die sonntagslesung

Bei den drei Lesungen hören wir zweimal von praktizierter Gastfreundschaft und dreimal von Verheißungen. Wir vergleichen zunächst Genesis 18 und Lukas 10 nach der Art typologischer Exegese, dann alle drei unter dem Aspekt der Verheißung.

Bei Abraham ist Gott zu Besuch, bei Martha Jesus, Gottes Sohn. Im Abraham-Text wird von drei Männern berichtet, aber zur Einleitung heißt es überall: „Der Herr erschien ihn“ oder „Der Herr sprach“. In den drei Männern erscheint Gott. Später hat man darin einen geheimnisvollen Hinweis auf die Dreieinigkeit gesehen.

In beiden Erzählungen ist der Besucher viel höheren Ranges als der Gastgeber oder die Gastgeberin. So sagt ja auch Hebräer 13, 2: Seid gastfreundlich, es haben ja Leute auch schon Engel aufgenommen. Der Gast ist der geheimnisvolle Fremde. Auch bei Martha ist das so, dass Jesus eine Antwort gibt, die ihr gar nicht passen kann. Gott ist und bleibt der geheimnisvolle Fremde. Deshalb gibt es bei allen alten Völkern rund um das Mittelmeer Erzählungen über das göttliche Geheimnis der Gäste. Weil Gott der Fremde ist, deshalb soll Israel auch die Fremden immer gut behandeln.

Bis heute geht jeder Gastgeber ein Risiko ein. Wird es Streit geben? Da der Gast fremd ist, wieweit wird er etwas sagen, das die Harmonie gefährden kann? Jede Einladung von Gästen ist ein Drama der menschlichen Existenz im Kleinen. Alles kann daraus werden. Bei Abraham und bei Martha gibt es je zwei sehr unterschiedliche Gastgeber. Sie zeigen sehr klar verschiedene menschliche „Temperamente“.

Abraham ist der diensteifrige Gastgeber, Sara ist nicht so devot. (Leider hat die liturgische Kommission die Lektüre von Genesis 18, 12 schon nicht mehr mit gestattet): Sara kichert „in sich hinein“ aufgrund der Ankündigung, sie werde übers Jahr stolze Mutter sein. Denn 18, 11 hatte berichtet: Es ging ihr nicht mehr nach der Frauen Art.

Martha ist wie Abraham: Sie geht ganz auf im Dienst am Gast. Maria ist der Antityp. So wie in der Bibel und anderswo bei zwei Frauengestalten die eine immer ganz anders ist. Wer im Dienst aufgeht, wird in beiden Geschichten nicht überrascht. Die Überraschung ist für die andere Figur: Die spöttische Sara wird Mutter werden. Und Maria, die nur still dasitzt und Jesus zuhört, wird geradezu selig gepriesen. Sie hat auf Jesus gehört, was eigentlich gegen die Konventionen ist, denn eine vorbildliche Schwester hilft der anderen. Und beide gehen im Haushalt auf, und dann kräht kein Hahn mehr nach ihnen.

Frauen gewähren der Verheißung Freiraum

Der Herr gibt ausdrücklich Sara die Verheißung (deine Frau hat einen Sohn), und Jesus gibt ausdrücklich Maria die Verheißung (sie hat den besseren Teil ausgewählt). Der gute Teil, den Maria erwählt hat, sind die einmaligen vor Ostern gesprochenen Worte Jesu. Dienen kann man immer. Der Schatz der Sara, den sie erhält, ist die Verheißung, die Heilsgeschichte machen wird. Abrahams Dienst war immer möglich.

In beiden Erzählungen entdecken wir das Profil eines Gottes, der nicht das Durchschnittliche will, sondern der seine eigene Geschichte mit den Menschen immer dort einfädelt, wo für ihn Freiraum besteht oder ihm solcher gelassen wird. In beiden Fällen wird Gott dieser Freiraum bei einer Frau gewährt: bei der unfruchtbaren Sara und bei der „kontemplativen“ Maria. Die kontemplativen Orden der Christenheit könnten in ihrem weiblichen Zweigen sehr selbstbewusst auf ihre unglaublichen Verdienste hinweisen, ich denke besonders an Theresa von Avila. – Jesus ist hier genauso revolutionär wie auf ihre Art Sara, die auf die Verheißung der drei ernsthaften Männer hin einfach kichert.

Abraham lässt Gott gar nicht richtig zu Worte kommen; dafür beginnt der seine Geschichte mit Sara. Martha lässt Jesus nicht zu Worte kommen, bzw. vor sich hin reden. Dafür hat Jesus seine Geschichte mit Maria, eine einmalige, weil an sein eigenes Wort gebundene. Gott und Sara heißt das „Gespann“ im Alten Testament, „Jesus und Maria“ bei Lukas.

