Regensburg

„Dem Herzen trauen“

Der Regensburger Regens Martin Priller sieht die Beteiligung von Frauen in der Priesterausbildung als selbstverständlich an und erwartet von ihnen Wertschätzung für die Entscheidung junger Männer für das Priestertum.

Regens Martin Priller
Regens Martin Priller sieht die einseitige Debatte über die Geschlechter auch als Auftrag an die Kirche, prophetisch Gegenposition einzunehmen. Foto: Bistum Regensburg

Herr Regens, der vermehrte Einsatz von Frauen in der Priesterausbildung wurde schon in der überarbeiteten Ratio Fundamentalis aus dem Jahr 2016 gefordert. Was hat sich seitdem getan?

Auch vor 2016 waren bei uns Frauen in die Ausbildung von Priestern einbezogen. Man muss in Rechnung stellen, dass eine weltweit geltende Grundordnung für die Priesterausbildung in sehr unterschiedliche Situationen hineingesprochen ist. Soweit ich das überblicken kann, ist die Beteiligung von Frauen an der Priesterausbildung hierzulande längst selbstverständlich und den Verantwortlichen auch ein hohes Anliegen.

Durch die Veröffentlichung des Abschlussberichtes der Auswertung der MHG Studie des Bistums Limburg ist das Verhältnis der Geschlechter in der Kirche neu thematisiert worden. Halten Sie persönlich das in der Schöpfungsordnung vorgegebene Verhältnis der Geschlechter auch, wie der Abschlussbericht dies konstatiert, für unvermittelbar?

Johannes Paul II. hat mit seinen Katechesen bei den Generalaudienzen über Jahre hinweg vorgemacht, wie man aus dem biblisch-christlichen Menschenbild eine sehr beglückende Auffassung von der Differenz der Geschlechter und ihrem spannungsvollen und bereichernden Zueinander gewinnen kann, die überhaupt nicht verstaubt und gestrig ist. Gerade mit einer prophetischen Gegenposition zu den oft wenig reflektierten landläufigen Meinungen könnte Kirche zu einem wirklich spannenden Gesprächspartner werden. Wir trauen uns vielleicht zu wenig. Allerdings schleppen wir viel Ballast mit. Gerade die Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester, man muss das mit Scham sagen und auch einer Portion Wut, diskreditieren uns nachhaltig.

Warum, glauben Sie, wurde diese Vermittlung in den letzten Jahrzehnten so sehr vernachlässigt?

Die gesellschaftlichen Veränderungen, von denen wir sprechen, waren keine harmonische, geräuschlose Entwicklung. Das zeigt schon die Rhetorik: Kampf um Gleichberechtigung, sexuelle Revolution. Wir befinden uns immer noch im Kampfmodus, auch innerkirchlich. Das bedauere ich. Ich würde mir wünschen, dass es im entsprechenden Forum des synodalen Prozesses gelingt, zu einer neuen Sprache und zu einem selbstverständlicheren Miteinander von Frauen und Männern in ihrer Verschiedenheit und ihrer gleichen Würde zu finden. Jedenfalls war im „Kampfgetümmel“ der letzten fünfzig Jahre die scheinbare Option nur: anpassen oder verstummen.

Als Vorreiter eines neuen, freien, wertschätzenden Umgangs der Geschlechter hat sich Kirche nicht gerade hervorgetan. Aber auch in der Gesellschaft ist da vieles noch verkrampft und verkorkst. Das Thema Gleichberechtigung war lange darauf fixiert, Frauen den Männern gleich zu stellen. Viele jüngere Frauen können sich damit gar nicht identifizieren. Sie möchten unabhängig in ihrem Frausein wahrgenommen werden und denken gar nicht daran, sich immer an den Männern zu messen. Erst gestern Abend habe ich einen Beitrag über drei kalifornische Schwestern gesehen, die als Band gerade unheimlich erfolgreich sind (Haim). Auf die Frage, wie das so ist als Frauen im harten, von Männern dominierten Musik-Business, haben sie mit Empörung reagiert: Was ist das für eine Frage? Auch da hinken wir in den kirchlichen Diskussionen den Entwicklungen ein Stück hinterher, kommt es mir vor.

Was würde sich aus Ihrer Sicht durch einen stärkeren Einsatz von Frauen in der Priesterausbildung ändern?

