Die Dynamik der Begegnung

Der theologische Ansatz des neuen Präfekten der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller. Von Christian Schaller
Foto: KNA | Abbild der Dreifaltigkeit: Das Auge Gottes erinnert daran, dass Gott Beziehung ist.
Foto: KNA | Abbild der Dreifaltigkeit: Das Auge Gottes erinnert daran, dass Gott Beziehung ist.

Die Katholische Dogmatik von Gerhard Ludwig Müller ist „das einzige derzeit auf dem Markt befindliche Lehrbuch unseres Faches, das von einem einzigen Verfasser geschrieben ist und so das große Gefüge der Welt des katholischen Glaubens in seiner inneren Einheit sichtbar macht“. Die Würdigung der „Katholischen Dogmatik des neuen Präfekten der Glaubenskongregation, die Papst Benedikt XVI. in der Festschrift des Schülerkreises für Bischof Müller vornimmt, beschreibt zugleich den theologischen Ansatz des langjährigen Professors für Dogmatik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Die Tatsache, dass das Lehrbuch seit seinem ersten Erscheinen 1994 acht deutsche Auflagen und Übersetzungen in mehrere Sprachen für sich verzeichnen kann, zeigt zum einen, wie sehr der theologisch Interessierte, die Studenten und die Seelsorger und Lehrer der Theologie auf ein kompaktes Werk eines profunden Kenners der Dogmen- und Theologiegeschichte gewartet haben.

Es dokumentiert aber auch und vor allem, dass Müllers Theologie den Nerv der Zeit getroffen hat. Seine Gesamtschau ist exemplarisch. Sein Blick auf die Geschichte der theologischen Entwürfe verknüpft die Jahrhunderte. Sein Ausgangspunkt ist die in der Heiligen Schrift bezeugte Offenbarung Gottes, die gerichtet an die Menschen bei ihnen eine Antwort, eine Entscheidung erfordert.

Gerhard Ludwig Müller holt die Theologie aus dem verobjektivierten Themenkanon hinein in das dialogische Geschehen zwischen Gott und den Menschen. Sie ist nicht ein Thema unter vielen, mit dem sich der Mensch beschäftigen kann, sondern existenzielle Begegnung mit Gott als Antwort auf unser urmenschliches Fragen nach dem „Woher“ und „Wohin“. Ein Blick auf das Lehrbuch führt uns in das Konzept einer Dogmatik, die sich umfassend dem Geheimnis des Glaubens annähern möchte – mit folgenden Schwerpunkten:

Eingefügt in das Gesamtkonzept der Katholischen Dogmatik verbindet sich die Christologie mit der Soteriologie und als Entsprechung, als Antwort des Menschen auf die in Christus ergangene Offenbarung mit der Sakramentenlehre. Müller nimmt mit dieser Einordnung der Christologie in die Abfolge der Traktate ebenso eine Neuordnung der Anthropologie vor, die den Menschen nicht als passiven Empfänger einer ihm verordneten „Heilszuweisung“ beschreibt, sondern ihn unter seinen apriorisch-transzendentalen Voraussetzungen und Bedingungen als Mensch in seinem Sein vor Gott beschreibt.

Im Zentrum der Schöpfungslehre steht Gott, der Schöpfer, in seiner freien Selbsterschließung und Hinordnung auf sein Geschöpf. Im sich kreativ mitteilenden Gott wiederum findet das Geschöpf seine fundamentale Bezogenheit auf den sich in der Schöpfungs-Offenbarung eröffnenden Ursprung und Vollender allen Seins.

Mit der Schöpfung am Anfang der Relation Gott – Mensch ist aber die Heilsgeschichte nicht deistisch abgeschlossen, gleichsam als ob die creatio ex nihilo nun sich selbst überlassen, lediglich aus der Erbschaft ihrer eigenen Herkunft Gegenwart und Zukunft gestalten müsste.

Die Selbsterschließung des dreifaltigen Gottes als handelndes Subjekt der Geschichte des Heils im Alten Testament sowie in der neutestamentlichen Revelatio des Vaters als Vater und des Sohnes als Sohn ist der Beginn einer sich zusehends in der Christologie und Soteriologie kulminierenden Offenbarung, die den Sohn als die endgültige personale Heilszusage des Vaters im Heiligen Geist begreiflich macht. Konkrete geschichtliche Ereignisse dienen in ihrer Begreiflichkeit und Erfahrbarkeit der weiteren Durchdringung des als Communio sich mitteilenden dreifaltigen Gottes.

