Die dialogische Dimension macht den Menschen zur Ikone Gottes

Der neue Patriarch der serbischen Orthodoxie, Irinej, setzt bei seiner ersten Auslandsreise ein ökumenisches Signal

Von Stephan Baier

Wien (DT) Ein deutliches Bekenntnis zur Ökumene war der fünftägige Österreich-Besuch des serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej, der am heutigen Dienstag zu Ende geht. Der 80-jährige Irinej, mit bürgerlichem Namen Miroslav Gavrilovic, war Anfang dieses Jahres nach 35 Jahren als Bischof von Nis zum 45. Oberhaupt der serbischen Orthodoxie und Nachfolger des verstorbenen Patriarchen Pavle gewählt worden. Er besuchte in Österreich nicht nur die großen serbischen Gemeinden in Wien und Linz, sondern auch die größte Glaubensveranstaltung des Landes, die Maria-Namen-Feier in der Wiener Stadthalle, den Stephansdom und die aktuelle Ausstellung des Dommuseums über „Serbien: kulturelle Brücke zwischen Ost und West“, Bundespräsident Heinz Fischer und den Wiener Bürgermeister Michael Häupl, die Kathedrale der orthodoxen Griechen in Wien und das Konzentrationslager Mauthausen. Einen Einblick in sein theologisches und kirchenpolitisches Denken gewährte der neue, im Westen noch weitgehend unbekannte Patriarch bei einem Festakt der Stiftung Pro Oriente in der Österreichischen Nationalbibliothek, der ehemals kaiserlichen Bibliothek, die auch wertvolle Kulturschätze Serbiens enthält.

Wien, die viertgrößte serbische Stadt

Dass das neue, am 22. Januar gewählte Oberhaupt der serbischen Orthodoxie noch vor seiner feierlichen Inthronisation am 3. Oktober seine erste Auslandsreise „nicht in einen der orthodoxen Staaten unternimmt, sondern nach Österreich“, das erstaunte sogar seinen kenntnisreichen Laudator, den früheren Botschafter Österreichs in Belgrad und langjährigen Berater der EU-Kommissionspräsidenten Prodi und Barroso, Michael Weninger. Der Wiener Weihbischof Franz Scharl deutete dies, ebenso wie Botschafter Weninger, als besondere Ehre für Österreich und Zeichen der traditionellen Verbundenheit beider Länder. Offizieller Anlass des Besuches war die 150-Jahr-Feier der serbisch-orthodoxen Kirchengemeinde in Wien. Bedeutsamer dürfte wohl gewesen sein, dass Wien „die viertgrößte serbische Stadt“ ist und die Serben „die weitaus größte Gruppe unter den 500 000 Orthodoxen in Österreich“ stellen, wie der Präsident von „Pro Oriente“, Johann Marte, formulierte.

Wie viele Serben genau in Österreich leben, wissen nicht einmal ihre Repräsentanten: Laut Nachrichtenagentur der serbisch-orthodoxen Diözese für Mitteleuropa leben 400 000 orthodoxe Serben in Österreich, davon 200 000 in Wien. Der serbisch-orthodoxe Bischof für Mitteleuropa, Konstantin, meinte jedoch bei der Begrüßung seines Patriarchen in der Kirche des heiligen Sava in Wien, in der österreichischen Bundeshauptstadt gebe es 100 000 Serben „und in ganz Österreich erreicht die Zahl der Angehörigen der Serbisch-Orthodoxen Kirche beinahe 200 000“. In Wien betreuen sechs Priester und ein Diakon drei serbische Gotteshäuser. 10 000 Kinder besuchten in Österreich im Vorjahr den serbisch-orthodoxen Religionsunterricht.

Für die Gläubigen seiner Kirche in Österreich bildeten die Liturgien in Wien und Linz den Höhepunkt der ersten Auslandsreise Irinejs. Zu einem ökumenischen Höhepunkt jedoch machte der Patriarch eine Feierstunde in der Wiener Nationalbibliothek, zu der die von Kardinal Franz König gegründete und im ökumenischen Dialog bewährte Stiftung Pro Oriente geladen hatte, um den Patriarchen zu einem ihrer Protektoren zu ernennen.

