Den Mief der Kommunisten loswerden

Der einzige deutsche katholische Priester in St. Petersburg hat eine Vision: Pater Richard Stark SVD möchte den ersten katholischen Wallfahrtsort in Russland gründen

St. Petersburg (DT) Richard Stark mag sich nicht in den Vordergrund drängen. Seinem Motto „Für die Anderen“ ist er in vierzig Jahren Missionstätigkeit treu geblieben. Wenn er aber Gästen seine Kirche zeigen kann, dann ist er in seinem Element. Diesmal ist es eine Gruppe deutscher Touristen, die nach Mariä Heimsuchung in der Mineralnaja Straße gekommen ist. Wie ein PR-Fachmann spult der Steyler Missionar seine Geschichte ab. Doch die verliert dadurch nicht an Spannung. Durch seine Persönlichkeit verleiht Stark ihr Authentizität und Charakter. Was dem trostlosen Ort alleine niemals gelingen würde, schafft der Pater mit seiner Erzählung: Er gibt seinem Traum eine Gestalt. Hier soll der erste katholische Wallfahrtsort in Russland entstehen.

Die Kommunisten plünderten die Gräber

Das Gebäude ist total verfallen. Der Turm wurde vor Jahrzehnten teilweise abgetragen. Der Kommunismus hat atheistischen Raubbau betrieben, das Haus Gottes zum Kartoffellager umfunktioniert. Ein kleiner, privater Schrottplatz auf dem Kirchengelände bildet die letzte Ruhestätte für Altmetall. Früher wurden hier Menschen bestattet. Aus einer der Baracken steigt Rauch auf. „Die Jungs vom Schrottplatz haben sich da eine Sauna gebaut“, sagt Stark. „Die können erst mal auf dem Gelände bleiben, die passen wenigstens auf.“ Ringsherum stehen alte Industriebauten, grau in grau. Es stinkt nicht, aber der Mief der Vergangenheit lastet auf dem Gelände.

Mariä Heimsuchung war zwischen 1859 und 1922 die Friedhofskirche der Katholiken in St. Petersburg. „Über 40 000 Seelen, darunter eine Vielzahl namhafter Ausländer, die in St. Petersburg gewirkt haben, liegen hier begraben, rund 4 000 davon haben wir bereits identifiziert“, erklärt der Pater. In der Krypta der Kirche befinden sich die Gräber von acht Erzbischöfen sowie die Familiengruft der berühmten Architektenfamilie Benoîs. Einer von ihnen, Nikolai Benoîs, hat die Kirche selbst erbaut. Unter dem Kommunismus wurden sämtliche Gräber zerstört und geplündert. Richard Stark hat die Krypta von meterhoch stehendem Schlamm befreit. Sie ist das Herzstück der geschichtsträchtigen Kirche.

An der Wand im provisorischen Altarraum hängen plakatgroße Fotos aus früheren Tagen und vom Zustand des Gebäudes, als es 2002 an die katholische Kirche zurückgegeben wurde. Dazwischen befindet sich ein Porträt von einer Schwester. Es ist das Bildnis der seligen Schwester Boleslawa-Maria Lament, einer polnischen Ordensgründerin, die sich in Mariä Heimsuchung zwischen 1914 und 1921 für die Ökumene eingesetzt hat. Lament hat ein friedliches und fruchtbares Miteinander zwischen Orthodoxen und Katholiken gesucht und gemeinsame soziale Projekte in St. Petersburg durchgeführt. „Ein sehr moderner Ansatz“, findet Richard Stark. Schon heute kommen regelmäßig Pilger aus ihrer polnischen Heimatgemeinde in Bialystok in die Mineralnaja Straße zum Gebet.

Daran will Stark anknüpfen und einen russischen Wallfahrtsort gründen. Ein Wunder brauche er dafür nicht, wie er meint: „Der Ort spricht für sich.“ Eine internationale Begegnungs- und Gedenkstätte schwebt ihm vor. Dafür sollen Kirche und Friedhof restauriert werden. Das Gemeindezentrum könnte im Kirchturm Unterschlupf finden, wo sich dank kommunistischer Umbauten Räumlichkeiten ergeben haben.

Etwa fünf bis zehn Millionen Euro wird das Projekt vermutlich kosten. Doch bei der Umsetzung hapert es nicht am Geld. Sein Orden und ein privater Förderkreis stehen hinter dem Steyler Missionar. Ein langer Atem und Fingerspitzengefühl sind dafür umso mehr gefragt. Einerseits gilt es, die russischen Behörden von dem Vorhaben zu überzeugen. „Auf den Ämtern herrscht die gleiche eisige Kälte wie im Winter auf der Straße“, beschreibt der Pater seine Eindrücke mit einem ironischen Lächeln. „Dann fehlt den Beamten plötzlich wieder dieses und jenes Dokument und die Rennerei geht von vorne los, das ist einfach ermüdend“, sagt er.

