Der Glaube muss wieder „alltagstauglich“ werden

Neue Kompetenz im Dialog mit Muslimen und Atheisten fordert der Tübinger Religionspädagoge Biesinger bei der Maria-Namen-Feier in Wien

Wien (DT/KAP/sb) Zur Dialogfähigkeit sind christliche Kinder und Jugendliche angesichts der multireligiösen Situation heute in neuer Weise herausgefordert: Das betonte der Religionspädagoge der Universität Tübingen, Albert Biesinger, bei der 50. Maria-Namen-Feier am Sonntag in der Wiener Stadthalle. Im Zentrum seines Vortrags zum Thema „Der Glaube gibt Zukunft!“ standen Überlegungen, wie ein alltagstauglicher christlicher Glaube der Kirche Zukunft geben könne. Die „Maria-Namen-Feier“ wird seit 1960 jährlich in der Wiener Stadthalle gefeiert. Initiiert wurde sie 1953 vom Franziskanerpater Petrus Pavlicek (1902–1982), für den ein Seligsprechungsverfahren läuft und der 1947 die internationale Gebetsgemeinschaft „Rosenkranz-Sühnekreuzzug“ (RSK) gegründet hat. Sie hat 700 000 Mitglieder in mehr als 130 Ländern.

„Wir stehen in West- und Mitteleuropa als Christinnen und Christen an einer historischen Wegkreuzung“, meinte Biesinger. Der gesellschaftliche Umwälzungsprozess, in dem sich Europa befinde, müsse von Christen erkannt und ernst genommen werden. Professor Biesinger bedauerte, dass „viele christliche Kinder und Jugendliche den kritischen religiösen Anfragen ihrer muslimischen Klassenkameraden und Kameradinnen kaum Rede und Antwort stehen können“. Alarmierend an diesem Transformationsprozess sei nicht, dass christliche Kinder in der Schule und im Alltag auch muslimischen, jüdischen oder atheistischen Kindern begegnen würden. „Alarmstufe“ bestehe vielmehr, „weil viele christliche Kinder in dieser multireligiösen Situation in die Defensive geraten“ und nicht dialogfähig seien. Damit Kinder „im Pluralismus der Religionen“ bestehen können, bräuchten sie „eine entschiedenere Qualität von religiöser Erziehung“, indem sie „ihr Christsein von den eigentlichen Wurzeln her verstehen lernen“. Der Glaube müsse „alltagstauglich werden“. Dies sei beispielsweise durch „alltagstaugliche Glaubensrituale“ wie Tischgebete oder „Abendrituale“ möglich.

Wichtig sei die religiöse Erziehung in der Familie und der entschiedene Wille der Eltern, ihre Kinder religiös zu begleiten. Eltern und Großeltern seien gefordert, ihren Kindern und Enkelkindern „verstehbare und theologisch stimmige Antworten“ zu geben. Um dies zu gewährleisten, müsse bei der Bildung der Erziehungsberechtigten in Glaubensfragen begonnen werden. Als Beispiel nannte Biesinger die Vorbereitung auf die Erstkommunion. Man müsse im ersten Schritt die Eltern auf die Kommunion ihrer Kinder vorbereiten und darauf aufbauend mit den Kindern beginnen. Die Gründung von „Elternschulen“ sei eine Möglichkeit, bei der sich Eltern über religiöse Erziehung miteinander austauschen und sich zu bestärken lernen. Laut Biesinger kommt es dabei nicht selten zu einem positiven Nebeneffekt: „Eltern könnten dadurch sogar wieder neu ihren eigenen Glauben entdecken.“

Mit Blick auf den schulischen Religionsunterricht meinte Biesinger, dass „Kinder und Jugendliche die Kompetenz erwerben sollten, sich im Christentum zu verwurzeln“. Auch sei die „Kompetenz zum religiösen Dialog mit Muslimen, aber auch mit Atheisten“ erforderlich. Damit das Christentum nicht in die Defensive gerate, brauche es „ein Christentum, das mit Überzeugung und dem hohen Selbstbewusstsein, auf dem richtigen Weg zu sein, aber auch mit klarer Dialogbereitschaft aufrechten Ganges in die Zukunft geht“. Der 1948 in Tübingen geborene Albert Biesinger hob in seinem Vortrag ein Erlebnis in der jüngsten Vergangenheit hervor, das ihn „spirituell auf den Kopf gestellt hat“: Im März dieses Jahres erlitt er bei einer Operation einen septischen Schock. In der Folge verbrachte der Theologe elf Tage auf der Intensivstation im künstlichen Koma. Dabei kam es zu einer Nahtoderfahrung, die ihn und sein Wirken nachhaltig prägte. Diese „religiös komplett aufwühlende“ Erfahrung, stellt ihn seither täglich vor die Herausforderung, die richtigen Prioritäten zu setzen und sich immer wieder neu die Frage zu stellen: „Was will ich in den mir neu geschenkten Zeiträumen für die mir anvertrauten Menschen sinnvoll tun?“

Der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, unterstrich in seiner Predigt, dass es Gott „nicht um Prozente und nicht um Statistik“ gehe, sondern dass für Gott jeder einzelne Mensch gleich wichtig sei. „Kein Mensch ist vor Gott wertlos.“ So sei es heute die Aufgabe der Gemeinden, nach den Ausgetretenen Ausschau zu halten und ihnen in Geduld nachzugehen. An erster Stelle müsste dabei das Gebet stehen. „Unser Gebet soll alle erfassen, die Ausgetretenen ebenso wie jene, ,die am meisten deiner Barmherzigkeit bedürfen‘“, betonte Schönborn mit Bezug auf das Fatima-Gebet des Rosenkranzes. Als echtes Hoffnungszeichen wertete der Wiener Erzbischof den Umstand, dass die Zahl der Gebetsgruppen unter Jugendlichen enorm zugenommen hätten.

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