Die Sonntagslesung: Jesus liebt die Sünder

Zu den Lesungen des elften Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C). Von Harm Klueting

2 Sam 12, 7–10.13; Gal 2, 16.19–21; Lk 7, 36–50

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium steht in der Einheitsübersetzung unter der Überschrift „Die Begegnung Jesu mit der Sünderin“. In anderen Übersetzungen findet man Überschriften wie „Die große Sünderin“, „Jesu Salbung durch die Sünderin“, „Jesu Begegnung mit einer Dirne im Haus eines Pharisäers“, „Der Sünderin wird vergeben, weil sie liebt“ oder, mit anderer Akzentsetzung, „Jesus beim Pharisäer Simon“. Dieselbe oder eine ähnliche Geschichte wird auch in den anderen Evangelien überliefert (Mt 26, 6–13; Mk 14, 3–9; Joh 12, 1–8). Während der Hausherr und Gastgeber nur bei Lukas als Pharisäer bezeichnet wird, nennen Matthäus und Markus wie Lukas den Namen: Simon, bei Matthäus und Markus Simon der Aussätzige. Matthäus, Markus und Johannes erwähnen den Ort des Geschehens: Betanien. Nur bei Lukas erscheint die Frau, die Jesus mit „echtem, kostbarem Nardenöl“ (Mk 14, 3) salbt, als Sünderin – griechisch „hamartolos“, ein Wort, das das Neue Testament nur in der männlichen Form, „der Sünder“, verwendet – während Matthäus und Markus von einer Frau – griechisch „gyne“ – sprechen. Bei Johannes, bei dem Simon keine Rolle spielt, ist es Maria, die Schwester der Marta und des Lazarus, die Jesus salbt. Die im Mittelalter beliebte Gleichsetzung der Sünderin des Lukas mit „Maria Magdalene, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren“ (Mk 8, 2), findet sich erst bei dem 373 gestorbenen Ephräm dem Syrer. Das Murren der Jünger, bei Johannes des Judas – „Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl teuer verkaufen und das Geld den Armen geben können“ (Mt 26, 8–9) –, kommt bei Matthäus, Markus und Johannes vor, nicht bei Lukas, bei dem der Pharisäer klagt: „Wenn er (Jesus) wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist“. Die Salbung als Vorbereitung auf die Passion – „Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt“ (Mk 14, 8) – heben nur Matthäus, Markus und Johannes hervor, nicht Lukas, der stattdessen das Gleichnis von dem Gläubiger und den beiden Schuldnern bringt, mit dem Jesus dem Simon erklärt, warum er sich der Sünderin zuwendet – „Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?“ – und warum er am Ende sagen kann: „Ihr (der Sünderin) sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat“.

Der Abschnitt bei Lukas steht in dem Zusammenhang, in dem gefragt wird, wer Jesus ist, und für wen er gekommen ist. Das ist die Frage Johannes des Täufers, die er durch zwei seiner Jünger Jesus stellen lässt: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“ (Lk 7, 19), worauf Jesus antwortet: „Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein … und den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Lk 7, 22). Die Armen sind hier nicht nur die materiell Armen und nicht die Armen der ersten Seligpreisung – „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5, 3) –, sondern die in ihrem Leben Verirrten, die tot und verloren sind, wie es der verlorene Sohn war (Lk 15, 24), bevor er zum Vater zurückfand, die wie Schafe sind, „die keinen Hirten haben“ (Mt 9, 36), oder wie die Kranken, die des Arztes bedürfen (Mt 9, 12). Diese meint Jesus, wenn er sagt: „Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mt 9, 13).

So erscheint er auch hier: In dem gegen Jesus gerichteten und von ihm zitierten Scheltwort „Freund der Sünder“ (Lk 7, 34); Jesus liebt die Sünder, und die Sünder, die reumütig sind und glaubend auf Vergebung hoffen, lieben ihn, wie die Sünderin, die ihn mit kostbarem Öl salbt. Glaubend auf Vergebung hoffen – das ist der Schlüssel. Und so sagt Jesus zu der Frau das, was er sonst am Ende von Heilungsgeschichten – Matthäus 9, 22 zu der an Blutungen leidenden Frau – sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Das ist auch der Glaube des heidnischen Hauptmanns von Kafarnaum, von dem Jesus sagt: „Nicht einmal in Israel habe ich einen solchen Glauben gefunden“ (Lk 7, 9). Auch die Vergebung der Sünden, die er der Frau zuvor mit dem Wort „Deine Sünden sind dir vergeben“ zuspricht, das die Anwesenden zu unwilligem Staunen – „Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt?“ – veranlasst, ist eine Heilung und steht für das Heil, das der deshalb auch „Heiland“ genannte Jesus Christus bringt.

