Der Vorhang zu – und alle Fragen offen

Mit den Schlussabstimmungen enden heute in Rom die Beratungen der Familiensynode – Starker Mediendruck von außen. Von Guido Horst
Cardinal Reinhard Marx attends a news conference at the end of the morning session of the synod on the family at the Vatican
Foto: Reuters | Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, sieht auch nach der Synode Gesprächsbedarf.
Cardinal Reinhard Marx attends a news conference at the end of the morning session of the synod on the family at the Vatican
Foto: Reuters | Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, sieht auch nach der Synode Gesprächsbedarf.

Rom (DT) Vor der Abschlussmesse mit Papst Franziskus morgen im Petersdom enden nun die Beratungen der Bischofssynode zu Ehe und Familie – frei nach dem Motto eines Brecht-Zitats, das Marcel Reich-Ranicki in seinem „Literarischen Quartett“ leicht abwandelte: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Wenn heute Nachmittag die Synodalen Paragraf für Paragraf über den Abschlussbericht der Versammlung abstimmen, die sogenannte „Relatio finalis“, stehen gleich mehrere Fragezeichen im Raum. Die dreimalige Zusammenkunft der dreizehn Sprachzirkel – jeweils zu den drei Hauptteilen des von General-Relator Peter Kardinal Erdö zu Beginn der Synode vorgetragenen Arbeitspapiers („Instrumentum laboris“) – hat sieben- bis achthundert Änderungsvorschläge erbracht, wie Kardinal Oswald Gracias aus Mumbai, auf der Synode Mitglied der zehnköpfigen Kommission zur Redaktion der „Relatio finalis“, am Donnerstag vor den Journalisten im Pressesaal des Vatikans erklärte.

Der Kardinal versicherte, dass dieser Abschlussbericht nicht die Lehre der Kirche ändern, aber auch nicht nur das Schreiben „Familiaris consortio“ von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1981 einfach wiederholen werde, dafür hätten sich die Welt und die Lage der Familie seither zu sehr geändert. „Diese Synode berührt nicht die Lehre“, sagte der Kardinal, der Abschlussbericht „gibt die generelle Richtung vor, wir übergeben das Dokument dem Papst und erwarten dann von ihm Leitlinien“ zu den verschiedenen Themen, die die Synode angeschnitten hat. Das wird ab Samstagnachmittag die Hauptfrage sein: Welche „Leitlinien“ – manche erwarten sich „Entscheidungen“ – wird Franziskus nach dem zweijährigen synodalen Prozess zu Ehe und Familie verkünden? Wann und wie wird er das tun?

Kardinal Gracias war am Donnerstag vor den Medienvertretern sichtlich bemüht, die Erwartungen an die „Relatio finalis“ herunterzuschrauben. Der Text „beinhaltet nicht alle Antworten auf die Fragen“, die in der Synodenaula diskutiert worden seien, aber er versuche, „pastorale Anweisungen zu geben, die von allen akzeptiert“ werden können. Er hoffe, dass der Abschlussbericht bei der Schlussabstimmung durchgehe, sagte Gracias bei dieser Gelegenheit. Es scheint offen zu sein, ob die Synode mit einem klaren Votum der Väter endet, oder ob es, wie im vergangenen Jahr, zu einzelnen wichtigen Fragen keine klare Mehrheiten geben wird. Der Kardinal aus Mumbai gab am Donnerstag zu, dass in den Diskussionen „unterschiedliche Meinungen“ zum Ausdruck gekommen seien, und bei einigen Fragen sei man „noch auf der Suche“. So habe etwa der deutsche Sprachzirkel bei der Frage der Kommunionzulassung der Wiederverheirateten die Bedeutung des „Forum internums“ hervorgehoben. Dabei handle es sich um mögliche Lösungen, die man noch in verschiedener Hinsicht „studieren und vertiefen“ müsse. Ob nun Papst Franziskus eine Theologen-Kommission beauftragt, sich mit dem „Forum internum“ – also den Gewissenfragen, die jeder Einzelne im Stillen mit seinem Seelsorger und nicht vor einem externen Forum klärt – zu befassen, oder dies an die Glaubenskongregation verweist oder sich schon ein eigenes Urteil gebildet hat, ist nicht sicher.

