei Dahlheims Jesusbild geht es schon mehr ans Eingemachte: Eine – wie gehabt – platte Alternative ist der Satz über Jesus „Die Nachfolge ist wichtiger als die sozialen Pflichten“. Auch das ist wieder Breitwand-Kino, und zwar giftiges; Papst Franziskus wäre, stimmte das, aufs unangenehmste düpiert. Dort, wo Jesus „Gesetze der Natur“ außer Kraft gesetzt habe, geht es insgesamt um „vom Osterglauben geformte Dichtungen des Urchristentums“. Das darf man sich auf der Zunge zergehen lassen. Klar, dass Dahlheim die neutestamentlichen Berichte von Jesu Himmelfahrt nicht im Ansatz versteht: Von der hilfreichen Unterscheidung zwischen „Erhöhung“ (zu Ostern) und „Himmelfahrt (Lukas 24 Ende oder Apostelgeschichte 1) weiß er nichts, und so muss er süffisant erklären, Beweise für die Himmelfahrt Jesu seien nicht gefunden worden. Nun, was die Erhöhung Jesu angeht, sei er auf die Frauen am Ostermorgen verwiesen. Wenn er aber Beweise für die Himmelfahrt sucht, dann kann es die gar nicht geben, da Himmelfahrt der Schluss einer österlichen Erscheinung ist. Und wenn man Kontrahenten nicht mag, folgt man bei Bedarf dem Stil moderner Journalisten, deren Zerspaltenheit bis zum äußersten zu strapazieren: Aus dem zweiten Kapitel des Galaterbriefs wird ein „schwerer Konflikt“ zwischen Petrus und Paulus, sodass man sich dann über die Kapitel eins und fünfzehn im ersten Korintherbriefs nur wundern kann. Paulus habe „als Sieger triumphiert“.

Und wieder Jesus: Ein Satz wie „Glaube versetzt Berge“ könnte laut Dahlheim zufolge auf den historischen Jesus zurückgehen. Warum, bitteschön „könnte“. Wieso „könnte“ denn Jesus auf einen derartigen Satz verfallen? Und ein Mensch wie Dahlheim kann natürlich die Rede vom Opfer(tod) Jesu gar nicht verstehen, er muss das „primitive Mythologie“ nennen, die „eliminiert werden muss“. Um Missverständnisse zu vermeiden: Es ist nicht zu beanstanden, dass Dahlheim nicht katholisch oder irgendwie christlich denkt. Das ist seine Sache. Aber dass er nicht die geringste Anstrengung unternimmt, das von ihm Beschriebene und Verworfene gedanklich zu verstehen, stattdessen nur gebetsmühlenartig den unbedarften Zeitgeist bedient, das dürfte einem Althistoriker nicht passieren. Die flächendeckende mangelnde Empathie fällt auf jeder Seite auf ihn selbst zurück.

Nur als Kuriosität am Rande sei vermerkt, dass Dahlheim auch die Darstellung der Verkündigung Mariens nach Donatello (1435) nicht verstehen kann: Maria hat ein Buch in der Hand. Nach Dahlheim soll das darauf weisen, Maria sei eine offensichtlich gebildete Frau. Nein, Maria und Buch ist eben nicht sozialemanzipatorisch zu erklären, sondern Buch steht für „Wort Gottes“ – seit Jahrhunderten. Denn um dessen Menschwerdung geht es in dieser Szene.

Ganz arg wird es, wenn Dahlheim behauptet, die Offenbarung des Johannes predige „Massenvernichtungswaffen“. Da sitzt der Leser wieder zusammen mit Dahlheim im falschen Film. Merke: Apocalypse now ist kein Produkt der Prophet John Ltd. at Ephesus.

Werner Dahlheim: Die Welt zur Zeit Jesu. C. H. Beck München, 2014, gebunden, 428 Seiten, ISBN 978-3-406-65176-2, EUR 26,95

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