In der Außenwahrnehmung könnte es helfen, das Bild einer geschlossen männlichen Welt der Kleriker zu überwinden, das ein schlimmes und an sich überholtes Klischee ist – und doch, so ehrlich muss man sein, ein Körnchen Wahrheit enthält. Daher ist die Wirkung nach innen viel wichtiger: Es ist für Männer immer ein Gewinn, ein starkes weibliches Korrektiv zu haben. Die Sicht auf die Dinge wird differenzierter, wenn auch Frauen in der Runde sind, der Umgang miteinander ist anders, es kommen andere Themen hinzu.

An welchen Stellen können Frauen eingesetzt werden?

Priesterausbildung ist ein komplexes, vernetztes Geschehen über einen längeren Zeitraum. Da gibt es viele Gelegenheiten: Dozententätigkeiten, als Professorinnen sowieso, aber auch in Bereichen wie Stimmbildung, Sprecherziehung, Rhetorik, Medienschulungen, für pastorale Themenfelder wie Trauerarbeit, Liturgie mit Kindern, Gemeindekatechese, in den Präventionsschulungen und bei der Erarbeitung eines institutionellen Schutzkonzepts. Mentorinnen begleiten die Ausbildung für den Unterricht an den Schulen, sind einbezogen in eine begleitende Supervision der Kapläne oder als geistliche Begleiterin tätig. Das sind jetzt nur Beispiele, wo in unserem Haus derzeit Frauen mitwirken, projektartig begrenzt oder auch begleitend über einen langen Zeitraum hinweg.

Ist für diese Frauen ein geistliches Training vorgesehen, das sie befähigt, in der Nachfolge Marias ein Beispiel der Christusförmigkeit zu sein?

Alle diese Frauen, wie ich sie gerade aufgezählt habe, bringen ihre je eigene Art zu glauben mit, ihre eigenen Prägungen und Kirchenerfahrungen, mitunter auch kritische Fragen, ihre Kompetenz, ihre Berufs- und Lebenserfahrung, ihre Spiritualität. Es wäre beinahe schade, diese Vielfalt auf bestimmte Formen weiblicher Spiritualität zu reduzieren. Was aber unbedingt nötig ist, und da haben wir Nachholbedarf, ist eine gute Ausbildung und Begleitung der Ausbilder. Auch der Männer und Priester unter ihnen.

Gibt es Modelle für die geistliche Begleitung von Priesteramtskandidaten und Priestern durch geeignete Frauen?

Geistliche Begleitung ist ein intensives Beziehungsgeschehen. Das kann nicht verordnet oder eingefordert werden, sondern muss sich individuell entwickeln. Ohne eine Wertschätzung für junge Männer, die Priester werden wollen, und ein Grundverständnis für ihre Berufung wird das nicht gehen. Dazu zählt für mich auch die Zustimmung zur Theologie des Priesteramtes und zur sakramentalen Struktur der Kirche. Wer geistlich begleiten soll, muss selbst gezeichnet sein vom Glauben und vom Leben, muss auch Krisen und Scheitern kennen. Es braucht den liebenden Blick, prüfende Aufmerksamkeit, eine wohlwollend schonungslose Ehrlichkeit und die Fähigkeit, dem anderen zu einer tieferen Erkenntnis seiner selbst zu verhelfen. Ein Modell wäre da fast zu eindimensional.

Was können wir heute aus den geschichtlich bezeugten Freundschaften von Priestern und Frauen lernen?

Man denkt als erstes an Franz von Sales und seine Freundschaft zu Johanna Franziska von Chantal, oder auch an Johannes Paul II., der mit Anna-Teresa Tymieniecka eine jahrzehntelange Freundschaft pflegte. Ich bin sicher, dass eine gelingende Freundschaft zu Frauen einem Priester hilft, menschlich wie geistlich, sein Priestersein noch einmal anders und vielleicht tiefer zu erfassen. Bedauerlicherweise sehen sich solche Freundschaften oft einer verbreiteten Kultur des Verdachts ausgesetzt. Nicht einmal die Heiligen sind davor gefeit.

Was haben Sie persönlich von Frauen gelernt?

Als Kopfmensch, der ich zweifellos bin, auch dem Herzen zu trauen. Lebenssituationen nicht nur analytisch zu erfassen, sondern auch über die Gefühle nachzudenken und zu reden, die etwas in mir auslösen. Priesterkandidaten nicht bloß sachlich auf ihre Eignung zu prüfen, sondern ihnen erst einmal zu helfen, sie selbst zu werden. Wir haben in der bayerischen Regentenkonferenz regelmäßige Supervisionstreffen und lassen uns dabei ganz bewusst von einer Frau anleiten und begleiten. Da komme ich immer wieder an diesen Punkt, dass Frau noch auf etwas schaut, was man nicht so sehr im Blick hat.

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