Die Einheit mit Petrus suchen

Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, während des Eröffnungsgottesdienstes anlässlich der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda am 5. Oktober 2011
Foto: dpa | In der Eröffnungsmesse zog Erzbischof Zollitsch (Mitte) noch einmal eine Bilanz des Papstbesuchs.
Foto: dpa | In der Eröffnungsmesse zog Erzbischof Zollitsch (Mitte) noch einmal eine Bilanz des Papstbesuchs.

Lesung: Zef 3,14-17;

Evangelium: Joh 21,1.15-17

Gemeinsam Kirche sein –

in der Einheit mit dem Heiligen Vater

Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Amt, Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Jugendliche, es ist gerade einmal eine gute Woche seit dem Besuch von Papst Benedikt in unserm Land vergangen. Es waren sehr erlebnisreiche Tage, die uns dabei geschenkt waren, mit zahlreichen Höhepunkten. Sei es die eindrucksvolle und grundlegende Rede im Deutschen Bundestag, die auch all jene nachdenklich machen muss, die meinten, den Papst für ihre eigenen Machtspiele vereinnahmen zu können, und der Rede fern blieben. Denn der Brillanz des Vortrags konnte dies nichts nehmen. Sei es die Begegnung mit den evangelischen Christen in Erfurt im Augustinerkloster, bei der unser Heiliger Vater bei dem nach Gott suchenden und ringenden Martin Luther ansetzte und ihm dadurch seine Anerkennung aussprach. Sei es vor allem aber auch in den vielen Messfeiern und Gottesdiensten, in den Begegnungen mit den Menschen, in der Stärkung der Glaubenden. Von all dem sind wir tief bewegt. Es beschäftigt uns über den Tag hinaus und es ist für uns wichtig, dass wir diese Tage nicht nur als ein besonderes Ereignis unter vielen aufnehmen und abhaken, sondern dass wir bereit und offen dafür sind, die Impulse, die uns Papst Benedikt geschenkt hat, aufzugreifen, zu bedenken und fruchtbar werden zu lassen.

Es ist in unserer Zeit leider weit verbreitet, dass wir von einem Ereignis zum anderen hetzen und uns kaum dafür Zeit nehmen, dass unsere Seele mitkommen kann. Das ist zwar verständlich, da die Anforderungen, die an uns gestellt werden, schnell wieder eine Ausrichtung auf eine neue Fragestellung oder Aufgabe erfordern. Doch die unterschiedlichen Ansprachen von Papst Benedikt werden uns weiterhin beschäftigen. Nicht nur wir Bischöfe haben uns gestern Abend bereits über die zentralen Botschaften des Papstbesuchs ausgetauscht und wir werden es noch weiter tun. Die Impulse Papst Benedikts werden auch den begonnenen Gesprächsprozess der Katholiken in unserem Land bereichern und begleiten; zugleich werden viele Gläubige in seinen Texten Ermutigung und Zuspruch finden. Denn er zentriert uns in einer eindeutigen und wohltuenden Art auf das, was uns die Lesung aus dem Buch Zefania als Hoffnungszeichen dargelegt hat: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte.“ (Zef 3, 17) Gerade in einer Welt der zunehmenden Unsicherheiten, wo wir etwa in der Frage nach der Zukunft des Euros wie auch in der Energiepolitik vor vielen Unsicherheiten stehen, da gilt uns diese Zusage Gottes! Das ist die Kraftquelle für unser Handeln, wie es uns Papst Benedikt darlegt; in diesem Vertrauen dürfen wir unser Leben, unsere Umwelt und das Miteinander in unserer Kirche gestalten!

