Die Sonntagslesung: Endzeit ist immer

Zu den Lesungen des Christkönigssonntags 2017 (Lesejahr A). Von Harm Klueting

Ezechiel 34, 11–12.15–17 1 Korinther 15, 20–26.28 Matthäus 25, 31–46

Mit dem 34. Sonntag im Jahreskreis gelangen wir an das Ende des liturgischen Jahres der Kirche. Das Christkönigsfest wurde erst 1925 von Papst Pius XI. zur 1600-Jahr-Feier des Konzils von Nicäa im Jahre 325 eingesetzt und seitdem am letzten Sonntag im Oktober begangen. Erst seit der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil feiert die Kirche das Christkönigsfest am letzten Sonntag vor dem Advent. Dadurch rückt das Christkönigsfest in die Nähe zum evangelischen Ewigkeitssonntag. Und dadurch wird der eschatologische – der auf die Wiederkunft Christi bezogene – Charakter des Christkönigsfestes stärker betont. Das Christkönigsfest war die Antwort der Kirche auf den Untergang der Monarchien am Ende des Ersten Weltkriegs: auf den Untergang des deutschen Kaiserreiches mit den Königreichen Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg, auf das Ende des Kaisertums Österreich und des Königsreichs Ungarn, auf den Zusammenbruch des Kaisertums Russlands und auf das Versinken Russlands im Strudel einer von einer atheistischen Ideologie getragenen Revolution und eines blutigen Bürgerkriegs. Das Christkönigsfest ist aber kein monarchistisches Fest, sondern es ruft uns die wahre Königsherrschaft über allen Königreichen dieser Welt in Erinnerung: die Königsherrschaft Christi.

Wir haben an den Sonntagen seit dem Sommer immer wieder Gleichnisse vom Reich Gottes aus dem Evangelium nach Matthäus zu bedenken gehabt. Auch das Reich Gottes hat etwas eschatologisches – etwas von den letzten Dingen –, aber nichts, was erst irgendwann am Ende der Zeiten kommt. „Mein Königtum – mein Reich – ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18, 36), so sagt Jesus im Verhör vor Pilatus. Aber sein Reich ist schon da, mitten in der Welt. Im Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen sagt Jesus: „Die Stunde kommt, und sie ist schon da. Ich bin es“ (Johannes 4, 23.26). Wo Jesus geglaubt und wo ihm nachgefolgt wird – und wo sein Leib in rechtem Glauben und in rechter Nachfolge in der heiligen Eucharistie empfangen wird –, dort ist er und dort ist sein Reich schon da. An den letzten zwei Sonntagen haben uns dann Abschnitte aus dem Evangelium nach Matthäus beschäftigt, bei denen es sich noch viel deutlicher um eschatologische Texte handelt, um Texte, in denen es um die Wiederkunft Christi geht: Vor zwei Wochen das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen (Matthäus 25, 1–13) mit der Mahnung an uns: „Seid wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Matthäus 25, 13). Und vor einer Woche das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Matthäus 25, 14–30). Am letzten Sonntag des Kirchenjahres nun als großes Finale dieser eschatologischen Reden Jesu Rede vom Weltgericht – worauf dann bei Matthäus unmittelbar die Passionsgeschichte und der Weg Jesu zum Kreuz und zur Auferstehung folgt.

Der Herr – Christus, der König – erscheint in Herrlichkeit: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.“ Er kommt unerwartet – „ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Matthäus 25,13) –, und „alle Völker werden vor ihm zusammengerufen“. Und dann beginnt das Gericht, in dem es keinen Ankläger und keinen Verteidiger gibt. Das Gericht ist die große Scheidung: Christus, der König, scheidet die Menschen in die, die er auf seiner rechten Seite versammelt, und die, die den Platz auf seiner Linken zugewiesen bekommen. Die zu seiner Rechten – das sind die, die, wie die tüchtigen und treuen Diener aus dem Gleichnis vom anvertrauten Geld, die Botschaft von der Liebe weitergegeben, gelebt und praktiziert haben. Das sind die, die wir aus den Seligpreisungen kennen: „Selig, die keine Gewalt anwenden“ – „Selig die Barmherzigen“ – „Selig, die Frieden stiften“ (Matthäus 5, 5.7.9). Hier redet Jesus – Christus, der König – sie an: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid.“

