Die besten Traumreisen für Sinnsucher

Ein etwas anderer Urlaubsführer zu hundert spirituellen Tankstellen in Deutschland. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Überzeugt durch den Raum für Stille, innere Einkehr und ausgezeichnete Kursangebote: das Haus der Stille in Meschede.

Jahr für Jahr sind Tausende von Menschen unterwegs. Im Urlaub zu verreisen ist von einem Privileg zu einer Selbstverständlichkeit geworden und wer seinen Kindern zumutet, nach den Ferien öffentlich zugeben zu müssen, nicht mit dem Flieger im Ausland gewesen zu sein, muss sich nicht wundern, wenn die armen Kleinen danach als uncool gelten. Dabei gibt es auch hierzulande eine Menge zu entdecken. Vor allem für diejenigen, die mehr wollen als Sonne, Strand und große Eimer, in denen sie gemeinsam mit anderen Urlaubern Vergessen vor dem grauen Alltag zu finden hoffen.

Aber was genau suchen wir, wenn wir in die Ferne schweifen, wohl wissend, dass wir vor uns selber nur schwer davonlaufen können? Bricht man das große Ganze von Sonne, Wind, Meer, Abenteuer und Erholung auf den existenziellen Kern herunter, ist es der Sinn ihres Lebens, der vielen abhandengekommen ist, der Kontakt mit jener Tiefenschicht, in der es still genug ist, um wahrnehmen zu können, worauf es im Leben wirklich ankommt. Manchmal ist es dafür notwendig, wegzugehen, Abstand vom Alltag zu bekommen. Das Ankommen bei sich selbst aber gelingt nur, wenn man im Urlaub einmal wirklich zur Ruhe kommt und statt lärmendem Konsum darauf setzt, auf Nahrungssuche für die Seele zu gehen.

Wer dies vorhat, der findet in dem im Jahr 2013 erstmals erschienenen und 2015 aktualisiert neu herausgegebenen Buch von Christian Antz und Karin Berkemann genau den richtigen Reiseführer. Unter dem Titel „100 spirituelle Tankstellen – Reiseführer zu christlichen Zielen“ laden die beiden Autoren dazu ein, in Deutschland, aber auch darüber hinaus Orte aufzusuchen, an denen man ganzheitlich auftanken kann. Die „Tankstellen“ sind evangelisch und katholisch und es werden Reiseziele mit verschiedenen Schwerpunkten vorgeschlagen.

Da sind zum einen die Hinweise auf Besinnungsorte an ganz normalen Urlaubszielen wie die Nordseeküste, die bayerischen Berge oder der Bodensee, wo man jenseits der bekannten touristischen Angebote auch Nahrung für die Seele finden kann. Das Auftanken beginnt schon auf dem Weg in den Urlaub. Beispielsweise auf der Kirchenstraße an den Flüssen Elbe und Elster, wo man in fünfzig brandenburgischen Kirchen neue Kraft schöpfen kann, in der Kirche am Meer in Schilling oder der Hamburger Flussschifferkirche. Manch einer findet auch unter dem Stichwort Ewigkeit.de den ersten Anknüpfungspunkt für eine tiefer greifende Erholung, denn die aufblasbare Kirche ist vor allem auf Drachenfesten unterwegs, um hier ganz unprätentiös darauf hinzuweisen, wie zielführend es sein kann, den Blick zum Himmel zu erheben.

Auch jenseits des Meeres gibt es zahllose Angebote für Sinnsucher wie in der Campingkirche des Erzbistums Freiburg, der Baumkirche des Diakoniewerkes Neues Ufer in Rampe, die nach dem Muster eines Heiligen Hains gebildet ist und deren Altar an megalithische Steinsetzungen erinnert. Wer den Urlaub nutzen will, um auch körperlich wieder aufzutanken, kann die Angebote für Gesundheit und Wellness mit spiritueller Nahrung in der katholischen Kirche auf Norderney, im Kloster Arenberg, durch die Angebote der ökumenischen Kurseelsorge in Bad Krotzingen und während der Fastenwochen im Kloster Marienthal ergänzen. Durch den Raum für Stille, innere Einkehr und ausgezeichnete Kursangebote überzeugen die Klöster in Nütschau, die Abteien St. Hildegard und Plankstetten, das Haus der Stille in Meschede oder das Berliner Stadtkloster Segen.

