„Der Attentäter von Oslo ist einem inneren Zwang gefolgt“

Das war nicht die Tat eines christlichen Fundamentalisten – sagt der römisch-katholische Bischof von Oslo, Bernt Eidsvig, über Anders Behring Breivig, der in Norwegens Hauptstadt eine Autobombe zündete und auf der Insel Ut?ya mindestens 68 junge Menschen erschoss. „Die Tagespost“ sprach mit dem Bischof, der auch Apostolischen Administrator von Trondheim ist, über die Hintergründe des schrecklichen Ereignisses in dessen Heimat. Von Johannes Seibel

Foto: Bistum | Bernt Eidsvig, Bischof von Oslo.
Foto: Bistum | Bernt Eidsvig, Bischof von Oslo.
Exzellenz, konnten Sie schon begreifen, was sich mit dem Attentat von Oslo und den Morden auf der Insel Ut?ya durch Anders Behring Breivig in Norwegen ereignet hat?

In Oslo fällt das leichter, weil die Schäden an den Gebäuden zu sehen sind. Da lässt es sich ein wenig einfacher begreifen, dass die Menschen, die vor und in diesen Gebäuden waren, als die Bombe explodierte, auch verletzt oder getötet werden konnten. Das, was auf der Insel geschehen ist, ist dagegen ein Drama, das sehr schwer zu verstehen ist. Man versteht, dass man es mit einer gestörten Person zu tun hat – aber ansonsten ist das Ausmaß der Tat zu groß, um sie wirklich begreifen zu können. Auch die Vorgehensweise des Attentäters, über eine Stunde lang auf der Insel junge Menschen kaltblütig zu töten, das kann man nicht begreifen.

Wie gehen Sie, Ihre Freunde, Ihre Bekannten, wie geht das katholische Norwegen mit der Situation um?

Ich weiß nicht, ob Katholiken unter den Toten oder Verletzten sind, ob wir also direkt betroffen sind. Ich habe diezbezüglich von niemandem bisher etwas erfahren. Aber es trifft uns ja auch in anderer Weise, als Norweger oder als Menschen, die in Norwegen wohnen. Wir sehen es beispielsweise als unsere Aufgabe an, für die Toten zu beten, was die lutherische Kirche nicht tut. Natürlich kommen auch sehr viele zu unseren Seelsorgern.

Die norwegische Polizei hat sehr früh von christlichem Fundamentalismus gesprochen, um Motive des Täters zu beschreiben. Das wurde in der Berichterstattung weltweit auch sofort aufgegriffen. Der Attentäter selbst nimmt in seinem sogenannten Manifest in Anspruch, eine Art Kreuzritter zu sein, der das christliche Europa vor einer vorgeblichen Islamisierung schützen will. Er bezeichnet die protestantische Kirche in Norwegen als kraftlos, weshalb sich das Land wieder der römisch-katholischen Kirche zuwenden solle. Was halten Sie von alledem?

Ich würde eher sagen, das hat nichts mit christlichen Fundamenten zu tun – überhaupt nicht, weder evangelischer noch katholischer Art. Dieser Attentäter benützt den Glauben für seine eigenen Zwecke. Wir kennen ja nicht eine einzige Äußerung von ihm, wo er seinen persönlichen Glauben formuliert, niemand weiß, wie er seinen angeblichen Glauben tatsächlich praktizierte oder ob er überhaupt praktizierte. Was Breivig mit Bezug auf das Christentum äußert, ist alles auf einer ideologischen Ebene angesiedelt. Wir haben in Norwegen christliche Fundamentalisten – das sagt man gerne generalisierend. Aber alle unsere christlichen Fundamentalisten nehmen die Zehn Gebote ernst, unter denen es ja auch heißt: „Du sollst nicht töten“. Diese christlichen Fundamentalisten sind anständige Menschen und würden so etwas nie tun. Und ich glaube, man sollte diese Menschen auch schützen. Auch mit der katholischen Kirche hat der Attentäter Breivik nie etwas zu tun gehabt.

Der Begriff des christlichen Fundamentalismus wird unterschiedlich benutzt, in der säkularen Berichterstattung über das Attentat mit einem sehr negativen Unterton. Was versteht man denn eigentlich in Norwegen unter christlichen Fundamentalisten?

Es gibt mehrere solcher Gruppen, zum Beispiel einige Erweckungsbewegungen in Nordnorwegen. Ob sie sich selber als Fundamentalisten verstehen oder selbst so nennen, weiß ich jetzt nicht so genau. Dann gibt es andere kleinere Gruppen im gesamten Land, die aus einer evangelischen Tradition heraus christlich sehr konservativ sind. Ich finde, es ist diesen Gruppen gegenüber sehr ungerecht, irgendeine Verbindung zwischen ihnen und dem Täter herzustellen. Das ist vollkommen unberechtigt.

In deutschen Medien ist der Begriff des christlichen Fundamentalismus sofort in einem Atemzug mit dem Begriff des Rechtspopulismus gefallen. In Norwegen und anderen skandinavischen Ländern sind in der Tat rechtspopulistische Parteien in den Parlamenten vertreten. Und auch der Antiislamismus ist ein Phänomen, das in Skandinavien beobachtet wird. Wie erklären Sie sich das, zumal doch hier eine offene, eher sozialdemokratisch geprägte politische Kultur Mehrheitskultur ist? Radikalisieren sich Islamkritiker und Rechtspopulisten, weil sie sich von einer solchen Kultur ausgegrenzt und damit bedroht fühlen? Wie ist das in Norwegen?

