Demütig, um Jesus zu begegnen

Die chaldäische Kirche ist die größte christliche Kirche im Irak – In Deutschland schließen sich die Gläubigen römisch-katholischen Bistümern an. Von Barbara Wenz
Foto: Wenz | Knapp 400 Gläubige betreut Pfarrer Sami Danka im Umkreis von München und Augsburg in der Gemeinde „St. Peter der Chaldäer“.

Die Chaldäer finden bereits im Alten Testament Erwähnung: Aus der Stadt Ur in Chaldäa in der Nähe des Euphrat sei Abraham gerufen worden, heißt es im Ersten Buch Mose. Im Buch Daniel steht die Bezeichnung Chaldäer für Gelehrte und weise Männer aus dem antiken Babylon. Noch heute beruft sich die chaldäisch-katholische Kirche auf diesen ebenso uralten wie geheimnisvollen Ort, in dem ihre Organisationsform sich „Patriarchat von Babylon der Chaldäer“ nennt, mit Louis Raphael I. Sako als ihrem Oberhaupt und rund 600 000 Gläubigen weltweit. Die chaldäisch-katholische Kirche ist, wie der Name schon sagt, mit der römisch-katholischen Kirche uniert, sie gehört zu den katholischen Ostkirchen wie auch die Maroniten, die Melkiten oder die katholischen Kopten von Alexandrien. Außerdem zählt sie zur zahlenmäßig stärksten christlichen Kirche im heutigen Irak, auch wenn der Exodus der Gläubigen durch die furchtbare Christenverfolgung weiterhin anhält.

Einen besonders tragischen Höhepunkt, der für weltweites Entsetzen sorgte, fand das Martyrium der chaldäischen Katholiken im Jahre 2008, als Erzbischof Paulos Faraj Rahho in Mossul entführt – während der Geiselnahme wurden auch drei seiner Begleiter erschossen – und etwa einen Monat später auf einer Müllhalde tot aufgefunden wurde. Papst Benedikt XVI. beklagte damals in einer Pressemitteilung diese Untat als einen „Akt unmenschlicher Gewalt, der die Würde des Menschen beleidige“ und versicherte dem Patriarchen der chaldäisch-katholischen Kirche und der christlichen Bevölkerung im Irak seine geistliche Nähe.

Die zahlenmäßig größte Diaspora-Gemeinde befindet sich in den USA, dort existieren auch zwei Diözesen. In Deutschland schließen sich die Gläubigen zum großen Teil einem römisch-katholischen Bistum an; so auch die Gemeinde „St. Peter der Chaldäer“ in München unter der Leitung von Pfarrer Dr. Sami Danka, die jeden Sonntag um 10 Uhr in der katholischen Kirche St. Wolfgang in der Balanstraße die Heilige Messe im ambrosianischen Ritus feiert. Der Ablauf des Gottesdienstes erscheint dem Besucher vertraut, trotz der fremden Sprache, in der die Frauenschola – alle in Mantillen – das liturgische Geschehen begleitet. Die versammelte Gemeinde bietet ein buntes Bild, da gibt es Frauen mit langen blonden Haaren in Festtagskleidung, andere wiederum tragen lange Mantillen, die offenbar aus Wallfahrtsorten stammen: „Lourdes“ ist in feiner Stickerei darauf zu lesen, oder auch „Jerusalem“; alte Männer in Anzügen, junge in Jeans und T-Shirt. Pfarrer Sami Danka beginnt seine Predigt mit einem Kreuzzeichen: An diesem Sonntag geht es um Zachäus, der vom Baum steigt, weil ihm der Herr zuruft, dass er heute Abend noch bei ihm zu Gast sein wolle. „Wir beschäftigen uns zu viel mit anderen Dingen, Jesus kommt zu uns wie zu Zachäus, der nach ihm Ausschau gehalten hat. Wir sollten demütiger sein, damit wir Jesus begegnen können, an diesem Sonntag für ihn das Gastmahl ausrichten dürfen, mit ihm in Berührung kommen dürfen.“ Rund 150 Gläubige hören ihm heute zu, knapp 400 hat er ansonsten im Umkreis von München und Augsburg zu betreuen – es ist Ferienzeit.