Die Orthodoxie bete täglich „um die Einheit aller“ und darum, dass der Herr „die Spaltungen der Kirchen beseitigen“ und „die Feindschaften unter den Völkern löschen“ möge, berichtete Irinej, der den ökumischen Dialog, „vor allem den Dialog mit der katholischen Schwesterkirche“, als „eine der wichtigsten Fragen unserer gegenwärtigen Mission“ bezeichnete. Als theologische Begründung dafür nannte der Patriarch das dialogische Wesen der Kirche: „Die Kirche ist ihrem Wesen nach eine ökumenische, relationale, in Beziehung zum anderen stehende Realität. Stünde die Orthodoxe Kirche nicht im Dialog mit anderen christlichen Kirchen und mit nichtchristlichen Religionen, säkularen religiösen Bewegungen und allen ideellen und spirituellen Herausforderungen der modernen Welt, so würde sie aufhören, Kirche zu sein und würde sich in eine Sekte verwandeln.“

Weil die Heilige Dreifaltigkeit in sich selbst und der Welt gegenüber bestimmt ist durch die Kategorie der Beziehung, sei die christliche Ontologie dialogisch. Wörtlich sagte Patriarch Irinej: „Der Mensch ist keine in sich verschlossene und mit sich selbst zufriedene Monade, sondern ein Wesen für den anderen. Gerade diese dialogische und relationale Dimension macht den Menschen zu einem besonderen Wesen: zur Ikone Gottes.“ Christ sein bedeute deshalb, „sich vom persönlichen und kollektiven Egoismus zu befreien und auch vom Groll über die verletzte Eigenliebe“.

Die Kirche bestehe in der Welt, „um die existenzielle Umwandlung der durch die Sünde geteilten und zerstückelten Menschheit in eine Gemeinschaft freier Persönlichkeiten zu vollziehen, die mit Gott und miteinander vereint sind“. Die Kirche könne sich darum niemals mit Schisma und Spaltung abfinden, ja es würden jene, die sich damit abfinden, „eine schwerere Sünde begehen als diejenigen, die diese hervorgerufen haben, denn sie leugnen den Willen Gottes, dass alle zusammen und eins am Ende der Geschichte seien“. Patriarch Irinej definierte die christliche Identität als „Selbstverleugnung“ und „Verzicht auf alles Eigene“, als „Befreiung von den Fesseln der Natur und der Geschichte“.

Dialog in Wahrheit und Liebe

Der christliche Dialog solle „Dialog in Wahrheit und Liebe“ sein. Die Orthodoxen seien davon überzeugt, dass „die Einheit der Kirche eine unvermeidliche Notwendigkeit für alle Christen“ sei. Der ökumenische Dialog ziele auf eine „versöhnte Verschiedenheit“ und bewahre die Kirche „vor zwei gleichermaßen gefährlichen Versuchungen: vor dem offenen Relativismus und vor dem geschlossenen Fundamentalismus“, unterstrich das Oberhaupt der serbischen Orthodoxie.

Der Patriarch erinnerte an die 2013 bevorstehende 1 700-Jahr-Feier des Edikts von Mailand, in dem Kaiser Konstantin Glaubensfreiheit gewährte. Die serbische Stadt Nis, deren Bischof Irinej 35 Jahre lang war, werde als Geburtsstadt Konstantins neben Mailand der zweite Gastgeber zentraler Feiern sein. Der Patriarch, der bereits vor Monaten Papst Benedikt XVI. offiziell zu diesem Jubiläum nach Serbien eingeladen hatte, zeigte sich in Wien überzeugt, dass „die vielen kirchlichen und kulturellen Veranstaltungen, die anlässlich dieses Jubiläums geplant sind, zu einer Förderung der Beziehung zwischen unseren beiden Kirchen beitragen werden“.

Der Patriarch, der innerhalb des Heiligen Synods seiner Kirche als betont ökumenisch und aufgeschlossen gilt, vermied in seiner Festansprache in der Nationalbibliothek politische Anspielungen. In einer Ansprache in Linz, wo rund 7 000 Serben leben, unterstrich Patriarch Irinej aber auch die Wichtigkeit des Kosovo für die Serben und nannte das Kosovo „unsere unheilbare Wunde“.

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