Das ist eine schwierige Fragen, die Sie da stellen. Aber ich versuche eine Antwort. Die sogenannte Fortschrittliche Partei, wo der Attentäter von 2004 bis 2006 Mitglied war, ist eine Partei, die eher in der klassischen liberalen Tradition steht, dem Rechtsliberalismus. Sie kennt auch einige populistische Unterströmungen. Aber im europäischen Vergleich würde man sie kaum als extrem bezeichnen können. Populistische Züge ja, aber extreme nicht. Diese Partei ist nicht antidemokratisch, sie ist nicht gegen internationale Zusammenarbeit. Sie ist zwar für die Begrenzung von Zuwanderung nach Norwegen eingetreten, wollte aber nie, wie das andere rechtsextreme Parteien in Europa fordern, dass die Einwanderer, die schon hier leben, wieder nach Hause geschickt werden oder es für sie eine härtere Strafgesetzgebung geben sollte. Diese Partei steht in einer demokratischen Tradition und ich glaube, das muss man festhalten. Soweit ich weiß, hat der Attentäter diese Partei auch aus eigenem Antrieb verlassen. Diese Partei kann man also für das Attentat nicht verantwortlich oder mitverantwortlich machen. Sie hat bis zu 25 Prozent der Wähler hinter sich gehabt. Was sich dagegen im politischen Untergrund rührt, darüber kann ich nichts sagen, damit habe ich mich bisher nicht beschäftigt.

Und Islamophobie, ein weiteres Motiv, das der Attentäter nennt – gibt es die in Norwegen und in welcher Form und Stärke?

In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat ja kaum Einwanderung nach Norwegen stattgefunden. Heute aber sind über elf Prozent der Bevölkerung Norwegens Migranten. Wenn dann viele Norweger, gerade ältere, für die sich die Gesellschaft sehr rasant verändert, diese Zahlen lesen, heißt es schnell, das seien doch alles Muslime. Dabei muss man Zuwanderungsstatistiken sehr differenziert betrachten. Denn rund ein Drittel der Einwanderer nach Norwegen sind beispielsweise Katholiken, die etwa aus Polen oder Litauen kommen; es gibt Zuwanderung aus Deutschland, aus Schweden, eine große Gruppe kommt aus Island – das alles hat mit dem Islam nichts zu tun. Diese Menschen fallen aber in der Öffentlichkeit meist nicht auf. Wenn sich dagegen muslimische Frauen und Männer in ihrer Tradition kleiden, fallen sie dagegen sofort auf. Das macht dann Angst. Die sogenannte Fremdenfeindlichkeit spielt sich eher auf dieser psychologischen Ebene ab, weniger auf einer ideologischen. Es geht da auch um Sozialneid, indem gemutmaßt wird, die Einwanderer bekämen zu viel soziale Unterstützung.

Schaltet sich die katholische Kirche in Norwegen ein zum Thema Migration?

Ja, freilich. In Norwegen leben beispielsweise rund 120 000 Polen, 30 000 oder mehr Litauer, fast 20 000 Philippinos, also alles zumeist katholische Gruppen. Es gibt große asiatische Einwanderergruppen, wie Vietnamesen oder Tamilen, die auch größtenteils katholisch sind. Da kümmern wir uns drum.

Was aber hat nun den Täter tatsächlich motiviert?

Ich glaube, der Attentäter ist einem inneren Zwang gefolgt, den er als Hass auf die Muslime und die aus seiner Sicht multikulturelle Gesellschaft rationalisiert hat. Ganz eindeutig. Hätte es das Thema Islamismus nicht gegeben, hätte er etwas anderes gefunden, worauf er seinen Hass hätte richten können – was er zum Teil ja auch getan hat, indem er explizit die sozialdemokratische Partei angegriffen hat.

Glauben Sie, dass die norwegische Gesellschaft mit diesem Schock umgehen kann? Zeichnet sich schon ab, inwiefern dieses Attentat und die Morde Norwegen verändern?

Ich hoffe, dass dieses Ereignis zu etwas Positivem, zu einem bewussteren Denken führen kann. Man sollte nicht mehr so schnell und leichtfertig Einwanderergruppen für negative Entwicklungen in der Gesellschaft verantwortlich halten, sondern versuchen, diese Menschen kennenzulernen und als Freunde und Nachbarn zu integrieren – um einmal dieses Wort zu verwenden. Ich glaube, die norwegische Gesellschaft bleibt eine sehr offene Gesellschaft. Ich kann keine neuen Entwicklungen spüren. Wir werden ganz sicher die besten Seiten unserer Tradition behaupten und weiterentwickeln. Dass sich physisch etwas verändern wird, mehr Sicherheitsmaßnahmen den Alltag prägen werden, das nehmen wir dann hin, das müssen wir akzeptieren.

Info

Bernt Ivar Eidsvig, geboren am 12. September 1953, ist seit 2005 römisch-katholischer Bischof der norwegischen Hauptstadt Oslo. Zuvor lebte und arbeitete der 1982 zum Priester geweihte Seelsorger im österreichischen Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg, wo er 1995 die Ordensprofess abgelegt hatte. Studiert hat Eidsvig in Oslo und England. Seit 2009 ist Bischof Eidsvig auch der Apostolische Administrator für Trondheim. In der Diözese Oslo sind nach den für 2009 vorliegenden Zahlen rund 55 000 Katholiken registriert, zu denen weitere etwa 150 000 Migranten aus katholischen Ländern kommen. Die Arbeit der Diözese Oslo, die in den vergangenen Jahren gewachsen ist, wird dabei auch finanziell vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt.

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