Pilgern liegt seit vielen Jahren im Trend und auch für Menschen, die auf dem Weg zu sich finden möchten, bieten die Autoren hilfreiche Hinweise und Tipps für Touren auf dem Hugenotten- und Waldenserpfad, der Bonifatius-Route, dem Lutherweg, dem Kapellenweg im Hochschwarzwald oder für alle, die lieber vier Beine unter sich haben auf den Leonardi-Ritt. Auftanken kann man auch unterwegs, deshalb verweist das Kapitel „In der Kirche – spirituelle Angebote zwischen Liturgie und Musik“ auf Nachtführungen in Rothenburgs Kirchen, die KunstKulturKirche Allerheiligen in Frankfurt, die Aktion Kinder für Kunst und Kultur im Greifswalder Dom, die Straße der Moderne mit ihren faszinierenden neuen Kirchbauten, die wir im letzten Sommer in der „Tagespost“ vorgestellt haben, die Möglichkeit, zehn Minuten an der Krippe in Schönstadt zu verbringen, das Projekt Kinderorgel in der Stiftskirche in Stuttgart oder die offene Kirche St. Klara in Nürnberg. Wer sich schon einmal über lästige Wartezeiten an Flughäfen oder hässliche Autobahnraststätten beklagt hat, findet ebenfalls ein Kapitel, das auf lohnenswerte Alternativen hinweist wie die Flughafenseelsorge München, die „Dank- und Tankstelle“ in Untermarchtal oder die Autobahnkapelle in Hamm.

Auch im Bereich Ausstellungen und Museen gibt es für spirituelle Sinnsucher vieles zu entdecken wie das Museum für Sepulkralkultur in Kassel, den Bibelturm im Gartenteich, das Kunstmuseum Kolumba des Erzbistums Köln, das Museum der Kirchen in Franken oder die Ausstellung Wurzeln und Flügel in Torgau. Für Städtereisende finden sich Tipps wie die Aktion „Kirche auf dem Markt“ in Leipzig, das Geocaching zu Orten der Reformation oder die „Cross Roads“ Berlin. Wen es in weitere Fernen zieht, der wird auf Chor-Studienreisen, die Jugendwallfahrt nach Lourdes oder die Kinderfreizeit Global Kids verwiesen. Das Spektrum der Angebote, die die Autoren ausgewählt haben, ist breit. Es gibt auch für Menschen, die bereits zuvor mit offenen Augen für sinnstiftende Orte gereist sind, eine Menge zu entdecken. Jedes Reiseziel wird auf einer Doppelseite komprimiert vorgestellt, das Bildmaterial ist ansprechend und sorgfältig ausgewählt und zu jedem Reiseziel finden sich die Kontaktdaten für eine vertiefte Reiseplanung. Da man unmöglich alle Reiseziele während eines einzigen Sommerurlaubs aufsuchen kann, lädt das Buch auch in den nächsten Jahren zum Stöbern ein und kann ohne Einschränkungen als ökumenischer Reiseführer empfohlen werden. Wer das Buch unterwegs mitnehmen möchte, kann zusätzlich zur Printausgabe eine ePUP-Version erwerben. Da Idee und Ausführung wirklich ausgezeichnet sind, wäre zu überlegen, ob Autoren und Verlag das Buch nicht zu einer App ausbauen könnten, deren Inhalte dann leicht sukzessive erweiterbar wären.

Christian Antz/Karin Berkemann: 100 spirituelle Tankstellen. Reisen zu christlichen Zielen. Herder, Freiburg, Hardcover, 247 Seiten, ISBN 978-3-451-

34749-8, EUR 19,99

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