Von der Presse von Anfang an auf Nebengleise geführt

Auch die Frage, ob die Synodalen nach gewissen Verwerfungen während und am Rande der Bischofsversammlung nun in brüderlicher Einheit auseinandergehen, wird sich erst in Zukunft erweisen. Direkt zu Beginn seines dritten Zwischenberichts (siehe Seite 6) hatte sich der deutschsprachige Arbeitskreis „mit großer Betroffenheit und Trauer“ über Äußerungen einzelner Synodenväter „zu Personen, Inhalt und Verlauf der Synode“ beklagt. Damit gemeint war etwa der australische Kardinal Georg Pell vom vatikanischen Wirtschaftssekretariat, wie Kardinal Reinhard Marx am Mittwoch vor Journalisten erläuterte. Pell hatte die laufende Synode gegenüber der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ als „die letzte Schlacht zwischen Ratzingerianern und Kasperianern“ bezeichnet (siehe DT vom 20. Oktober). Im Wirtschaftsdikasterium des Vatikans müssen Marx und Pell eng zusammenarbeiten.

Noch unklarer ist, welcher Art der mediale Druck war, der auf der Synode lastete – und wer diesen Druck ausüben wollte. Von Anfang an konnte die Bischofsversammlung nicht unbeschwert arbeiten, sondern wurde – anscheinend nach einem genauen Zeitplan – von der internationalen Presse auf Nebengleise geführt. Auch Kardinäle, Ortsbischöfe oder interessierte Gläubige lesen säkulare Medien und erhielten ein verzerrtes Bild. Gleich zur Eröffnung der Synode outete sich ein polnischer Geistlicher aus der Glaubenskongregation und stellte der römischen Hauptstadtpresse seinen Geliebten vor. Der schwule Prälat verdrängte vielerorts den Synodenstart auf Platz zwei der Kirchennachrichten. Der Vorfall hatte aber auch zur Folge, dass man auf der Bischofssynode selbst kaum über homosexuelle Partnerschaften gesprochen hat. Das müsse man nachholen, bedauerte Kardinal Marx am Mittwoch vor Journalisten in Rom.

Es folgte kurz darauf die Berichterstattung in den Medien über homosexuelle Umtriebe im römischen Generalat der Unbeschuhten Karmeliten – was Franziskus dazu geführt haben muss, sich bei der zweiten Generalaudienz während der Synode vor den Gläubigen für Skandale in Rom und im Vatikan zu entschuldigen.

Ein böses Gerücht – genau zum Ende der Synode

Für einen ganzen Rattenschwanz an Kommentaren, Vermutungen und Medienspekulationen sorgte der sogenannte „Brief der dreizehn Kardinäle“ an Franziskus, in dem diese ihre Sorge über mögliche Versuche, die Synode zu „lenken“, und die Bewahrung der katholischen Ehelehre äußerten. Für den Papst war das Anlass, gleich am zweiten Tag der Beratungen nochmals das Wort zu ergreifen. Vier Kardinäle wollten später nicht mehr zu ihrer Unterschrift stehen, einige äußerten Zweifel an der Korrektheit des in einer italienischen Zeitschrift wiedergegebenen Inhalts. Aber den Brief gab es, wie die Kardinäle Pell und Wilfried Fox Napier aus Durban bestätigten. Ein völlig normaler Vorgang: eine rein private und vertrauliche Eingabe von Kardinälen während einer Kirchenversammlung an den Papst. Wer jedoch im Vatikan diesen Brief an die Medien durchgestochen hat – und warum –, ist ungeklärt.

Völlig absurd wurde die Medienhysterie nach dem von einer nicht sehr bekannten italienischen Tageszeitung gestreuten Gerücht, Franziskus sei an einem gutartigen Gehirntumor erkrankt und ein japanischer Star-Mediziner, der auch in Pisa wirkt, habe ihn im Januar dieses Jahres per Helikopter aufgesucht. Der Vatikan hat sofort dementiert, Fotos von dem Japaner mit Franziskus in Rom erwiesen sich später als Retuschierungen. Doch wer wollte die Falschmeldung in Umlauf bringen, der Papst sei im Kopf erkrankt? Ein böses Gerücht. Genau zum Ende der Synode. Der kleinen norditalienischen Tageszeitung wurde das gefälschte Material zugespielt. Wer dafür verantwortlich ist, bleibt offen.

Themen & Autoren

Kirche