Der Abschnitt aus dem zweiten Buch Samuel ist Teil der Bußpredigt Natans, des Propheten am Hof König Davids. Natan wirft David die Tötung des Urija und Ehebruch – „Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen“ – vor. Urija war hetitischer Herkunft und Offizier im Dienst Davids; er wurde von David bei der Belagerung der ammonitischen Hauptstadt Rabba in den Tod geschickt, um dessen Frau Batseba an sich zu bringen. David erkennt seine Sünde und bekennt: „Ich habe gegen den Herrn gesündigt“, worauf Natan ihm antwortet: „Der Herr hat dir deine Sünde vergeben“. Natan hat ihm das Schwert als Strafe angekündigt. Davids Schuldbekenntnis hebt dieses Urteil auf. Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass „er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt“ (Ez 18, 23).

In dem Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Galater kommt das Wort Sünde nicht vor, obwohl es auch hier um Sündenvergebung geht. Es ist die Rede davon, dass „der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“. Das ist eine der Stellen neben dem Römerbrief 3, 28 – „Wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes“ – und dem Römerbrief 1,17 – „Im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben“ –, auf die Martin Luther sich mit seiner Lehre von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott allein („solus“) aus Glauben und Gnade – lateinisch „sola fide et sola gratia“ – bezog, die das Konzil von Trient 1547 damit beantwortete, dass „diese Rechtfertigung bei Erwachsenen ihren Anfang von Gottes zuvorkommender Gnade durch Christus Jesus nehmen muss, das heißt, von seinem Ruf, durch den sie – ohne dass ihrerseits irgendwelche Verdienste vorlägen – gerufen werden, so dass sie, die durch ihre Sünden von Gott abgewandt waren, durch seine erweckende und helfende Gnade darauf vorbereitet werden, sich durch freie Zustimmung und Mitwirkung mit dieser Gnade zu ihrer eigenen Rechtfertigung zu bekehren“.

Was Paulus hier den Christen in Galatien schreibt, hat seine Entsprechung im Römerbrief 3, 28. Beide Stellen zeigen, dass es nicht um „gute Werke“ geht, sondern um Beachtung des Gesetzes, vor allem der zahlreichen jüdischen Ritual- und Reinheitsgesetze. „Werke des Gesetzes“ bedeutet Einhaltung des Gesetzes. Nicht Glaube und Werke stehen sich gegenüber; der Gegensatz besteht zwischen Glauben und Gesetz und zwischen den Werken im Sinne der Befolgung des Gesetzes und Jesus Christus, denn nur der Glaube an Jesus Christus macht gerecht: „Käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben.“

Wichtig ist das „wir“: „Wir haben er-kannt, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus.“ Sonst schreibt Paulus „ich“: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden.“ Wenige Zeilen vor unserem Abschnitt berichtet Paulus über das sogenannte Apostelkonzil in Jerusalem (Gal 2, 1–10; Apg 15, 1–12), bei dem es um die zwischen ihm und Petrus strittige Frage der Verbindlichkeit der Beschneidung, des Kernpunktes der jüdischen Ritualvorschriften, für Heidenchristen, also für zum Glauben an Christus gekommene Nichtjuden ging. Das „wir“ weist auf die zwischen Paulus und Petrus unstrittige Überzeugung hin, dass Gott der Heiden „Herzen durch den Glauben gereinigt“ hat (Apg 15, 9), wie es Lukas als Ausspruch des Petrus überliefert. Im Glauben und in der Liebe trifft sich Paulus im Galaterbrief mit der Geschichte von der Begegnung Jesu mit der Sünderin bei Lukas: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.“ Jesus liebt die Sünder; er ist „der Sünder Freund“.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann