Der steile Weg zur Anerkennung der Wahrheit

Auf den Spuren der Seherkinder von Fatima (Teil 2) – Ein Besuch bei Pfarrer Rui Marto und in der Pfarrkirche von Fátima

Fátima (DT) „Jeder, der nach Fátima kommt, geht als ein anderer nach Hause“, ist sich Pfarrer Rui Marto sicher. Das gelte auch für jene, die nicht streng gläubig seien, aber ein offenes Herz mitbrächten, sagt er und setzt erklärend hinzu: „Die Botschaft des Lichts, die Botschaft der Hoffnung, all dies berührt. Man spürt sein Herz verwandelt.“ Seit drei Jahren leitet der 52-jährige Claretiner-Missionar die Pfarre von Fátima und ist nach längeren Stationen in Lissabon, Paris, Rom und Granada zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Rui Marto stammt aus Fátima. 18 000 Menschen umfasst der Einzugsbereich seiner heutigen Gemeinde. Begeistert führt er den Tagespost“-Korrespondeten um und in seine Kirche, die ein Stück außerhalb des Heiligtumsbezirks an der Straße ins Städtchen Ourém liegt. Vor der Hauptfassade zeigen Skulpturen Maria und die im Jahre 2000 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochenen Jacinta und Francisco. Lúcia, die 2005 verstorbene Zentralfigur der Hirtenkinder, fehlt. Sie ist noch nicht selig gesprochen. Wann wird es soweit sein, vielleicht 2017, wenn sich die Erscheinungen zum hundersten Mal jähren? „Da haben wir keine Eile und warten voller Gelassenheit ab. Wir sind in Gottes Hand“, sagt der Pfarrer.

„Betrachten wie Francisco“, steht unter der Skulptur des Hirtenjungen. „Empfangen wie Jacinta“, liest man unter dem Bildnis des Mädchens. Begraben lagen sie einst auf dem Friedhof, der sich gegenüber der Kirche auf der anderen Straßenseite anschließt. Eine Gedenkplatte gibt an, wann die Leichname der Kinder in die Basilika des Heiligtumsbezirks von Fátima überführt wurden: Jacinta im April 1951, Francisco im März 1952. Geblieben sind die Gräber ihrer Eltern Manuel Pedro Marto (1878–1957) und Olímpia de Jesus (1869–1956). Getauft wurden alle drei Seherkinder in der Pfarrkirche, die damals, als es den Heiligtumsbezirk mit der Erscheinungskapelle und der Basilika noch nicht gab, das Herzstück des alten Fátima formte. Die Taufdaten weisen für Lúcia den 30. März 1907, für Francisco den 20. Juni 1908 und für Jacinta den 19. März 1910 aus. Links hinter dem Haupteingang erlaubt die meist abgesperrte Taufkapelle den Einblick durch zwei Glastüren an den Seiten. Über dem Taufbecken fällt das Licht durch ein schönes Buntglasfenster mit dem Erscheinungsmotiv: Maria auf einer weißen Wolke, davor die zu ihr aufschauenden Kinder und etwas abseits friedlich grasende Schafe. Trotz des musealen Eindrucks, den die Kapelle macht, wird sie unverändert für Taufen genutzt. Wie viele genau pro Jahr, vermag Pfarrer Marto nicht zu sagen, doch der internationale Stellenwert ist groß: „Anfragen kommen selbst aus den USA und Kanada.“ Als weitere besondere Stelle in seiner Kirche sieht er die Kanzel im Mittelschiff. „Dort versteckte sich die kleine Jacinta gern und betete zum ,versteckten Jesus‘. Um mit Jesus zu sein, ging sie dort hinauf“, erklärt der Claretiner.

Das Marienbild, auf dem Lúcia ein Lächeln sah

Im Altarraum knüpft ein Großgemälde des Portugiesen Jacinto Luis an das Leitmotiv der Erscheinungen an. Lúcia kniet vor der heiligen Jungfrau und Gottesmutter. Maria, barfuß, wirkt außerordentlich zart, menschlich, den Rosenkranz in der rechten Hand. Doch dieses Werk ist es eigentlich nicht, was Pfarrer Marto zeigen will. An der rechten Seite des Querschiffes führt er mich vor ein kleines, unscheinbares Marienbildnis, das Nossa Senhora do Rosário heißt, Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz. „Am Tag vor ihrer Erstkommunion betete Lúcia dort und vermeinte, das Bildnis würde ihr zulächeln“, erläutert er. In ihren Erinnerungen hat Lúcia das Begebnis an jenem Tag ausführlicher geschildert, beginnend mit der Aufforderungen des damaligen Pfarrers: „,Knie dort zu Füßen Unserer Lieben Frau und bitte sie vertrauensvoll, sie möge dein Herz in ihre Obhut nehmen und es vorbereiten, morgen würdig ihren geliebten Sohn zu empfangen, und sie möge es für ihn allein bewahren.‘ In der Kirche gab es mehr als eine Statue Unserer Lieben Frau, und da meine Schwestern sich um den Altarschmuck Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz kümmerten, war ich gewohnt, vor ihr zu beten.

Alles nur kindliche Fantasie und Lüge?

Deshalb ging ich auch dieses Mal dorthin, um sie mit aller Glut, deren ich fähig war, zu bitten, sie möge mein Herz für Gott allein bewahren. Als ich diese demütige Bitte mehrmals wiederholt hatte und dabei die Statue ansah, schien es mir, als lächele sie und sage es mir mit einem Blick und einer Geste der Güte zu. Ich wurde so von Freude durchflutet, dass ich kaum ein Wort sagen konnte.“

Auf dem Freiplatz um die Kirche wiegen sich Palm- und Olivenzweige im Wind. An den Platz grenzt das einstige Pfarrhaus, zu dem ich dreizehn Stufen hinauf zähle. „Diese Treppe ist als ,Treppe der Wahrheit‘ bekannt“, erklärt Pfarrer Marto auf dem Weg unter das Vordach. Zur Zeit der Erscheinungen mussten die Seherkinder mit schwersten Vorwürfen leben: alles Lüge, alles nur der Fantasie entsprungen. Unnachgiebig hielt Lúcias Mutter ihre Tochter nach der zweiten Erscheinung im Juni 1917 an, die Autoritätsperson des Pfarrers aufzusuchen, der damals Manuel Marques Ferreira hieß. In den Erinnerungen Lúcias zitiert sie ihre Mutter: „Morgen früh gehen wir in der Frühe zur Messe. Danach gehst du zum Haus des Pfarrers. Er soll dich zwingen, die Wahrheit zu bekennen, sei es, wie es sein mag. Er soll dich strafen. Er soll mit dir machen, was er will, nur dass er dich dazu bringt, zu bekennen, dass du gelogen hast, und dann erst werde ich zufrieden sein.“ Noch auf der Treppe zur Veranda zum Pfarrhaus sagte die Mutter zu Lúcia: „Ärgere mich nicht mehr! Sage jetzt dem Herrn Pfarrer, dass du gelogen hast, damit er am Sonntag in der Kirche bekannt geben kann, dass es eine Lüge war, und damit ist die Sache erledigt.“ Lúcia tat, wie ihr aufgetragen – und bekannte am Ende der Treppe im Pfarrhaus die Wahrheit. Und der damalige Pfarrer? Er führte sie in sein Arbeitszimmer und befragte das Mädchen mit „Ruhe und Freundlichkeit“, wie sie später angab, aber auch „mit aller Strenge“ und nicht ohne eine kleine Warnung auszusprechen: „Es scheint mir keine Offenbarung des Himmels zu sein. Wenn so etwas passiert, schickt der Herr gewöhnlich die Seelen, denen Er sich mitteilt, zu ihren Beichtvätern oder Pfarrern, um Rechenschaft abzulegen über alles, was geschieht. Diese hier zieht sich dagegen zurück, wo sie nur kann. Das kann auch eine Täuschung des Teufels sein. Wir wollen mal sehen; die Zukunft wird zeigen, was wir davon zu halten haben.“ In historischer Rückschau hält Rui Marto die abwartende, neutrale Haltung seines fernen Vorgängers für genau richtig: „Er nahm sie auf, stellte Fragen, sagte weder Ja noch Nein und vermittelte zum Bischof.“ Der Rest ist Geschichte.

Zum Abschluss des Besuchs bleibt eine Frage, denn Pfarrer Marto trägt seltsamerweise denselben Nachnamen wie die Seherkinder Jacinta und Francisco. Ein Verwandter der Familie? „Nein“, wiegelt er in Bescheidenheit ab und führt die Verbreitung des allgemeinen Namens ins Feld, ehe er doch einen fernen Bezug preisgibt: Der Taufpate seines Vaters war ein Onkel der kleinen Seher.

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