Die Frage ist jeweils nicht das Moralische, die Gebote und Tugenden. Gastfreundschaft taugt für mehr. Hier geht es um das Außerordentliche. Um das Wunder bei Sara und um die wahren und eigentlichen Worte Jesu bei Maria (Die ipsissima vox Jesu hat nicht Joachim Jeremias gefunden, sondern Maria nach Lukas 10 gehört und – vielleicht – Lukas erzählt).

Und dreimal geht es in den drei Texten um Verheißung: Abraham und Sara wird der Sohn verheißen, Maria wird verheißen, dass sie den besseren Teil erwählt hat, den ihr niemand mehr nehmen kann (also das ewige Leben aufgrund des Hörens von Jesu Wort), und Paulus oder sein Mitarbeiter berichtet im Kolosserbrief von dem lange verborgenen Geheimnis, von Christus als der Verheißung für die Völker. Ausdrücklich spricht er von dem Christus „der die Hoffnung auf Herrlichkeit ist“, das heißt er ist nicht die Tugend der Hoffnung, sondern der lebendige Beweisgrund, fast so etwas wie ein „Probestück“ der Hoffnung der Völker. Warum? Offensichtlich wegen seiner Auferstehung. Der Ausdruck „Christus als die Hoffnung auf Herrlichkeit“ zeigt „johanneischen“ Sprachgebrauch, weil Jesus hier das Hoffnungsgut selbst ist. So wie man auch bei uns sagt: „Er war doch unsere größte Hoffnung.“ Bei uns sagt man das voll Trauer, wenn jemand nicht mehr da ist; bei Jesus sagen wir es voll Freude, weil er aus dem Tod auferweckt wieder da ist. Überdies ist Hoffnung im Neuen Testament keine bloß psychische Anstrengung, sondern stets ein Stück Wirklichkeit, Anzahlung auf Zukunft hin und Unterpfand des Zukünftigen.

Ein Bild für die Geschichte Gottes mit den Menschen

Es geht damit in den drei Lesungen um die Geschichte, die Gott mit den Menschen hat. Bei Abraham und Sara um schlichte Fortsetzung der Heilsgeschichte, bei Lukas um die Worte, durch die Gott in seinem Sohn gesprochen hat am Ende der Zeiten (vgl. Hebr 1, 2) und in Kolosser um die Vollendung für die Völker aller Welt. So präsentieren uns die drei Lesungen ein beeindruckendes Bild der Heilsgeschichte.

Aber geht es bei Maria und Martha nicht um „aktives“ und „kontemplatives“ Leben? Um das Verhältnis von caritativem und sonstigem nützlichen Dienst einerseits und der theoretischen Beschäftigung und Meditation andererseits? Oder ist das ein eher mittelalterlicher Gegensatz, ein Problem auch zwischen kontemplativen und praktischen Orden? Aber das sind wohl hier nicht die Probleme (trotz Teilüberschneidung). Aus meiner Sicht ist die Frage hier, warum man überhaupt auf Jesus hören soll, warum auf sein Wort – wo doch Gastfreundschaft, Höflichkeit und Bereitschaft zu dienen überall in der Welt vertreten werden. Diese Tugenden kann man überall sehen und lernen. Aber auf Jesu einmalige Rede zu hören, das ist das Besondere, und deshalb gibt es auch das Lukasevangelium. Das, was nicht mehr genommen werden kann, hat Lukas kurz zuvor in 10, 20 als das himmlische Bürgerrecht bezeichnet. Für ihn ist das das Höchste, was ein Mensch erreichen kann. Durch diesen Gesichtspunkt erhält Lukas 10 eine innere Einheit. Auch heute wird das Christentum weithin nur noch als Dienstleistungsunternehmen geschätzt. Bei Martha steht der Dienst im Vordergrund, bei Maria Christus und die Tatsache, dass er das ewige Leben ist, und das verbindet mit Kolosser 1, 27b. Jesu Wort an Martha wird auch heute von allen denen als kritisch empfunden werden, die das Ausüben der Caritas als das eigentlich Christliche betrachten. Wenn man Jesu Worte verschärft wiedergibt, haben sie nämlich diese Konsequenz: Wahrheit hat im Christentum Vorrang vor der Liebe. Und zwar Wahrheit im Sinne des Hörens auf den einzigen Gott und der Anbetung dieses Gottes. Diese Wahrheit gibt jeder möglichen Liebe erst Ziel und Sinn. Sonst bleibt Liebe diffus (bis hin zu Erich Mielke: Ich liebe euch doch alle) und endet bestenfalls im reinen Toleranz-Geschwätz. Insofern ist Lukas 10, 38-42 auch ein kritisches Wort zur Situation heute, in der die einzig verbreitete und verbliebene Religion die Toleranz (inklusive ein paar Spendenbescheinigungen) zu sein scheint. Jesus sagt: Maria blickt weiter, weil ein Christentum ohne Christus und Auferstehung wie eine „Schildkrötensuppe ohne Schildkröte“ (H. Heine) ist.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier