Die Sonntagslesung

„Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4, 22), so sagt Jesus zu der Samariterin, der Angehörigen eines außerhalb des Judentums stehenden, aber an den einen Gott Jahwe glaubenden und auf den Messias wartenden Volkes. In dem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium für den zwanzigsten Sonntag im Jahreskreis kommt das Heil hingegen – zunächst nur – zu den Juden. Denn Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“. Unabhängig davon, ob damit das ganze Israel und alle Juden als Herde verlorener Schafe gemeint sind oder nur die verlorenen Glieder des Gottesvolkes, die „Kranken“, die statt der Gesunden des Arztes bedürfen (Mt 9, 12), so schließt dieser Satz doch die Heiden aus. Jesu Auftrag ist beschränkt auf Israel. Das ist dieselbe Beschränkung wie in der Aussendungsrede Jesu an die Jünger: „Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 10, 5–6).

Aber es gibt Ausnahmen. Eine solche Ausnahme ist der heidnische Hauptmann der römischen Besatzungsmacht in Kafarnaum, der Jesus um Heilung seines kranken Dieners bietet und dem Jesus antwortet: „Ich will kommen und ihn gesund machen“ (Mt 8, 6). Eine andere Ausnahme ist die kanaanäische Frau, die Jesus um Heilung ihrer Tochter bittet.

Dieselbe Geschichte steht auch bei Markus (Mk 7, 24–30), aber doch etwas anders. Nicht nur, dass Markus die Frau, die bei Matthäus als Kanaanäerin erscheint, als Griechin aus Syrophönizien bezeichnet, sondern er erweckt – mit den Worten: „Jesus brach auf und zog von dort in das Gebiet von Tyrus“ (Mk 7, 24), heute eine Großstadt im Libanon – auch den Eindruck, dass Jesus das jüdische Land verließ und in das Heidenland ging. Doch Matthäus berichtet, dass die kanaanäische Frau „aus jener Gegend zu ihm kam“. Jesus überschreitet die Grenze zum Land der Heiden also nicht; er zieht mit seinen Jüngern lediglich in den äußersten Norden in Richtung auf Tyrus und Sidon. Hier kommt die Kanaanäerin zu ihm, eine der heidnischen Ureinwohner Kanaans. Sein Auftrag ist beschränkt auf Israel, auf die Juden. Und wie der Hauptmann in Kafarnaum, so bittet auch die Frau ihn um Hilfe. Sie macht das mit dem Ruf: „Herr, du Sohn Davids! Hab Erbarmen“ – demselben Ruf wie dem der beiden Blinden an der Straße bei Jericho (Mt 20, 30) –, womit sie, die Heidin, die Messiasstellung Jesu anerkennt. Aber dennoch und anders als bei dem Hauptmann reagiert Jesus nicht. Er „gab ihr keine Antwort“. Vielleicht ein bewusstes Überhören, wie Jesus auch in Jericho auf den Ruf der beiden Blinden um Erbarmen zunächst nicht reagiert. Und wie die Leute in Jericho, oder wie die Jünger bei der Segnung der Kinder (Mt 19, 13), so werden auch hier die Jünger ärgerlich und fordern ihn auf: „Schick sie weg, denn sie schreit hinter uns her“ – die Einheitsübersetzung der Bibel und das deutschsprachige Lektionar geben das griechische „apolyson auten“, das „schick sie weg“ heißt, mit „Befrei sie von ihrer Sorge“ wieder, was auch der lateinischen Version „dimitte eam“ nicht entspricht – , worauf Jesus zu den Jüngern sagt: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“. Wie ein Beamter sagen würde: Ich bin nicht zuständig! Aber die Frau lässt nicht locker, wirft sich zu Boden und sagt: „Herr, hilf mir!“ Aber wieder weist Jesus sie ab, jetzt mit den Worten: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen“. Im griechischen Text steht hier – anders als in der Perikope „Gebt das Heilige nicht den Hunden“ (Mt 7, 6) – nicht „kyon“, Hund, sondern „kynarion“, Hündchen oder Schoßhund. Das zeigt, dass Jesus die Heiden nicht mit unreinen Tieren vergleicht – Hunde haben weder geteilte Hufe noch sind sie Wiederkäuer, zählen also zu den unreinen Tieren, die nicht verzehrt werden dürfen –, sondern in einem Gleichnis spricht und auf das Verhältnis von Kindern und Haus- oder Schoßhunden anspielt. Das Brot ist das Heil, die Kinder sind die Kinder Israel oder die Juden, denen sein Auftrag gilt, die Hunde sind die Heiden. Jesus weiß, dass Brotreste vom Tisch herunter zu den Haushunden fallen. Die Frau nimmt das Wort und den Gedanken auf: „Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen“. Diese Antwort überzeugt Jesus.