Der Initiative Gottes, dem Menschen sein Wesen in seiner uneinholbaren und letztlich auch unbegreiflichen Größe zu vermitteln, entspricht das Antworten des Menschen, der in freier Überantwortung an die Heilszusage Gottes in Schöpfung, Geschichte und Erlösung seinem Dasein Sinn und Ziel gibt. Exemplarisch ist daher die Mariologie als „Konzentration christlicher Anthropologie“ dem Traktat gegenüberzustellen, der „Herkunft und Bestimmung des Menschen im Lichte der geschichtlichen Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus interpretiert“ – der Anthropologie. Wenn man „des Menschen wegen nach Maria“ fragt, dann deshalb, weil in ihrer Person die unzerstörbare Überantwortung an den Heilswillen Gottes durch die Gnade vollzogen wurde. Mit ihrem Ja-Wort wird sie dem Menschen zum Vorbild für die in der Gnade getragene menschliche Annahme der Heilsoffenbarung Gottes, der sich Maria als innerstes Prinzip und tiefgreifende Bestimmung ihrer Existenz mitteilt, um sich mit uns in der Liebe, die Gott selbst ist, zu verbinden.

Der Schöpfungslehre stellt Müller die Vollendung des Menschen zur Seite. Anfang und Ende, Erschaffung und Vollendung allen Seins korrespondieren miteinander. Liegt im sich in der Liebe verschenkenden Schöpfungsakt der „Anfang“ der liebenden Hinwendung Gottes zum Geschöpf, so zeichnet die Eschatologie unter den gleichen Voraussetzungen einer nicht zu zerbrechenden Liebe Gottes zu uns Menschen mit starken und Hoffnung schenkenden Linien seine endgültige Entschlossenheit zum ewigen Heil der Menschen. Der Ursprung des Seins im Schöpfungsakt wird über den Weg der Selbstmitteilung hinein in die Konkretheit der Geschichte zum Quell der Vollendung.

Korrespondierend mit der Theologie findet die Ekklesiologie als Sammlung der Kirche als das Volk Gottes seine Bedeutung. Ihr Ursprung liegt im Selbstmitteilungswillen Gottes des Vaters, sie findet ihre bleibende Mitte in Jesus Christus und wirkt als das messianische Gottesvolk im Heiligen Geist mit am Aufbau des Reiches Gottes. In Anlehnung an die christologische Ursynthese entwickelt Müller auch eine „ekklesiologische Ursynthese“, um dem gerne vorgebrachten Argument entgegenzutreten, die Kirche wäre eine nachösterliche, rein soziale, unter psychologischen Vorzeichen entwickelte Gemeinschaft, die im Dienste der eigenen Suche nach Identität oder als reine Organisationsform sich der „Sache“ verschrieben hätte. Eine Abkoppelung von Jesus Christus, dem Haupt des Leibes, der die Kirche ist, würde aber zu einem reinen Konstrukt menschlicher Phantasie werden. Kirche Jesu Christi ist als seine Initiative aber zur Vergegenwärtigung des Heils in der Welt eingesetzt und gesandt. Daran erinnert das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner programmatischen Aussage in Lumen Gentium 1: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“

Im responsorial aufeinander bezogenen Aufbau der Dogmatik steht der Christologie die reale Heilsgegenwart Christi, des Hauptes und Herrn seiner Kirche in den Sakramenten gegenüber, ist also angesiedelt innerhalb der Traktate, die als Annahme der Offenbarung in der Geschichte zu lesen sind. Zumal die Gültigkeit des Sakramentenempfangs von der Disposition grundsätzlicher Gläubigkeit und persönlicher Orientierung auf die im Sakrament geschenkte Gnade abhängt. Einer Gnade, die sich erschließen lässt, wenn man die Sakramente nicht als passiv erlebtes Schauspiel über sich ergehen lässt, sondern wenn sie Ausdruck der personal-dialogischen Kommunikation des Menschen mit Gott sind. Das in die Geschichte hineinragende Angebot des in den Sakramenten greifbaren Heils ist kein Automatismus, sondern konstituiert sich durch die positive Aufnahme des in den Sakramenten sich mitteilenden Heils im Menschen.

Die Pneumatologie knüpft wiederum mit der Gnadenlehre ein enges Netz. Nimmt man Gnade als „Inbegriff der ganzen gottmenschlichen Begegnung in der Selbstoffenbarung des Vaters, der Menschwerdung des Sohnes und der Ausgießung des Heiligen Geistes in unsere Herzen“, dann ist in der Soteriologie die unmittelbare und befreiende Wirkung der vom Geist Gottes getragenen Beziehung des Menschen zu Gott zur Vollendung geführt. Der Mensch tritt heraus aus der irdischen Verfasstheit und betritt den Raum des Gerechtfertigten, der neuen Schöpfung, in der das Alte vergangen ist und findet abschließend und zugleich erweiternd und weiterführend zur Communio mit Gott, die getragen ist vom Heiligen Geist. Er befähigt uns, den Bund der Gnade und das Angebot des Heils wirklich anzunehmen und dann den Menschen im tiefsten als den zu erkennen, der er ist – das aus der Liebe geschaffene und zur Liebe mit Gott berufene Geschöpf.

