„Dieser Mann ist sehr gefährlich“

Vor 70 Jahren wurde der Karmelit Titus Brandsma im Konzentrationslager ermordet. Von Christiane Neuhausen
Foto: KNA | Titus Brandsma.
Foto: KNA | Titus Brandsma.

„Dieser Mann ist sehr gefährlich.“ Das Urteil der Gestapo fiel buchstäblich vernichtend aus. Es galt dem Karmeliterpater Titus Brandsma. Als die Nationalsozialisten die Niederlande besetzten, organisierte er in der katholischen Kirche den Widerstand und gehörte im Nachbarland zu den frühesten und kompromisslosesten Gegnern der Nazis. Deshalb betrachtete ihn das Regime als „Feind der nationalsozialistischen Sache“. Vor 70 Jahren, am 26. Juli 1942, wurde Titus Brandsma im KZ Dachau ermordet.

1881 wurde er als Anno Sjoerd Brandsma in eine katholische Bauernfamilie im niederländischen Friesland geboren. Von den sechs Kindern der Familie traten fünf in einen Orden ein; so auch Anno, der sich für die Karmeliten entschied und bei seinem Eintritt den Ordensnamen Titus erhielt. Nach Studium und Priesterweihe ließ ihn die Wissenschaft nicht los; mit 51 Jahren wurde er Gründungsrektor und Präsident der Katholischen Universität Nimwegen. Brandsma widmete sich jedoch nicht nur seinen akademischen Tätigkeiten. Vor allem der Journalismus hatte es ihm angetan. Er schrieb unzählige Artikel für katholische Zeitschriften und fungierte als Chefredakteur der Lokalzeitung „De Stad Oss“. 1935 wurde er geistlicher Beirat des Niederländischen Katholischen Journalistenverbandes. Schon früh warnte er vor der Gefahr des Nationalsozialismus, nannte sie eine „schwarze Pest“ und geißelte sie als „heidnisch“. Die Judenverfolgung verurteilte er scharf. Von den niederländischen Sympathisanten der Nazis wurde er deshalb als Kommunist und Judenfreund beschimpft. Als die Nationalsozialisten 1940 die Niederlande besetzten, durften Ordensleute in ihren Schulen keine Leitungsfunktionen mehr ausüben. Ihre Gehälter wurden gekürzt, und die Aufnahme jüdischer Kinder wurde ihnen untersagt. Als Präsident der katholischen weiterführenden Schulen protestierte Brandsma energisch und konnte einen Aufschub erreichen.

Sein Widerspruchsgeist war auch bei der Nazi-Aktion gegen die katholische Presse im November 1941 gefragt. Die Machthaber verlangten, in den kirchlichen Medien Anzeigen und Propaganda schalten zu können. Dagegen wehrten sich die Bischöfe. Brandsma sollte die Redakteure katholischer Titel auf die Linie der Bischöfe einschwören und sie in ihrem Widerstand bestärken. Dass diese Aufgabe sehr gefährlich war, war Brandsma bewusst. Es dauerte nicht lange, bis er auf der Schwarzen Liste der Nazis landete: Am 19. Januar 1942 ließen sie ihn in seinem Kloster in Nimwegen verhaften. Es begann ein Leidensweg durch verschiedene Gefängnisse, der in Dachau endete. Auf Geheiß des Lagerarztes wurde Titus Brandsma am 26. Juli 1942 von einer Krankenschwester mit einer Spritze ermordet, als „lebensunwertes Leben“.

An diesem Tag, einem Sonntag, wurde in allen Kirchen der Niederlande ein Hirtenbrief der Bischöfe verlesen. Sie protestierten darin gegen die Deportation ihrer jüdischen Mitbürger in den Osten, also in die Todeslager in Polen. Die Nazis ordneten die Verhaftung aller Katholiken jüdischer Abstammung an. Am folgenden Donnerstag wurden auch die später heiliggesprochene Edith Stein und ihre Schwester Rosa im Karmel in Echt verhaftet, bald darauf in Auschwitz ermordet.

Seit Mitte der 50er Jahre betrieben die niederländischen Karmeliten die Seligsprechung Brandsmas. Auch die Krankenschwester, die dem Pater die tödliche Spritze setzte, sagte aus und bezeugte, dass er ihr und den anderen sadistischen Wachen verziehen habe. Im November 1985 erhob Papst Johannes Paul II. Brandsma zur Ehre der Altäre. Titus Brandsma ist der erste Journalist, der seliggesprochen wurde. Die Weltunion der katholischen Presse (UCIP) verleiht seit 1992 einen nach ihm benannten Preis an katholische Journalisten und Verleger, die wegen ihres Engagements für eine wichtige menschliche oder christliche Sache bedroht oder verfolgt wurden. Vor allem in den Niederlanden wird der Karmelit hoch verehrt. 2003 wurde in Bolsward ein Museum eröffnet; ein Jahr später benannten die Karmeliter in Nimwegen eine Kirche nach ihm.

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