Besonders stolz ist der Pfarrer auf seine 40 Kinder, die er auf die Erstkommunion vorbereitet. Man fühle sich sehr wohl unter dem Kardinal hier, mit dem man auch Karfreitag und Fronleichnam gefeiert habe. Im Rahmen des Gottesdienstes der Nationen wurde in der Kirche auch ein Konzert mit chaldäischen und deutschen musikalischen Beiträgen ausgerichtet. Und natürlich engagiert sich die Gemeinde aktiv in der Flüchtlingshilfe: Besonders 2009 habe es eine große Welle von christlichen Flüchtlingen aus dem Irak gegeben, hier hilft man mit Kleidung und Essen, arbeitet mit der Caritas zusammen und bietet Unterstützung bei Arztbesuchen und bei Behördengängen an, vor allem, wenn es um Dolmetschertätigkeiten gehe. Zwei Jahreszahlen nennt Pfarrer Danka, wenn es um die moderne Verfolgung der irakischen Christen gehe: 1933 und 2014, da habe es immer wieder Pogrome von Islamisten gegeben. Danka weiß, wovon er spricht und hat es am eigenen Leib erfahren, denn er musste ebenfalls fliehen, nachdem man ihn entführt und acht Tage gefangen gehalten hatte.

Die aktuelle Bedrohung, nicht nur für Christen, sondern auch für Jesiden, trägt den Namen des seit dem Jahre 2003 erstarkenden sogenannten „Islamischen Staat“. Im selben Jahr hatte der ermordete Erzbischof Rahho die Invasion der USA beklagt, die zwar zum Sturz des laizistischen Diktators Saddam Hussein geführt hatte, aber eine blutige Welle der Christenverfolgung nach sich zog, die bis heute nicht nur nicht abgeebbt ist, sondern ihren Höhepunkt scheinbar noch gar nicht erreicht hat. In Bagdad können die chaldäischen Katholiken wie auch andere christliche Konfessionen, ihre Gottesdienste nicht mehr in Sicherheit und Freiheit abhalten, sie werden von islamistischen Milizen bedroht, müssen Sonderabgaben zahlen und werden schikaniert. Dabei sind auch besonders Frauen im Fokus der Übergriffe.

Die chaldäischen Christen führen ihre Ursprünge zurück auf den Apostel Thomas, der das Gebiet im Zweistromland missioniert hat. Ihm gilt auch ihre besondere Verehrung – sein Festtag wird besonders würdig begangen. Obwohl bereits mindestens seit den Zeiten Benedikts von Nursia ein Austausch zwischen weströmischen und den damaligen ostsyrischen Christen bestand, dauerte es doch bis in die Zeit eines Franziskus von Assisi, der ja selbst eine Reise ins Heilige Land unternommen hatte, um dort die Muslime zu bekehren, bis es zu weiteren Annäherungen kam. Erstmals taucht der Begriff Chaldäer für diese in voller Kirchengemeinschaft mit Rom stehenden Christen im Jahre 1445 auf. Vor allem die Franziskaner unterstützen die Chaldäer, die sich jahrhundertelang zwischen den Fronten Rom und der apostolischen Kirche des Ostens aufgerieben sahen. Im 16. Jahrhundert weihte Papst Julius III. den Priestermönch Yuhannan Sulaqa zum Patriarchen der Chaldäer, kurz darauf wurde Shimon VIII., wie er sich nach der Konsekration nannte, von seinen Gegnern hingerichtet. Doch es gab auch Spannungen mit Rom und Phasen, in denen die communio mit der lateinischen Westkirche unterbrochen war. Den ersten traurigen Höhepunkt im 19. Jahrhundert setzte die Zeit des Ersten Weltkrieges, in der rund 70 000 Chaldäer während der Pogrome, die von Kurden und Türken durchgeführt wurden, ermordet wurden.

Heute ist die Situation ähnlich verzweifelt wie bereits vor rund 100 Jahren. In einem Interview mit Radio Vatikan spricht Bischof Amel Shamon Nona, der bis zur Einnahme durch den IS Erzbischof der Stadt Mossul war, heute Bischof der Eparchie Sankt Thomas der Apostel in Sydney, von einem wahren Genozid. Das Leid der Volksgenossen im kriegszerrissenen Mutterland lässt den Exil-Chaldäern natürlich keine Ruhe und bietet ständigen Grund zur Sorge. Doch wo die Not groß ist und die Zeiten dunkel erscheinen, leuchten auch immer wieder Lichter auf. „Wir versuchen immer, etwas für die Gläubigen, die noch da geblieben sind, zu tun und ihnen zu helfen“, beschreibt Bischof Nona die Lage. Diese Hilfe mache sie noch stärker in der Gemeinschaft, lasse den Einzelnen das Bedürfnis verspüren, Christ in einer starken Gemeinschaft zu sein, um anderen helfen zu können, die in einer schwierigen Situation lebten. Wer eine dieser starken Gemeinschaften in Deutschland besuchen und kennenlernen und den Gottesdienst mitfeiern möchte, kann dies in München, Stuttgart und Essen tun.

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