Christus, der König, begründet in dieser apokalyptischen Offenbarungsrede Jesu, warum die Menschen zu seiner Rechten die Seligen sind: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ Die zu seiner Rechten wundern sich über diese Rede. Aber sie wundern sich nicht, dass sie solche Liebeswerke getan haben. Sie wundern sich, dass sie sie ihm – Christus, dem König – getan haben: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen, und dir zu essen gegeben?“.

Und dann die anderen! Die zur Linken des Herrn. Sie haben alle diese Liebeswerke an anderen Menschen nicht getan. Auch sie fragen ihn – Christus, den König – „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir nicht geholfen.“ Jesus – Christus, der König – antwortet ihnen: „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan“. Das lässt mich daran denken, wie ich gegen sechs Uhr in der Frühe in Fribourg in der reichen Schweiz bei eisiger Kälte an einer Bushaltestelle einen in eine Decke eingehüllten Obdachlosen schlafen sah. Ich habe mich nicht um ihn gekümmert, sondern eilig den Bus zum Bahnhof bestiegen, der gerade kam.

Diese Leute auf der Linken des Herrn, das sind die aus dem Gleichnis vom anvertrauten Geld, die dort als „schlechte und faule Diener“ (Matthäus 25, 26) gescholten werden, weil sie die ihnen anvertraute Botschaft der Liebe – wie der dritte Diener in jenem Gleichnis die Silbertalente – für sich behalten und ängstlich vergraben, statt die Botschaft der Liebe zu leben und zu praktizieren. Sie werden verdammt und erhalten die ewige Strafe. Das sind die, zu denen der Bräutigam – Christus, der König – wie zu den fünf törichten Jungfrauen sagt: „Ich kenne euch nicht“ (Matthäus 25, 12). Und das sind die, über die – wie über den schlechten und faulen Diener und über den Hochzeitsgast, der kein hochzeitliches Kleid trägt – der Verdammungsbefehl ergeht: „Werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen“ (Matthäus 25,30; 22, 13).

Wie begegnet uns die Königsherrschaft Christi in den Lesungen aus dem Buch des Propheten Ezechiel und aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther? Bei Ezechiel gewiss in dem Bild vom Tag des guten Hirten und dem Tag der Dunkelheit: „Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben, so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück von all den Orten, wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.“ Bei Paulus in dem Wort vom Ende: „Danach kommt das Ende, wenn er – Christus – jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt.“

Das Reich Gottes kommt nicht irgendwann. Das Reich Gottes, das nicht von dieser Welt ist, ist schon da, mitten in der Welt. Überall da, Jesus geglaubt und ihm nachgefolgt wird in Werken der Liebe. Papst Benedikt XVI. hat viele wichtige theologische Bücher geschrieben. Eines davon hat den Titel „Eschatologie“. Darin macht er sich den Gedanken zu eigen, dass „die ganze Botschaft Jesu“ eschatologisch ist, dass sie ihre Stoßkraft davon empfängt, dass sie „den Einbruch von Gottes Reich verkündet“, und dass „Christsein im Sinne Jesu“ sich zusammenfassen lasse in der Vaterunser-Bitte: „Dein Reich komme“. Und in diesem Buch des Heiligen Vaters findet sich der Satz: „Endzeit ist immer“. Benedikt XVI. verweist in diesem Buch auf eine Stelle im Lukasevangelium: „Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! Oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch“ (Lukas 17, 20f.). Gehen wir mit diesem Satz, in dem Jesus von sich selbst spricht, als Verheißung zum Christkönigssonntag in das neue Jahr der Kirche!

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