Eine Million Dollar für eine halb verfallene Garage

„Andererseits muss von den Nachbarn, den Besitzern der umliegenden Firmen, das Friedhofsgelände zurückgekauft werden“, fährt er fort. Da hänge die Kooperation auch schon mal von den vorhandenen Finanzmitteln ab. „Eine Million Dollar wollte einer für eine halb verfallene Garage neben der Kirche haben, die ich dann sowieso abreißen würde“, ärgert sich Stark. Seine direkte Art, Dinge beim Namen zu nennen und sein Zungenschlag verweisen noch nach 40 Jahren Missionstätigkeit im Kongo und in Russland auf den gebürtigen Münsterländer. Die 28 Jahre im Kongo seien eine harte aber gute Schule gewesen, sagt er. Dort hat er sich sicherlich einen gewissen Zynismus angeeignet. „Wenn ich denen zu unangenehm werde“, meint er mit einem Blick auf eine auf dem ehemaligen Kirchengelände liegende, leerstehende Fabrik, „dann engagieren die wahrscheinlich einen Killer und dann muss ich mal sehen“. Sein Gesichtsausdruck verrät den Ernst, der hinter den flapsig dahergesagten Worten steht.

Doch Stark erfährt auch Unterstützung. Das deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg setzt sich aktiv für die Instandsetzung der Kirche ein, vermutlich ein großes Plus in den laufenden Verhandlungen mit den Behörden. Vor wenigen Wochen habe er einen Brief vom Vizebürgermeister bekommen. „Freie Fahrt haben wir noch nicht, aber ich glaube, wir können bald mit dem Verlegen von Wasser- und Gasleitungen beginnen“, hofft er. „Wenn wir das haben, dann können wir richtig loslegen.“

Pavel Pezzi, Erzbischof der katholischen Kirche in Russland, hat ihm ein offizielles Empfehlungsschreiben ausgestellt. Pezzi schreibt: „Zusammen mit der Leitung der katholischen Kirche heiße ich dieses Projekt gut und unterstütze es in jeder Beziehung. Ich rechne damit, dass es ein bedeutender Ort des Gedenkens der Opfer der Verfolgung unserer Kirche, ein Ort der Wallfahrt und des Gebets der Gemeinden St. Petersburgs und Russlands wird.“

Die orthodoxe Kirche stehe dem Projekt prinzipiell offen gegenüber, sagt der Erzpriester Wiatcheslaw Charinow, der sich in St. Petersburg für die Ökumene einsetzt. So etwas wie Konkurrenz empfinde man nicht. „Es ist ein gutes Vorhaben“, findet er, „denn es ist eine Schande, was unsere Väter aus Kirche und Friedhof in Mariä Heimsuchung gemacht haben.“ Doch mahnt der orthodoxe Würdenträger zu kultureller Sensibilität.

Eine katholische Minderheit, die sich abschottet? Bloß nicht!

Die Gedenkstätte sollte offen sein für alle, egal welcher Konfession und welchen Glaubens, denn alle hätten unter dem totalitären Regime gelitten. „Die katholische Kirche ist in Russland eine Minderheit und darf sich nicht selbst abschotten, indem sie eine speziell katholische Gedenkstätte errichtet“, ist Charinow überzeugt. Daher warnt er vor einem überschwänglichen Gebrauch des Wortes „Wallfahrt“. Der Ausdruck impliziere eine religiöse Exklusivität der katholischen Kirche, die sie aus diplomatischen Gründen in Russland vermeiden sollte.

Ob Wallfahrtsort oder Begegnungsstätte, dass es an Besuchern in Russlands touristisch wichtigster Stadt nicht mangeln wird, ist Stark überzeugt. Fest entschlossen, sein Projekt zu verwirklichen, gesteht er jedoch ein, dass es noch viele Jahre Arbeit bedeutet – vielleicht etwas zu viel für den 70-Jährigen. „Mein Ziel ist es, alles soweit vorzubereiten, dass es andere nach meinem Tod vollenden können“, sagt der Pater. Er selbst träumt davon, in seiner Kirche ein Kolumbarium zu errichten, in dem auch Platz für eine Urne mit seinen sterblichen Überresten wäre.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann