„Die Sprache, die Jesus zuerst gehört hat“

Wie sich die Nahostkrise kulturell auswirkt – Ein Gespräch mit Werner Arnold über das Aramäische Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Werner Arnold.
Foto: IN | Werner Arnold.

Aramäisch, die Muttersprache Jesu, ist zu einem vom Aussterben bedrohten Minderheitenidiom geworden. Gesprochen wird das Aramäische noch von vielen syrischen Flüchtlingen, darunter auch Christen, deren Sprache und Religion im Orient gleichermaßen keine Überlebenschance haben. Werner Arnold, Professor für Semitistik am Seminar für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Universität Heidelberg, erzählt über die Muttersprache Jesu, die Geschichte des Aramäischen, beklagt die Defizite im Umgang mit aramäischen Christen in Deutschland, zeigt Chancen für eine Verbesserung der Situation der Christen auf und bittet um Hilfe für Menschen aus Maaloula. friendsofmaaloula.de/

Welche Bedeutung hatte das Aramäische für Jesus?

Das galiläische Aramäisch war seine Muttersprache, die er mit seinen Eltern und Freunden im Alltag gesprochen hat. Ob er Latein und Griechisch gesprochen hat, wie viele Gebildete seiner Zeit in Palästina, wissen wir nicht. Sicherlich konnte er auch Hebräisch, das damals nur noch Sprache der Religion und der Wissenschaft war, wie lange Zeit das Lateinische in Europa.

Wie würden Sie den Charakter von Jesu Muttersprache beschreiben?

Das Aramäische war die Sprache des Volkes. Die heiligen Texte wurden schon in vorchristlicher Zeit aus dem Hebräischen ins Aramäische übersetzt, damit auch weniger Gebildete diese Texte verstehen konnten. Diese Übersetzungen ins Aramäische heißen Targume. Die Evangelien haben den Charakter volkstümlicher Erzählungen, wie es sie bis heute bei den Aramäern gibt. Erst in nachchristlicher Zeit wurde das Aramäische zur Sprache der Wissenschaft.

Gibt es Denkformen, die das Aramäische eher unterstützt als beispielsweise Hebräisch, Latein oder Griechisch?

Jede Sprache kann alle Gedanken irgendwie, wenn auch auf unterschiedliche Weise ausdrücken. Das Aramäische ist eine Sprache, die immer eine vermittelnde Rolle zwischen den Kulturen eingenommen hat. Schon in alter Zeit haben christliche Aramäer die Texte griechischer Philosophen und Wissenschaftler für die Muslime ins Arabische übertragen. Auch heute sprechen die Aramäer meist mehrere Sprachen, im Westen noch Arabisch, im Osten Persisch und Kurdisch.

Wie ist die Geschichte der aramäischen Sprache bis heute verlaufen?

In vorchristlicher Zeit war Aramäisch vorherrschende Sprache der Heiden in Syrien. Sie hat sich im ersten Jahrtausend vor Christus nach Israel, in den Libanon und nach Mesopotamien ausgebreitet und dort die älteren Sprachen Hebräisch, Phönizisch, Assyrisch und Babylonisch verdrängt. Mit der Übersetzung der Bibel in den aramäischen Dialekt der Stadt Edessa (heute Urfa in der Türkei) wurde das Aramäische die wichtigste Sprache der orientalischen Christen. Das Aramäische hat sich dann in einen östlichen Zweig (gesprochen von den Juden in Mesopotamien, von den ostsyrischen Christen und von der gnostischen Religionsgemeinschaft der Mandäer) und einen westlichen Zweig aufgespalten (gesprochen von den Juden und Christen Palästinas und von den Samaritanern). Mit der Ausbreitung des Islams wurde das Aramäische weitgehend verdrängt und konnte nur in abgelegenen Gebirgsregionen überleben, wo es im 18. Jahrhundert von europäischen Gelehrten wieder entdeckt wurde. Seine Existenz in der Gegenwart wurde lange von vielen Gelehrten angezweifelt, bis immer mehr Informationen über die Existenz aramäischer Dialekte in Syrien, der Türkei, im Irak und im Iran bekannt wurden. Bis 1915 wurde Ostaramäisch von Juden und Christen in der Osttürkei, in iranisch und irakisch Kurdistan und im azerbeidschanischen Teil des Iran (Urmia) gesprochen, außerdem von den Mandäern im Südirak und in Khuzistan. Dagegen hat das Westaramäische, das auch von Jesus gesprochen wurde, nur in drei Dörfern in Syrien bis in die Gegenwart überlebt. Am bekanntesten ist das einzige christliche Dorf Maaloula, die Bewohner der beiden anderen Dörfer sind Muslime. Mit dem Genozid an den Christen im osmanischen Reich im Jahre 1915 begann der endgültige Niedergang des Aramäischen. Die Vertreibung der Juden aus dem Irak im Jahre 1951, die Kämpfe zwischen der PKK und der türkischen Armee Ende des vorigen Jahrhunderts, die Golfkriege im Irak und Iran und die gegenwärtige Bedrohung der Christen durch den „Islamischen Staat“ haben dazu geführt, dass es heute fast keine Aramäer mehr im Vorderen Orient gibt.