Liebe Schwestern, liebe Brüder, vielleicht wird mancher von uns in den vergangenen Tagen trotzdem damit konfrontiert worden sein, wozu es, um solche Gewissheit zu bekommen, denn das Papstamt überhaupt brauche. Man könne doch auch ohne die Verbindung zum Stellvertreter Christi seinen Glauben leben. Ich will es mir mit einer Antwort darauf nicht zu leicht machen, indem ich allein nur auf die Menschen verweise, denen der Besuch von Papst Benedikt bei uns offensichtlich gut getan hat, die darin erkennbar im Glauben gestärkt wurden. Es ist gut, hier noch tiefer zu schauen und den Blick direkt in die Heilige Schrift zu tun. Hier finden wir den tiefen Grund, weshalb das Amt des Petrus eine besondere Hervorhebung verdient. Wir haben es soeben aus dem Johannes-Evangelium gehört. Der auferstandene Herr gibt Petrus den Auftrag, seine Schafe zu weiden, für seine Herde die Verantwortung zu übernehmen. Da Jesus darum weiß, dass er nicht mehr von Angesicht zu Angesicht unter uns Menschen sein wird, ist es ihm wichtig, seinen Auftrag zu übertragen. Petrus, den er bereits als Felsen der Kirche bezeichnet hat, wird er diese Aufgabe in besonderer Weise übertragen. Die Hirtensorge, die allen Aposteln gemeinsam ist, wird in besonderer Weise auf ihn hin ausgesprochen. Und doch der Abschnitt des Evangeliums, den wir soeben gehört haben, zugleich auch demütigend für Petrus. Dreimal wird er vom Herrn selbst gefragt, ob er ihn lieb habe. Kann er seine Antwort nicht ernst nehmen? Treibt Jesus gar ein Spiel mit Petrus? Keineswegs! Wir erkennen darin hingegen vielmehr den Bezug darauf, dass Petrus Jesus bei seiner Gefangennahme dreimal verleugnet hat. Es wird darin deutlich: obwohl Jesus darum weiß, dass auch Petrus nicht perfekt ist, gibt er ihm den Auftrag, seine Kirche zu leiten und die Apostel zu einen. Und auch wenn er selbst ein Mensch war, der wie wir alle mit seinen eigenen Schwächen zurecht kommen musste, so ist es doch gerade dieser Petrus, der das Fundament unserer Kirche bildet, der uns Glaubende eint und verbindet. Das entscheidende Kriterium für Jesus Christus ist die Liebe, die ihm Petrus zu schenken bereit ist. Diese Liebe ist stärker als alle Schwachheit, sie ist der Motor, den wir brauchen, um unseren Auftrag als Kirche heute lebendig leisten zu können.

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Jugendliche, Papst Benedikt hat in der Vigilfeier mit Euch jungen Menschen am Samstagabend in Freiburg zum Ausdruck gebracht, was der Grund für dieses Vertrauen ist. Ausgehend vom Leben der Heiligen sagte er: „Nicht selten meint man, ein Heiliger sei nur der, der asketische oder moralische Höchstleistungen vollbringe und den man daher wohl verehren, aber im eigenen Leben doch nie nachahmen könne. Wie falsch und entmutigend wäre diese Meinung! [...] Liebe Freunde, Christus achtet nicht so sehr darauf, wie oft wir im Leben straucheln, sondern wie oft wir mit seiner Hilfe wieder aufstehen. Er möchte keine Glanzleistungen, sondern möchte, dass Sein Licht in euch scheint. Er ruft euch nicht, weil ihr gut und vollkommen seid, sondern weil Er gut ist und euch zu seinen Freunden macht.“ Wer ein überaus hohes Bild von Petrus, und damit von seinem Nachfolger hat, der mag enttäuscht sein, weil Gott einen Menschen in solcher Weise hervorhebt. Gott geht es aber nicht um Grenzen und die Schwächen, sondern um die Liebe, nach der Petrus gefragt wird und die er Jesus bekundet und lebt. Und wenn wir das in die heutige Zeit übertragen, dann ist es zuerst die Liebe zu Jesus Christus, die uns unser Heiliger Vater als der Nachfolger Petri ans Herz legt. Eine Botschaft, die vielleicht nicht auf den ersten Blick medienwirksam ist und Eindruck erweckt. Die aber unsere Kirche zum Wesentlichen führt: Die persönliche Verbindung im Glauben an Jesus Christus! Es ist kein Zufall, dass dies in den vergangenen Tagen immer wieder die zentrale Aussage unseres Heiligen Vaters war: Dass wir die Verbindung mit Jesus Christus suchen und von ihm her unser Leben gestalten. Denn in der Ausrichtung auf Christus erfahren wir die Einheit, zu der er uns selbst aufgerufen hat.

Deshalb trifft dies in besonderer Weise in der Begegnung mit den Kirchen der Reformation die Botschaft, die Papst Benedikt darlegt. Es ist aber genauso der Auftrag an uns Katholiken, dass wir uns gemeinsam an Jesus Christus ausrichten, sein Wort hören und uns von ihm in den Sakramenten nähren.

