„Die erste Revolution ist die der Heiligkeit“

Internationale Jubiläumswallfahrt der Schönstattfamilie nach Rom: Franziskus sprach am Samstag in Privataudienz zu den Mitgliedern. Von Guido Horst
Foto: dpa | Umringt von Mitglieder der Schönstattfamilie aus aller Welt: Papst Franziskus segnet während der Audienz ein Kind.
Foto: dpa | Umringt von Mitglieder der Schönstattfamilie aus aller Welt: Papst Franziskus segnet während der Audienz ein Kind.

Rom (DT) Der zum Gebet des „Engels des Herrn“ mit dem Papst stets gut gefüllte Petersplatz war am vergangenen Sonntag noch etwas voller als sonst: Tausende von Pilgern der Schönstatt-Familie waren zum hundertsten Jahrestag der Gründung des Werks von Pater Josef Kentenich nach Rom gereist. Und man sprach – wieder einmal – viel Deutsch auf dem Petersplatz. Insgesamt aber waren es Schönstätter aus fünfzig Nationen und allen Kontinenten, die zur Jubiläums-Wallfahrt in die Ewige Stadt gereist waren. Achttausend von ihnen hatten am Samstagmittag Papst Franziskus in der Audienzhalle des Vatikans einen begeisterten Empfang bereitet. „Sie spüren unsere Zuneigung. Und wir spüren, wie gut es ist, einen Papst zu haben, der die Herzen der Menschen erreicht.“ Mit diesen Worten eröffnete der Vorsitzende des Generalpräsidiums Schönstatts, Pater Heinrich Walter, die Privataudienz. Und Franziskus nahm sich zwei Stunden Zeit, auch, um auf fünf Fragen aus dem Kreis der Schönstatt-Pilger zu antworten.

Der deutsche Newsletter von Radio Vatikan gab den Papst unter anderem mit folgenden Worten wieder: „Man sagt, der Papst sei revolutionär, aber es heißt ja: ecclesia semper reformanda“, sagte Franzikus. Die erste Revolution sei die Heiligkeit. Deshalb beginne jede Erneuerung im Herzen. Davon betroffen seien aber auch die römische Kurie und alle Teile der Kirche, fügte der Papst an. Gesprochen wurde bei der Audienz hauptsächlich auf Spanisch.

Franziskus forderte die Gemeinschaften Schönstatts aber auch dazu auf, stärker missionarisch zu wirken: „Eine Kirche, die nicht aus sich herausgeht, ist eine komische Kirche. Eine Bewegung, die verschlossen ist in sich selbst, wird krank.“ Der Papst warnte davor, sich um sich selbst zu drehen: „Wir gehen hinaus, um etwas zu geben, und nicht, um uns um uns selbst zu drehen.“ Als Bewegung innerhalb der Kirche dürfe man nie vergessen, dass Christus notwendigerweise im Zentrum stehen müsse. Verliere man ihn aus den Augen, befinde man sich auf dem falschen Weg.

Die erste der fünf Fragen an den Papst behandelte das Thema der jüngsten Bischofssynode zu Ehe und Familie: Wie könne die Kirche jungen Menschen helfen, die Familie als „unwiderstehliches Lebensmodell“ anzubieten? Das Sakrament der Ehe sei ein Bollwerk, meinte Franziskus, „doch man kann unbewusst in Versuchung geraten, die Ehe auf einen Ritus zu reduzieren. Da hört man oft sagen: Wir haben kein Geld, um zu heiraten. So wird die Ehe auf einen rein sozialen Aspekt reduziert.“ Franziskus lud alle dazu ein, vor allem jungen Paaren zu helfen. Es sei wichtig, dass die Gesellschaft jegliche Vereinfachung und Hilfe anbiete, damit junge Menschen heiraten könnten. Doch es sei auch notwendig, „dass die Paare sich gut auf die Ehe vorbereiten“, so Franziskus weiter. „Da reicht es nicht aus, dass ein Priester sie nur zwei Mal oder seltener trifft und zwei Vorträge hält. Das geht nicht und wir als Kirche dürfen das nicht hinnehmen. Die Ehevorbereitung braucht Zeit und Geduld. Viele wissen ja gar nicht, was Ehe bedeutet, und reduzieren das Ganze auf ein Lebensstatus oder Versprechen.“

Der Papst erinnerte auch daran, dass die heutige Gesellschaft „eine Kultur des Provisorischen“ pflege, die das Eheverständnis an sich und die Existenz der Familien gefährden. Denn damit werde verhindert, dass Lebensbündnisse geschlossen würden. „Einmal kam eine Mutter zu mir und fragte, was sie machen könne, damit ihr Sohn endlich heiratet. Er war verlobt. Ich sagte ihr: Sie soll aufhören, ihm die Hemden zu bügeln.“

Eine zweite Frage betraf Maria und ihre Rolle bei der Weitergabe des Glaubens. Franziskus erinnerte daran, dass jeder Mensch eine Mutter habe, doch die „eigentliche Mutter der Menschheit“ sei Maria. „Und wenn man das nicht akzeptieren kann, dann kann man immer noch sagen, sie sei unsere Schwiegermutter“, scherzte der Papst. „Ich habe einmal ein Bild von der Muttergottes von Schönstatt erhalten und trage es seitdem immer bei mir. Jeden Tag berühre ich dieses Bild.“ Das Charisma der Schönstatt-Bewegung bestehe darin, „ein Bündnis mit der Jungfrau zu schließen, um die Menschheit zu retten“, erinnerte der Papst. Vor allem Diebe und Bösewichte seien mit der Muttergottes sehr verbunden, „weil sie wissen, dass die Mutter immer zu ihnen steht“, meinte Franziskus. Denn niemand könne von sich behaupten, keine Mutter zu haben. „In Argentinien sagen wir zu einer Person, die Böses getan hat – und das ist ein starkes Wort –, er hat vielleicht keine Mutter, aber er hat immerhin die Muttergottes.“

Bei der Antwort auf die dritte Frage ging Franziskus auf die Beziehung der Jugend mit Jesus ein: „Unsere Seelsorge soll eine von Mensch zu Mensch sein. Wir müssen die Menschen begleiten und mit ihnen Zeit verlieren. Erinnern wir uns daran, dass der große Meister des Zeitverlierens Jesus ist.“

Die vierte Frage betraf den Glauben und wie man ihn heute leben könne. Die Antwort des Papstes war einfach: „Ihr wollt wissen, welches das Geheimnis ist, dass ich glaube. Die Antwort lautet: ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass der Glaube uns vorwärts bringt.“

Die letzte Frage beschäftigte sich mit der Erneuerung der Kirche. Diese wachse nicht durch die Anwerbung von Gläubigen, sondern durch das Zeugnis ihrer Gläubigen, so Franziskus, der dabei seinen Vorgänger, Papst Benedikt, zitierte. „Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sondern durch Anziehung. Anziehung entsteht durch Zeugnis. Gebt Zeugnis!“, sagte Franziskus. Es reiche nicht einfach aus, lediglich Werke der Nächstenliebe zu tun. Es geht darum, ein „Zeugnis des Lebens“ zu geben. „Wie lebe ich? Führe ich ein Doppelleben? Nenne ich mich zwar Christ, aber lebe ich wie ein Heide?“, fragte Franziskus. Als Christ zu leben, stelle eine Entscheidung dar, die erst ein authentisches Zeugnis ermögliche. Gleichzeitig warnte der Papst davor, in den Anstrengungen zu ermüden. Dahinter stünden oftmals Egoismus und Bequemlichkeit.

Themen & Autoren

Kirche