In der Person Jesu Christi, des wahren Menschen und wahren Gottes, sehen wir den „Dreh- und Angelpunkt der gesamten christlichen Dogmatik und darum auch der Theologie insgesamt“. Das Persongeheimnis Jesu wird nicht in der Isolierung des sogenannten historischen Jesus entdeckt. Die Versuche, einen rein historischen Jesus aus der Schrift herauszufiltern und diesen als eigenständiges Objekt des Glaubens zu betrachten, um zum wahren und eigentlichen Christentum voranzuschreiten, haben zu keiner weiterführenden christologischen Erkenntnis geführt. Historischer Jesus contra Christus des Glaubens der Kirche verhüllt den eschatologischen Heilsbringer und reduziert ihn auf den besonderen Menschen Jesus, den Sohn des Zimmermanns.

Einen schlüssigen Zugang zum Person-Sein Jesu als den unüberbietbaren Mittler des Heils gewinnen die Jünger in der Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Die Wahrnehmung des Auferstandenen selbst ist Offenbarungsgeschehen. Und so kann auf dem Hintergrund der an Christus sich manifestierenden endgültigen Heilszusage Gottes Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist verstanden werden. Ist die Identifikation Vater-Sohn im Geschehen der Auferstehung gegeben, werden die Linien zur Präexistenz und der Wesenseinheit zum Signum seiner untrennbaren Abstammung aus Gott sichtbar. Das „Ursprungsereignis der Christologie“ besteht in der konkreten Erfahrung, dass Christus von den Toten auferstanden ist, also das in der Annahme unseres Seins ausgedrückte Angebot des Heils mit der Person Jesu verknüpft ist und den Anfang aller glaubenden Vertiefung bildet.

Von daher wird rückblickend die Identifikation Christi mit Gott geoffenbart, aber zugleich weitet sich die Schau auf den in seiner Kirche gegenwärtigen Christus praesens. Eine Gegenwart, die sich aber zugleich jenseits menschlich-immanenter Raster von Zeit und chronologischen Abfolgen manifestiert. Als der präexistente Christus ist er Schöpfungsmittler, der noch dem Blick der Völker des Alten Testaments Entzogene und dennoch in der Geschichte Wirkende und der aus Maria, der Jungfrau, Geborene. Am Ende mündet die Geschichte Gottes mit den Menschen in die Errichtung des endgültigen Reiches Gottes als Heil schenkende absolute Herrschaft der Liebe.

In der Erkenntnis, dass der Mensch als Geschöpf sich der Liebe Gottes verdankt, liegt auch der Grund für die Aussage, nur Gott kann dem Menschen Heil schenken (Lukas 3, 6). Nimmt man die Relationalität Gottes in sich selbst hinzu, so ist eine Erlösung ohne das Zutun des zu Erlösenden dem Wesen Gottes widersprechend. Die Liebe Gottes hat ihn geschaffen, seine Liebe wird den Menschen auch erlösen. Damit das Heil seinen Weg zu den Menschen findet, hat es in Jesus von Nazareth menschliche Existenz angenommen und ist eingetreten in die Abläufe der Geschichte, damit die Erlösungstat Gottes „für immer als der umfassende Richtungssinn dem menschlichen Dasein und der Menschheitsgeschichte“ eingestiftet wird. Relationalität als Beschreibung nicht nur einer gewissen Eigenschaft Gottes, sondern als fundamentale Erläuterung seines Wesens, ist auch für die Menschwerdung des ewigen Logos der Verstehensrahmen der persönlichen Verantwortung gegenüber dem Heilsangebot Gottes, das in sichtbarer Gestalt gekommen ist und – auch nach Ostern – bleibend gegenwärtig die Welt und unsere eigene Beziehung zu Gott charakterisiert. Das im Angenommensein durch Gott sich charakterisierende Heil beeinflusst unsere Wirklichkeit nachhaltig, weil die Reich-Gottes-Verkündigung als Zusage des Heils als bleibendes Angebot der Liebe Gottes stehenbleibt – nicht statisch, sondern dynamisch in der Verkündigung durch die Kirche.

Im Schlussdokument der Außerordentlichen Bischofssynode des Jahres 1985 finden wir als programmatischen Einstieg eines Kapitels, das sich mit dem Geheimnischarakter der Kirche beschäftigt, folgenden Satz: „Jedes Moment der Kirche wird aus ihrer Verbindung mit Christus hergeleitet.“ Die unbedingte Beziehung der Kirche zu Christus kann nicht konkreter ausgesagt werden. Aber es wäre zu kurz gegriffen, sähe man darin lediglich eine lose Rückbesinnung auf den historischen Jesus und seine Taten, die der gegenwärtigen Gestalt der Kirche in ihrem Handeln zum Vorbild dienen würden. Die Verbindung Christi mit seiner Kirche erreicht eine viel tiefere und absolute Dimension, wenn sie im Licht des Glaubens betrachtet wird.

Ein weiterer Aspekt liegt in der Wesensbeschreibung der Kirche als Sakrament, wie sie Lumen Gentium vornimmt und damit einen altkirchlichen, auf Paulus zurückgehenden Topos aufgreift. Durch dieses sakramentale Sein der Kirche ist sie auf so enge Weise mit Christus verbunden, dass jede Trennung der Kirche von Christus als Auflösung der organischen Einheit verstanden werden muss. Das Schauen auf Christus und den sich in der Sammlung des neuen Gottesvolkes ausdrückenden Heilswillen kann nicht von der in der Geschichte greifbaren und sichtbaren Kirche in der Welt getrennt werden – Christus stiftet Vollmacht ein, Christus beruft zur Sendung und schenkt in den Sakramenten sein Heil. Die Sakramentalität der Kirche steht für die Präsenz des Heils, für den Christus praesens, der sich in seinem Leib, den er konstituiert hat, geschichtlich fassbar zeigt. Und in der Sichtbarkeit ist der Verweis auf Jesus Christus eine Realität, die sich in der Eucharistie als Zentrum des Glaubens an den gegenwärtigen Christus verdichtet. Die Konzentration auf Christus wird dadurch zur Lebensgemeinschaft der Gläubigen mit ihrem Haupt, das Christus selbst ist.

Mit dem Erfassen der Kirche als das endzeitlich gesammelte Gottesvolk sind wir zugleich bei der Anthropologie angelangt. Wahres Mensch-Sein erschließt sich durch Relationalität, durch ein mehrfach geradezu prismenhaft aufgeschlüsseltes Koordinatensystem, innerhalb dessen der Mensch sich zu seinem Dasein berufen fühlt: Die erste fundamentale, Existenz begründende Relation ist die Schöpfungstat, bei der Gott nicht erst Gott wird und bei der Gott keine Reduzierung seiner göttlichen Seinskonstanten erfährt.

Die Gott als Vater offenbarende Relation ist das Ergangen-Sein der unüberbietbaren Offenbarung des Sohnes als eschatologischer Heilsbringer. Er stiftet die Verbindung des Menschen zu Gott, weil er als Mittler die Tür endgültig geöffnet hat, die den Menschen in die relationale Bestimmung als Geschöpf mit der Option zum Erlöst-Sein führt. Dabei muss der Mensch so disponiert sein, dass er über die natürliche religiöse Empfindung den Zugang zum Selbstmitteilungswillen Gottes erhält. Mit diesen Voraussetzungen gelingt es dem Menschen, über die Erkenntnis Jesus als Sohn des Vaters zur Vollendung durch Gott voranzuschreiten.

In Jesus Christus ist Gott dem Menschen in aller Sichtbarkeit erschienen. Jesus Christus als in der Kirche gegenwärtig bleibende Mitte der Heilszuwendung Gottes an die Menschen. Er lässt uns verstehen, wie Gott mit uns kommunizieren möchte, er legt das wahre Mensch-Sein frei und weist auf das Kommende, dorthin, wo er als eschatologischer Vollender alles zum Vaterhaus zurückführt.

Gerhard Ludwig Müllers theologischer Ansatz formuliert den Glauben als responsoriales Ereignis, dynamisch-kommunikativ. Er präsentiert die Inhalte des Glaubens als Angebot, das den Menschen in seine eigene Verantwortung zieht. Nicht stumm zu bleiben dem Angesprochen-Sein durch Gottes Heilswillen gegenüber, sondern sich in Freiheit der inneren Disposition als Wesen der Vernunft auf Gott einzulassen, sind die beiden Bedingungen, die eine Annäherung des Menschen an Gott ermöglichen. Aber erst im Lichte der endgültigen Offenbarung Jesu Christi als Selbstmitteilung Gottes erschließt sich Gott als Vater und Jesus Christus als Mittler und Befreier.

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