„In Demut schätze dabei einer den anderen höher ein als sich selbst.“ (Phil 2, 3) Diese Mahnung des Apostels Pauls weist uns den Weg, der zu besserem Verstehen führt, der uns auf Jesus Christus hin ausrichtet. Diese Demut ist es, die wir mehr brauchen – sowohl für unsere Kirche als auch für die Gesellschaft im Gesamten – auch wenn dies wenig zeitgemäß zu sein scheint. Es ist ein Weg der persönlichen Bescheidenheit, weil er von uns fordert, uns auf den anderen einzulassen und zu versuchen, ihn in die Mitte unseres Handelns, ja unseres ganzen Lebens zu stellen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, auf eine Unzufriedenheit, die aus dem Papstbesuch erwachsen sei, weist uns die Aussage eines Journalisten, der meinte, dass dieser Besuch des Heiligen Vaters die Gräben zwischen den Katholiken mit unterschiedlicher Vorerfahrung weiter aufgerissen habe. Es besteht zweifellos die Gefahr, dass jeder die Texte von Papst Benedikt in der Weise liest und interpretiert, wie er das vor der Reise ohnehin schon vorausgesehen zu haben meint. Es kommt vielmehr vor allem und entscheidend darauf an, dass wir uns wirklich auf die Worte des Papstes einlassen und im gemeinsamen Austausch darüber den Weg finden und gehen, den Gott uns – auch durch die Aussagen des Heiligen Vaters – heute weist. Für unseren Dialog-Prozess ist das genau der rechte Wegweiser, der uns hilft, den Weg in die Zukunft zu gehen. Der Papst regt uns an und begleitet uns dabei, die Fragen unserer Zeit im Licht des Evangeliums zu beantworten. In dem Maße, in dem es uns gelingt, unsere Hoffnung und Sehnsucht für Heute ins Wort zu bringen, können wir andere begeistern und sie mit der Freude des Glaubens anstecken, die uns erfüllt. Und dies geht nicht, auch das sagte uns Papst Benedikt beim Anblick der vielen tausend Kerzen, die bei der Vigilfeier in Freiburg eine stimmungsvolle und andächtige Atmosphäre schufen, ohne dass wir bereit dafür sind, selbst zu investieren: „Eine Kerze“, so Papst Benedikt, „kann nur dann Licht spenden, wenn sie sich von der Flamme verzehren lässt. Sie bliebe nutzlos, würde ihr Wachs nicht das Feuer nähren.“ Und dann sagte unser Heiliger Vater: „Lasst es zu, dass Christus in euch brennt, auch wenn es manchmal Opfer und Verzicht bedeuten kann.“ Wir werden in der Nachfolge des heiligen Petrus auch heute diese Einheit erfahren, wenn wir bereit sind, uns selbst zu investieren und die Verbindung mit Jesus Christus zu suchen; wenn in der Tat einer den anderen höher achtet als sich selbst! Wenn wir wollen, dass der Besuch von Papst Benedikt noch lange weiter wirkt, dann liegt dies mit an uns. Wir sind es, denen seine Worte anvertraut sind und die sie aufgreifen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, eines dürfte dabei gewiss sein: Papst Benedikt will uns auf das Wesentliche unseres Glaubens hinweisen: auf die Schönheit unseres Glaubens, der uns von Innen her erfüllen und froh machen darf. Als vom Glauben an Gott erfüllte Menschen dürfen wir von Innen her leuchten und ausstrahlen in unsere Welt und so dafür sorgen, dass es in unserem Land heller wird, indem sich Menschen aus dem christlichen Glauben heraus engagieren und sich für andere einsetzen. Dies geschieht, wo es Leute gibt, die die Würde des Menschen verteidigen und sich um ein gutes und zukunftsfähiges Zusammenspiel von Natur und Menschen einsetzen. Wir können den Auftrag von Papst Benedikt dann am Besten aufgreifen, wenn wir nicht alle unser eigenes Süppchen kochen, sondern die Einheit mit ihm, unserem Heiligen Vater und untereinander suchen. Dem Papst ist die Herde und das Weiden der Herde mit besonderer Verantwortung anvertraut. In der Gemeinschaft mit ihm tragen wir Sorge für die Weitergabe des Glaubens und für die Wege, die Gott uns dazu künftig führen will. Wo wir im Vertrauen auf Gott und in der Zuversicht, dass er mitgeht, handeln, da wird deutlich: Wo Gott ist, da ist Zukunft!

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