Gibt es eine Mentalität, die die heute aramäische Muttersprachler verbindet?

Auch heute gehören die Sprecher aramäischer Dialekte zu sehr verschiedenen Religionen und Kulturen und können deshalb keine verbindende Mentalität haben. Die heute noch aramäisch sprechenden sehr betagten Juden leben fast alle in Israel und sehen in ihrer Sprache eine Erinnerung an das babylonische Exil. Die christlichen Aramäer sind stolz darauf, noch die Sprache Jesu zu sprechen. Für die Mandäer ist es wohl die Sprache, die Johannes der Täufer gesprochen hat und die einzige Sprache ihrer heiligen Schriften. Die Muslime in Syrien sind unter den Aramäern eine exotische Minderheit, weil der Islam immer mit dem Arabischen in Verbindung gebracht wird. Sie glauben aber, dass Aramäisch die Sprache der Engel ist.

Was würde es für das Christentum bedeuten, wenn Jesu Muttersprache ausstirbt?

Es wäre so als wenn in der islamischen Welt das Arabische ausstürbe. Es war die Sprache, die Jesus zuerst gehört hat, in der er zu seinen Jünger gesprochen und das Evangelium verkündet hat. Dass es heute in der christlichen Welt eine so geringe Rolle spielt und an den meisten christlichen Universitäten nicht gelehrt wird, ist kaum zu verstehen.

Sie regen die konzentrierte Ansiedlung aramäisch-sprachiger Flüchtlinge in Deutschland an. Welche Erfahrungen gibt es in den Orten, wo vermehrt Aramäer leben?

Es gibt ein reges Gemeindeleben in allen Orten in Deutschland und Schweden, wo sich Aramäer niedergelassen haben. Ein moderner Sprachunterricht konnte sich bis jetzt kaum entwickeln, weil die Aramäer aus ländlich geprägten Regionen stammen, in denen nur die alte Schriftsprache gelehrt wurde, die für den Gottesdienst von großer Bedeutung ist.

Gibt es in Deutschland oder in einem anderen europäischen Land Erfahrungen mit zweisprachiger vorschulischer oder schulischer Erziehung bei Aramäern?

In Schweden, wo die meist aus der Türkei stammenden Aramäer sich vor allem in der Stadt Södertälje niedergelassen, wurden Lehrmaterialen für den Aramäischunterricht in den Schulen entwickelt. Zweisprachige Kindergärten, die für den Erhalt des Aramäischen in Europa meiner Meinung nach am wichtigsten sind, gibt es bis jetzt nirgendwo.

Wie können die europäischen Staaten oder die EU die aramäischen Christen im Orient am effizientesten unterstützen?

Indem sie den Aramäern helfen, ihre von den Islamisten zerstörten Dörfer wieder aufzubauen und dort Schulen und Krankenhäuer unterhalten, ähnlich wie es die amerikanischen Missionare im 19. Jahrhundert gemacht haben. Ich glaube aber nicht, dass sich die europäischen Staaten engagieren werden, sonst hätten sie es längst getan. Ich hoffe, dass die Bürger Europas ein größeres Interesse für die orientalischen Christen aufbringen und sie in der gegenwärtigen schwierigen Lage unterstützen. Zumindest könnten sie bereits bestehende Initiativen unterstützen, für die ostaramäischen Christen (wearechristians.de) und für die westaramäischen Christen in Maaloula (friendsofmaaloula.de).

Welche Defizite erleben Sie in Deutschland hinsichtlich des Interesses an orientalischen Christen?

Die aramäischen Christen hatten gehofft, von den Christen in Deutschland mit großem Interesse und offenen Armen empfangen zu werden. Das war aber nicht der Fall. Es sollte viel öfter gemeinsame Veranstaltungen zwischen aramäischen und deutschen Gemeinden geben. Zum Gedenken an den Genozid an den Christen im Osmanischen Reich vor hundert Jahren gab es im vergangenen Jahr einen Gedenkgottesdienst mit den Aramäern in der Universitätskirche Heidelberg, der auf aramäischer Seite großen Anklang gefunden hat.

Wie kann die katholische Kirche in Deutschland ihr Engagement auf diesem Gebiet intensivieren?

Sie sollte die aramäischen Gemeinden in Deutschland mit ihrer Erfahrung bei der Einrichtung zweisprachiger Kindergärten – und bei der Bereitstellung eines breiten Bildungsangebots unterstützen.

Foto: KNA | Christliche Gemeinden sind ein wichtiges Beet für die Pflege und Weitergabe des Aramäischen. Die Aufnahme zeigt orthodoxe Gläubige vor der Georgskirche im syrischen Maalula.
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