Den Brennpunkt des Lebens entdecken

Brillant: Eine Biografie über Catherine de Bar. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Catherine de Bar fand ihre Berufung vor dem Altarsakrament.
Foto: IN | Catherine de Bar fand ihre Berufung vor dem Altarsakrament.

Wie sich Asylanten fühlen, die vor Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat fliehen mussten, immer wieder, und dort, wo sie hinkommen, nicht immer willkommen sind, hätte Catherine de Bar sehr gut verstanden. Schließlich war sie fast ihr ganzes Leben lang eine Heimatlose. Denn Saint-Dié in Lothringen, wo sie am 31. Dezember 2014 geboren wurde, gehörte damals noch nicht zu Frankreich, jenem Land, die dem Catherine fast ihr ganzes Leben verbrachte. Der Dreißigjährige Krieg begann, als sie drei Jahre alt war und war bei seinem formalen Ende mit dem in Osnabrück und Münster 1648 zeitgleich geschlossenen Westfälischen Frieden für Catherine lange noch nicht vorbei: Ihre Heimat Lothringen und Frankreich, wo sie sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt, hatten ihre Auseinandersetzungen noch nicht beendet. Mirijam Schaeidt, der wir die wunderbar einfühlsame, spirituell tiefgründige und historisch ausgezeichnet informierte Biografie verdanken, beschreibt, dass Catherines Leben, von ihrer Kindheit in den damals noch friedlichen Vogesen abgesehen, eine einzige Fluchtbewegung war, die sich ab 1635 über neun Stationen erstreckte. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Catherine jeweils den direkten Weg gewählt hat – und jeder, der in seiner Familiengeschichte jemanden kennt, der selber Flucht und Vertreibung erlebt hat weiß, wie unwahrscheinlich das ist, denn oft zwingen die Gefahren, die auf dem Wege lauern, zu mehr oder weniger langen Umwegen – hat sie 1 300 Fluchtkilometer zurückgelegt.

Dies alles muss vorangeschickt und als Hintergrund ihres Lebens mitgelesen werden. Denn sonst könnte das, was in ihren und den über sie entstandenen Schriften zu lesen ist, allzu leicht als kitschige Heiligenvita missverstanden werden.

Catherine beschreibt, dass sie im Alter von drei Jahren eine intensive Gotteserfahrung erlebte. Diese autobiografische Erzählung wurde und wird von manchen skeptisch gesehen. Aber ist das gerecht – ist das logisch? Viele Menschen erinnern sich nicht mehr an ihre Kindheit. Dies ist ein Grund, warum sie sich Kindern gegenüber so ungeschickt benehmen, sie behandeln, als hätten sie keinen Verstand oder die Fähigkeit, vorgespiegelte Gefühle zu durchschauen. Doch wer Kinder ernsthaft beobachtet weiß: Ihre Kanäle sind weit offen, sie nehmen umfassend wahr, was um sie herum geschieht. Und sie filtern die spirituelle Wirklichkeit nicht heraus. Catherine führt ihre Berufung zu einem geistlichen Leben auf ihre frühe Gotteserfahrung zurück und setzt gegen die Widerstände ihrer Familie, die sie standesgemäß verheiraten will, den Eintritt in den Orden durch. Die Wahl des Klosters überlässt sie ihrem Vater. Er wählt die Schwestern von den zehn Tugenden der Jungfrau Maria, auch Annunziatinnen genannt. Sie leben nach der Regel des heiligen Franziskus, mit der Catherine sich schon intensiv beschäftigt hat.

Mit dem Ordenseintritt geht es der 16-Jährigen ganz ähnlich wie Therese von Lisieux. Sie widmet sich begeistert und voller Elan ihrem neuen Leben, ist aufgrund ihres charmanten, umgänglichen Wesens bei ihren Mitschwestern beliebt, leidet aber unter der im 17. Jahrhundert üblichen übermäßig strengen, kalten Erziehung durch ihre Oberin. „Was nun, heilige Jungfrau, hast Du mich hier eintreten lassen, um mich hier zugrunde gehen zu lassen? Wenn Du mich verlässt, zu wem soll ich mich dann wenden, um von Deinem anbetungswürdigen Sohn die Hilfe zu erhalten, die ich in meiner Schwachheit brauche?“, betet sie. Und es hilft. Bei Maria findet sie jene Wärme, die sie bei ihrer Oberin vermisst und hält ihr selbstgewähltes Leben gegen alle äußeren Widerstände durch. Sie unterrichtet die Internatsschülerinnen, pflegt ihre Mitschwestern, als im Kloster die Pest ausbricht, und muss mit nur 19 Jahren die Leitung des Konventes übernehmen.

Von diesem Zeitpunkt an ist sie Mutter Mechthilde und sie leistet geradezu Übermenschliches. Sie flieht mit ihren Schwestern vor marodierenden Soldaten, leidet Hunger und Durst, haust in Ruinen, bis die immer kleiner werdende Gruppe schließlich Zuflucht in einem Benediktinerinnenkloster erhält. Hier findet Catherine nicht nur zur Ruhe, sie entdeckt auch, dass das Leben nach der Regel Benedikts ihre Berufung ist und wechselt, nicht ohne Konflikte mit den Annunziatinnen, in den Benediktinerorden. Doch auch dort findet die junge Frau, deren Leben sich im Unterwegssein entfaltet, noch nicht den Brennpunkt ihres Lebens. Den entdeckt sie schließlich in einem benediktinischen, aber ganz auf die Anbetung Jesu im Allerheiligsten Sakrament ausgerichteten Leben. So wird sie die Gründerin jenes Zweiges des Benediktinerordens, dessen Mitglieder sich ihr ganzes Leben lang dem im Brot gegenwärtigen Herrn aussetzen.

Mirijam Schaeidts Buch ist eine Entdeckung. Spannend geschrieben in einer durch und durch gegenwärtigen und unkomplizierten Sprache, spirituell nahrhaft, weil die Autorin lebt, worüber sie schreibt.

Mirijam Schaeidt: Ein Herz wie ein Gebirge. Das Leben der Catherine-Mechthilde de Bar. Eos Verlag, St. Ottilien 2014, 233 Seiten, ISBN 978-3-8306-7650-8, EUR 14,95

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