Der beste Kandidat

Internet-Sender, Plakataktion, Sondermünzen: In Polen gedenkt man des zehnten Todestages von Johannes Paul II. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Blumen für den Landsmann: Der Papst aus Polen ist in seiner Heimat unvergessen, wie eine Million Tulpen in Mokry Dwor bei Gdansk zeigen.
Foto: dpa | Blumen für den Landsmann: Der Papst aus Polen ist in seiner Heimat unvergessen, wie eine Million Tulpen in Mokry Dwor bei Gdansk zeigen.

Warschau (DT) Er war ein großer Papst und ist inzwischen sogar ein Heiliger, doch an erster Stelle war er natürlich eins: Ein großer Pole, vermutlich sogar – mit allem Respekt gegenüber Fryderyk Chopin und Lech Wa³êsa, Kardinal Stefan Wyszyñski und General Pi³sudski – der größte Pole in der Geschichte der Menschheit überhaupt: Johannes Paul II. alias Karol Wojty³a (1920–2005). So überrascht es nicht, dass aus Anlass des 10. Todestages am heutigen 2. April die ganze polnische Nation noch einmal zur geballten Erinnerung und gesteigerten Feierlichkeiten zu Ehren des großen Landsmanns aufläuft.

Sogar mit dem Segen der Politik. Denn das polnische Parlament (Sejm) und der Senat, die sich in Fragen des Lebensschutzes gewöhnlich recht wenig um Karol Wojty³as mahnende Worte scheren, haben aus Anlass des 10. Todestages ausdrücklich in einem Text zum Gedenken an das spirituelle Erbe Johannes Pauls II. aufgerufen – insbesondere an die „Tage des Sterbens“, die damals vor zehn Jahren für einen großen „nationalen Zusammenhalt“ sorgten, wie die dabei federführende parlamentarische „Kommission für Kultur und Medien“ hervorhebt. Das ganze Jahr 2015 ist in Polen offiziell Johannes-Paul-II.-Jahr.

Etwas vom Geist der Papst-Reisen in die Heimat und den damit verbundenen Emotionen soll auch heute wieder zu spüren sein, weshalb keine Kosten und Mühen gescheut werden. Der staatliche Fernsehsender TVP zeigt Dokumentationen und Filmaufnahmen rund um die schier unerschöpfliche Gestalt von Papst Johannes Paul II. Sogar ein eigener Internet-Sender „Auf den Spuren von Johannes Paul II.“ (Œladami Jana Paw³a II) erfreut am 2. April kurzzeitig die digital vernetzten Papst-Fans. Berührende sentimentale Momente sind auch dabei garantiert.

Dabei hatte es vor einigen Tagen noch gar nicht so friedlich ausgesehen. Eine Kampagne des Zentrums zum Gedenken an Johannes Paul II. (Centrum Myœli Jana Paw³a II) in Warschau hatte eine großflächige Anzeige in der Hauptstadt geschaltet, die den aktuellen polnischen Präsidentschaftswahlkampf auf saloppe Weise aufgreift, indem sie Karol Wojty³a mithilfe einer Fotomontage mit Sakko, Hemd und Krawatte stylt. Slogan: Dein Kandidat für die tägliche Wahl – Immer für Dich, nie gegen Dich.

Beim Johannes Paul II. Zentrum „Fürchtet Euch nicht!“ in Krakau, das von Wojty³as langjährigem Sekretär und jetzigen Metropoliten von Krakau, Kardinal Stanis³aw Dziwisz, gefördert wird, war man über so viel Spiel und Spaß mit Johannes Paul II. empört und beschwerte sich öffentlich. Die Kampagne sei ein „Sakrileg“ und müsse sofort gestoppt werden. Doch in Warschau blieb man ruhig. „Es gibt keinen Krieg zwischen den beiden päpstlichen Institutionen. Unser Zentrum ist eine kommunale Einrichtung, deshalb ist der Charakter unserer Tätigkeiten etwas anders als der des Zentrums „Fürchtet Euch nicht!“ in Krakau, so Norbert Szczepañski, Direktor des Zentrums zum Gedenken an Johannes Paul II. In Krakau gab es dazu keinen Kommentar mehr. Vielleicht auch deshalb, weil man zu sehr mit anderen Feierlichkeiten beschäftigt ist. Kardinal Dziwisz wird am 2. April im Zentrum der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-£agiewniki vormittags eine Chrisam-Messe zelebrieren. Der Klerus der Diözese Krakau feiert die Messe vom Letzten Abendmahl am Abend, denn der 2. April fällt dieses Jahr mit dem Gründonnerstag zusammen, der besonders dem Priestertum und der Eucharistie gewidmet ist: dem „Herz der Kirche“, wie Johannes Paul II. betonte. Sprich: In Warschau bleibt man an der Oberfläche, in Krakau geht man in die Tiefe.

Doch eine solche Polarisierung wäre sicherlich zu einfach, wenn nicht schlichtweg falsch. Zumal auf dem Warschauer Pi³sudski-Platz, auf den Johannes Paul II. einst den Heiligen Geist herabrief, natürlich am 2. April auch mit Tiefgang gefeiert wird. Der Chor des Zentrums zum Gedenken an Johannes Paul II. singt, Prominente und Kirchenvertreter werden persönliche Zeugnisse geben von der Größe und Heiligkeit des polnischen Papstes, der auch ohne provozierende Plakate und trotz aller europäischen Modernisierungen eigentlich nie ganz aus dem polnischen Alltag verschwunden ist. Viele katholische Familien bitten ihn um Unterstützung und Beistand. Viele, viele Priester und Bischöfe orientieren sich weiterhin an seinen Enzykliken und Apostolischen Briefen.

Auch im bekanntesten polnischen Wallfahrtsort Tschenstochau, wo Johannes Paul II. den Weltjugendtag 1991 feierte, findet ein Konzert in Erinnerung an den polnischen Papst statt. In den Bergen sind „Märsche des Lichts“ und Leuchtfeuer geplant, um an den Moment des irdischen Dahinscheidens um 21.37 Uhr zu erinnern. Durchaus möglich, dass manche Pfarrer um diese Zeit auch noch einmal die Glocken schlagen lassen, um an den nationalen Gänsehaut-Moment der Nation, die plötzlich vaterlos geworden war, zu erinnern. Um diesen Moment noch einmal nachzuerleben und Gott erneut für Johannes Paul II. zu danken.

Wenige auserwählte Polen werden zu diesem Zeitpunkt vielleicht genüsslich auf ihre frisch erworbene riesige Johannes Paul II.-Sondermünze blicken, die in sehr beschränkter Auflage (zehn Stück) zum 10. Todestag erschienen ist. Mit einem Gewicht von zehn Kilogramm und Preis von 70 000 Z³oty (ca. 17 000 Euro) je Exemplar tragen diese Gedenkmünzen den stolzen Rekordtitel, die größten Johannes Paul II.-Münzen der Welt zu sein. Doch wie sollte es auch anders sein bei diesem Papst der Superlative, der selbst jedoch die verborgene Askese bevorzugte, das Wort Gottes höher bewertete als alle sozialen und materiellen Bedürfnisse und – wie es sich für einen Stellvertreter gehört – sogar charismatische Show-Momente während seines fast 27-jährigen Pontifikats ganz eindeutig in den Dienst Jesu stellte: Ein großer Papst löst anhaltend große Verehrung aus. Auch in Polen tut dies jeder auf seine Weise.

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