Die Leidenswege der Kirchen im Osten

Patriarch Louis Raphael I. Sako aus Bagdad fürchtet um die Sicherheit der Christen nach dem Kurden-Referendum im Irak. Von Michaela Koller
Foto: ICO/Pulling | Patriarch Louis Raphael I. Sako bei seinem Vortrag in Salzburg.
Foto: ICO/Pulling | Patriarch Louis Raphael I. Sako bei seinem Vortrag in Salzburg.

Salzburg (DT) Das Oberhaupt der chaldäischen Katholiken, Patriarch Louis Raphael I. Sako, befürchtet eine langfristige radikal-islamische Infiltration im Irak. „Vielleicht wird der IS territorial besiegt sein, aber ideologisch wird das nicht möglich sein“, sagte er auf Anfrage dieser Zeitung anlässlich der diesjährigen Tagung des Hilfswerks „Initiative Christlicher Orient“ Anfang der Woche in Salzburg. Der geistliche Würdenträger hat zudem keine Hoffnung, dass die Gräueltaten des Islamischen Staates einmal vor ein internationales Strafgericht gebracht werden. „Das ist ein Traum“, fuhr er fort. Rhetorisch fragte er zurück: „Kennen Sie die IS-Täter, die sich in Europa aufhalten, beim Namen?“

Unklar, was die Zukunft den irakischen Christen bringt

Der Oberhirte appellierte an die Christen im Westen, seiner bedrängten Herde spirituellen und moralischen Beistand zu leisten. Beharrliches Gebet, Besuche vor Ort und öffentliche Mahnungen, bei der Suche nach politischen Lösungen ihren Schutz nicht zu vergessen, wünschte er sich ausdrücklich. Der Patriarch ist Oberhaupt von mehr als einer halben Million chaldäisch-katholischer Christen, die mit Rom uniert sind, aber ihre Liturgie in syrisch-aramäischer Sprache feiern.

Angesichts des Referendums über eine kurdische Unabhängigkeit am Montag fürchtet er um die Sicherheit der christlichen Minderheit im Irak. Da es keine Übereinstimmung zwischen der Regierung in Bagdad und der Regierung in der Autonomen Region gäbe, könne eine solche Veränderung die Stabilität gefährden. Nach der Befreiung der christlichen Ortschaft Batnaya in der Ninive-Ebene zwischen Alqosh im Norden und Mossul im Süden aus der Kontrolle durch die Terrormilizen des Islamischen Staates Ende vorigen Jahres sei zunächst Hoffnung aufgekeimt. Rund tausend Familien wollten ursprünglich zurückkehren. Diese blickten jedoch nun verunsichert in die Zukunft.

„Ich bin wirklich beunruhigt, weil nicht klar ist, was die Zukunft den Christen bringen wird“, sagte der Patriarch. Die internationale Gemeinschaft und ganz besonders die Nachbarländer seien verunsichert. Die Zeit für das Referendum sei noch nicht reif, weil die Spannungen noch zu groß seien. „Wir haben Angst vor einem neuen Krieg, bei dem die Christen nur verlieren können“, warnte der geistliche Würdenträger. Eine so bedrohte Gruppe wie die christliche Minderheit könne sich selbst nicht beschützen. Als Hirte müsse er darauf hinweisen, dass die Christen zu einer leichten Beute würden. Er habe sie auch davor gewarnt, öffentlich Stellung zu beziehen. Mehrfach fragten ihn Gläubige, wie es weitergehen könnte. Er könne ihnen nur spirituell antworten: „Gott wird sich unser annehmen.“

Er habe beide Seiten, die Regionalregierung und die Zentralregierung, zu einem „mutigen Dialog“ aufgerufen, um noch vor dem Referendum zu einvernehmlichen Problemlösungen zu gelangen. „Die Christen mussten fliehen. Ihre Dörfer wurden zerstört und allmählich sind wir erschöpft“, betonte Patriarch Sako mit Blick auf den IS-Terror. Er warnte auch vor Unabhängigkeitsbestrebungen für ein christliches Gebiet. „Wir sollten realistisch sein“, fuhr er fort. Im Norden des Irak lebten nun weniger als achtzigtausend Angehörige der christlichen Minderheit. Bis zum Ende des Regimes unter Saddam Hussein lebten im Irak 1,5 Millionen Christen, nun sind es insgesamt nur noch höchstens wenige Hunderttausend. Die christlichen Gebiete seien schwer zerstört worden: Rund neunzig Prozent im Westen der Stadt Mossul, wo sich das historische Ninive befindet, sei zerstört, und etwa achtzig Prozent von Batnaya und die Hälfte von Karakosh. Die irakische Regierung gebe nichts zum Wiederaufbau dazu. Aber die Regierung Ungarns habe zwei Millionen Euro Hilfe geleistet.

Abgesehen vom Wiederaufbau sei die Versöhnung zwischen allen Gruppen vordringlich als Voraussetzung für die Errichtung einer Kultur des Lebens und des Respekts. „Wir benötigen Sicherheit und Stabilität“, betonte der Patriarch, dem sehr viel an der Rückkehr der Christen in seine Heimat gelegen ist.

Wie dramatisch die Wirkung von wechselnden Phasen der Verfolgung und Diskriminierung sich auf eine christliche Minderheit auf biblischem Boden auswirkt, zeigte die Berliner Soziologin Tessa Hofmann am Beispiel der Türkei auf. Die Bevölkerung sei in dem heutigen Gebiet der Türkei noch Anfang des neunzehnten Jahrhunderts mehrheitlich nicht-muslimisch gewesen. Die Vielzahl christlicher Konfessionen zeuge noch heute von der einstigen Pluralität. Von der größten Gemeinschaft, der Armenier, lebten gerade noch sechzigtausend in Istanbul und zehntausend weitere andernorts in der Türkei. Hinzu kämen neunzehntausend Syrisch-Orthodoxe. Nur noch einige hundert armenisch- und syrisch-unierte Christen erwähnte Hofmann. Die größte christliche Gruppe bildeten die mehr als dreihunderttausend ausländischen Christen in der Türkei: Touristen, Arbeitsmigranten aus Georgien und Armenien, der Ukraine und Moldawien. Wenn entsprechende Drohungen ernst genommen werden können, liefen die Arbeitsmigranten Gefahr, deportiert zu werden.

Die türkische Verfassung kenne nur ein unteilbares Volk, was der pluralistischen Realität widerspreche. Internationalen Abkommen widerspricht die rechtliche und faktische Situation der Minderheiten, darunter dem Lausanner Vertrag von 1923, der nur Griechen, Armenier und Juden als Minoritäten anerkenne. Anderen werde die Anerkennung ihrer Identität und daraus erfolgende schützende Kollektivrechte vorenthalten. Daher seien diese Minderheiten von Gleichberechtigung und Teilhabe ausgeschlossen. Seit 1972 entwickelte sich zudem noch die Ideologie der türkisch-islamischen Synthese, die sich die AKP und Präsident Recep Tayyip Erdogan zu eigen gemacht habe. Demnach bildeten sunnitischer Islam der hanafitischen Rechtsschule und Türkentum eine Einheit. „Der Putsch-Versuch lieferte den Vorwand für eine beispiellose Säuberung des Systems“, sagte Hofmann. Damit sei auch die Bestrebung, die Justiz unter seine Kontrolle zu bringen, verbunden.

Türkei: Das Christentum nur archäologisches Phänomen

Auch zuvor schon wehrten sich Christen größtenteils erfolglos gegen Enteignungen und – speziell die Griechen – gegen Verbote der Ausbildung von Priesternachwuchs. Von viertausend Immobilien 1930 seien nur noch 430 in christlichem Besitz. Das Christentum werde nur als archäologisches Phänomen in Schulbüchern dargestellt, bis 1981 wurde darin der Völkermord an den Armeniern generell verschwiegen, in der Folge aber noch verharmlost. Einer Studie aus dem Jahr 2016 zufolge erscheinen Minderheiten in den Lehrmaterialien überwiegend als Verräter, die stets bereit sind, ihrem „Gastland“ in den Rücken zu fallen.

Der Grazer Religionswissenschaftler Markus Ladstätter dämpfte Erwartungen an den vermeintlichen Reformer Präsident Hassan Rohani im Iran. Die Christen dort seien seit der islamischen Revolution 1979 insgesamt alle mit einer anhaltenden Rechtsunsicherheit konfrontiert, die selbst die alteingesessenen Minderheiten wie die Armenier betreffe. Auch der chaldäische Erzbischof von Teheran habe schriftlich bestätigen müssen, auf Mission zu verzichten. Anlässlich eines persönlichen Besuchs im Iran konnte Ladstätter feststellen, dass das Regime von Vordenkern quasi als Gelehrtenstaat begriffen wird, in dem die wesentlichen Weichen durch Weise gestellt werden. Der Oberste Religionsführer Ali Khamenei bestimme den Wächterrat, der über die Zulassung von Kandidaten in die staatlichen Institutionen entscheide. Ladstätters Reise sei sichtbar von Geheimdienstmitarbeitern überwacht worden. Selbst Sunniten würden in ihrer Religionsausübung erheblich eingeschränkt. Am stärksten verfolgt werde jedoch die Religionsgemeinschaft der Bahai, von denen Hunderte exekutiert worden seien.

Themen & Autoren

Kirche