Das Heil kommt – zunächst nur – zu den Juden und noch nicht zu den Heiden. Jesus ist zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt. Aber in besonderen Fällen, unter besonderen Bedingungen, kommt das Heil vor der Kreuzigung und der Auferstehung – vor Ostern – auch zu den Heiden. Diese besondere Bedingung ist der Glaube. Wie bei dem heidnischen Hauptmann, über den Jesus sagt: „Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemand gefunden“ (Mt 8, 10), so ist es auch bei der kanaanäischen Frau: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt“. Nicht, weil der Hauptmann und weil die Frau Heiden sind, wird ihnen ihre Bitte um Erbarmen erfüllt, sondern weil sie den Glauben haben, den Jesus in Israel nicht findet. Nach Ostern ist es anders. Nach Ostern heißt es nicht mehr: „Geht nicht zu den Heiden, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“. Nach Ostern heißt es: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28, 19). Vor Ostern verwirft Jesus für die Juden die jüdischen Reinheitsgebote: „Begreift ihr nicht, dass alles, was durch den Mund hineinkommt, in den Magen gelangt und dann wieder ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein“ (Mt 15, 17–18) – Sätze, die unmittelbar vor der Geschichte von der kanaanäischen Frau stehen. Nach Ostern hat Petrus die Vision der unreinen Speisen und die Audition der Worte: „Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein!“ (Apg 10, 15), worauf Petrus den Heiden Kornelius taufen und sprechen kann: „Jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus; dieser ist der Herr aller“ (Apg 10, 34–36). Und nach Ostern kann Lukas aus der Predigt des Paulus in Rom das Wort überliefern: „Den Heiden ist dieses Heil Gottes gesandt worden. Und sie werden es hören“ (Apg 28, 28). So steht die Geschichte von der kanaanäischen Frau zwischen dem von den Propheten des Alten Testaments Israel angekündigten Heil und dem Heil für die Heiden – oder für alle Menschen auf der ganzen Erde – nach der Kreuzigung und Auferstehung des menschgewordenen Gottessohnes.

Aber auch bei den Propheten des Alten Testaments gibt es die Ankündigung des Heils für die Völker oder die Heiden. Das zeigt die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Jesaja. Das Wort Gottes, das der Prophet dem Volk verkündet: „Bald kommt von mir das Heil“, gilt Israel. Doch verbindet sich mit dem Heil Israels schon hier das Heil der Völker. Das Heil der Heiden ist hier das Heil Einzelner – auch die kanaanäische Frau und der römische Hauptmann sind ja Einzelne – oder Fremder: der „Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben“. Das Heil für die – einzelnen – Heiden ist hier aber nicht an den Glauben als Bedingung gebunden, sondern an gottesdienstliche Teilhabe und Beachtung der Gebote – „Die Fremden, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen“ –; das sind die Fremden, „die an meinem Bund festhalten“ und die im Bethaus Gottes mit Freude erfüllt werden. Denn, so gibt der Prophet Gottes Wort wieder: „Mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt“. Diese Verheißung des Heils für die Heiden steht aber nicht nur hier, sondern auch an ganz anderen Stellen des Buches Jesaja. Besonders deutlich ist das im sogenannten ersten Gottesknechtslied: „Seht, das ist mein Knecht, das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht“ (Jes 42, 1).

In der zweiten Lesung aus dem Römerbrief hat sich das Verhältnis – scheinbar – umgekehrt. Paulus, der sich hier „Apostel der Heiden“ nennt, warnt die Heidenchristen vor Hochmut gegenüber den Juden. Die Heiden haben das Heil auf Kosten Israels und somit vermittelt durch Israel erlangt – „ihre Verwerfung hat für die Welt Versöhnung gebracht“ – , aber die „Gnade und Berufung“ Gottes bleibt Israel erhalten – „Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat“ (Röm 11, 1–2) –, und die Juden, oder „wenigstens einige von ihnen“, werden, so Paulus, vermittelt durch die Heidenchristen das Heil erlangen, weil das Heil der Heidenchristen sie „eifersüchtig“ machen wird. Aber dabei bleibt es nicht. Alle, Juden und Heiden, waren ungehorsam – „Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“ (Röm 3, 23). „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen“. Das Heil kommt von den Juden, und es gilt allen Völkern.

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