Ehrliche Philologie ist nicht kirchentrennend

Ein Jahrhundertwerk: Der Lukas-Kommentar des evangelischen Neutestamentlers Michael Wolter

Der Bonner evangelische Neutestamentler Michael Wolter hat einen Lukaskommentar vorgelegt, den man gut und gerne ein Jahrhundertwerk nennen kann. Denn wer nimmt sich schon die Zeit, in der Mitte seines Lebens für einen Zeitraum von über zehn Jahren in erster Linie einen einzigen großen Kommentar von gut 800 Seiten zu schreiben? Wolter war bereits hauptsächlich bekannt durch Bücher zu Paulus und zu späteren Schriften im Umkreis des Paulus. Große Verdienste hat er als „Sekretär“ der riesigen „Theologischen Realenzyklopädie“ (TRE) erworben.

Zwar sind innerhalb der letzten Jahre ein paar Lukas-Kommentare erschienen (in Deutschland die von F. Bovon, W. Eckey und H. Klein). Doch keiner kann sich mit dem Werk M. Wolters messen. Das lässt sich begründen. Zuerst ist ein theologischer Grund zu nennen. Nicht nur als Katholik, sondern als Christ überhaupt wird man bei einem Lukas-Kommentar zuerst nachlesen, wie die Verkündigung an Maria nach Lk 1 dargestellt wird. Wolter schreibt dazu: „Für Lukas ist Maria zweifellos nicht durch Josef oder einen anderen Mann schwanger geworden. Andererseits sagt er weder, dass Jesus durch den Heiligen Geist gezeugt wurde, noch erzählt er gar, wie Marias Schwangerschaft zustande kam. ... Im Vordergrund steht die Tatsache, dass Marias Kind durch Gottes Geist und Kraft vom ersten Augenblick seiner Existenz an Sohn Gottes sei.“

In der Tat kann von einer Zeugung (im medizinischen Sinne) nicht die Rede sein. Wolters Auslegung ist angemessen, mutig und gegenüber der orthodoxen und katholischen Tradition fair und ohne Häme. Es ist gut bekannt, dass das in der Auslegung keineswegs immer so gewesen ist. Wolter lehnt auch die oft zitierte Stelle aus Plutarch, Leben des Numa 4, ab, weil Plutarch es zu genau wissen will und von einer Geistzeugung spricht. Die Art also, in der Wolter Lk 1, 33 bespricht, ist typisch für die Arbeitsweise des Verfassers. Er ist religionsgeschichtlich hochgebildet, doch überspannt er den Bogen nicht. Er kann unterscheiden und wirkt nicht apologetisch. Er ist vor allem nüchtern und ohne verletzende Polemik. Kurzum: Ideale Leser Wolters wären Erasmus von Rotterdam oder Philipp Melanchthon.

Der zweite Grund, warum dieser Kommentar exzellent ist, liegt in einer überwiegenden besonderen Variante von Irrtumslosigkeit. Wolter ist ein vorsichtiger, fast schüchterner Gelehrter. Wer so gebaut ist, hat auch Angst um sich selbst. Und so rettet sich Wolter für etwa 50 Prozent seines Kommentars in Gefilde, in denen er fast unangreifbar ist: Sorgfältig analysiert er die sprachlich-rhetorische Gestalt der Texte, er nimmt die unterschiedlichen Gattungen wahr und zeichnet so die Texte liebevoll nach. Kurzum: Der Kommentar von Wolter ist eine philologische Meisterleistung. Er bringt das, was die Väter der kritischen Exegese begonnen haben, aber oft wegen des von den Verlagen vorgegebenen Umfangs des Kommentars nicht ausführen konnten, zu einer wirklichen Reife. So kann man froh sein, dass er 800 Seiten füllen durfte. Man kann fragen, ob Aussicht besteht, dass diese Gediegenheit je wieder erreicht wird. Die Antwort wird wohl negativ ausfallen. Als philologischer Kommentar ist dieses Buch eine Art Schlusspunkt. Kommentare der Zukunft werden anders aussehen. Man sieht es dem Kommentar auch an, dass Wolter die Seelenruhe, die man für so etwas braucht, sich oft geradezu erkämpfen musste.

Das dritte Lob betrifft die andere Seite der Philologie, nämlich die Platzierung des Kommentars in der frühjüdisch-außerkanonischen und hellenistischen (griechischen) Sprache, Kultur und Religion. Dabei geht es um sprachliche Konventionen, Bedeu-tungsgehalte und religionsgeschichtliche Pa- rallelen im engeren Sinne. Wolter zeigt sich hier als exzellenter Fachmann. Viele der Parallelen hat er selbst gefunden. Zu jedem einzelnen Punkt wertet er sie kritisch aus. Wie gut, dass es noch einen Theologen gibt in Deutschland, der Appians „Bürgerkrieg“ kennt, der seinen Josephus beherrscht und die Sibyllinen gelesen hat. Dass Wolter die seit 2002 in Deutschland geführte Diskussion um den speziell jüdischen Hintergrund der Entstehung Jesu durch den Heiligen Geist nicht kennt, ist als Schönheitsfehler zu werten und nicht tiefsinnig auszuweiten.

Wo so viel verdientes Lob gespendet wird, darf man auch ganz bescheiden ein paar Desiderate anmelden, die sich nicht leicht ausbessern lassen, die vielmehr zu den Charakteristika des Werkes gehören: Die gesamte mittelalterliche Exegese, inklusive der bedeutenden Kommentare Bonaventu-ras und des Albertus Magnus, ja inklusive der Magnificat-Auslegung Luthers oder des Kommentars Agricolas fällt aus. Wolter würde wohl antworten: Ich will nicht Wirkungsgeschichte betreiben, sondern den Text selbst zum Sprechen bringen, und das kann man nur mit Hilfe der damals zeitgenössischen Sprache. Dieses Prinzip treibt Wolter so weit, dass er auch die „synoptischen Parallelen“ zu lukanischen Texten kaum in Erwägung zieht. Ihm geht es nur um Lukas, und das ist, weil konsequent gehandhabt, durchaus eindrücklich. Man weiß jedenfalls, was man an Wolter hat und was nicht. In historischen Fragen schließlich ist Wolter extrem vorsichtig, denn er beschreibt nur, was Lukas meint. Wie einer, der nur auf eine Hand gestützt über dem Barren zu schweben scheint, so schweben Lukas und Wolter nach diesem Buch über der Geschichte.

Die griechischen Zitate (davon pro Seite im Schnitt 4–5 Stück) werden nicht übersetzt. Damit besteht die Gefahr, dass der Kommentar nur für Spezialisten lesbar bleibt. Dazu kommen unverständliche Neubildungen Wolters wie das Wort „eschatisch“, das in keinem Duden erklärt wird und dessen Gehalt auch mir verborgen geblieben ist. Schließlich ist der Kommentar zwar philologisch exzellent (siehe oben), theologisch jedoch, um es vorsichtig zu sagen, spröde. Nun, das ist einfach die Kehrseite der Nüchternheit. Chancen für theologische Auslegung bietet Lukas zuhauf, etwa die Begegnung von Maria und Elisabeth, die Thema einer Ikone wurde, oder der geheimnisvolle Charme der Emmauserzählung, der nicht nur von Rembrandt, sondern auch von älteren Auslegern wahrgenommen wurde. Diese Chancen lässt Wolter sich insgesamt entgehen; aber wer ihn etwas kennt, wird sagen: Vielleicht ist es auch gut so, besser Schweigen als Kitsch oder Krampf. Die Folge ist freilich eine eher bürokratische Sprache. So heißt es zum Magnificat Lk 1, 51–53: „Auf Grund der Parallelität mit den Aoristen in V. 48a.49a.54a und der Analogie zu den ebenfalls die konkrete Situation transzendierenden Aoristen in 1 Sam 2, 4f will Lukas die Umkehrungsaussagen ohne Zweifel mit der in V. 26–38 erzählten Heilsinitiative Gottes verknüpft wissen (s. auch bei V. 68).

Hierbei ergeben sich zwei Prädikationen: Zu einen – dies werden die Parallelen zu 52f sichtbar machen – prädiziert Maria Gott als denjenigen, der seine göttliche Allmacht und damit sein Gottsein erwiesen hat. Zum anderen wird durch die hier vorgenommene spezifische Auswahl aus dem Inventar möglicher Gottesprädikationen auch das Ereignis, das dem Hymnus seinen Anstoß gab, in bestimmter Weise interpretiert, und zwar als Bestandteil einer universalen Umkehrung der unter den Menschen geltenden sozialen Statuszuweisungen“. Das ist exegetische Analyse eines poetischen Textes.

Um es kurz zu sagen: Die theologische Sprödigkeit macht Wolters Buch zum genauen Gegenstück gegenüber dem Jesusbuch des Papstes. Daher ist es kein Wunder, dass Wolter auch zu dessen vehementen Kritikern gehörte. Dennoch halte ich daran fest: In seiner Art philologisch-religionsgeschichtlicher Auslegung ist dieser Kommentar Spitze, wenn auch vielleicht einer der letzten Vertreter seiner Gattung. Und ehrliche, spröde Philologie „hat etwas“ und ist gewiss nicht kirchentrennend.

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