„Das Recht auf eigene Andachtsorte“

Abschlusserklärung des katholisch-muslimischen Forums im Vatikan

1. Für Christen ist die Quelle und das Vorbild der Gottes- und der Nächstenliebe die Liebe Christi zu seinem Vater, zur Menschheit und zu jeder Person. „Gott ist die Liebe“ und „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Gottes Liebe wird durch den Heiligen Geist in das menschliche Herz gelegt. Gott liebt uns als erster, und ermöglicht auf diese Weise, dass wir Ihn unsererseits lieben können. Liebe schadet dem Nächsten nicht, sondern versucht vielmehr, den anderen so zu behandeln, wie wir gerne von ihm behandelt würden (vgl. 1 Kor 13, 4–7). Die Liebe ist die Grundlage und die Summe aller Gebote (vgl. Gal 5, 14). Die Nächstenliebe kann nicht von der Gottesliebe getrennt werden, weil sie ein Ausdruck unserer Liebe zu Gott ist. Das ist das neue Gebot: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15, 12). Die christliche Liebe, die auf Christi Opferliebe gründet, ist eine vergebende Liebe, die niemanden ausschließt; daher schließt sie auch ihre Feinde ein. Sie sollte sich nicht nur mit Worten, sondern durch Taten zeigen (vgl. 1 Joh 3, 18). Das ist das Zeichen ihrer Authentizität.

Für Muslime ist die Liebe – wie es in „Ein gemeinsames Wort“ dargelegt wird – eine zeitlose, transzendente Kraft, die zur gegenseitigen menschlichen Achtung anleitet und diese verwandelt. Diese Liebe geht, wie der heilige und geliebte Prophet Mohammed sagt, der menschlichen Liebe zu dem einen, wahren Gott voraus. Ein Hadith besagt, dass Gottes liebendes Mitgefühl für die Menschheit sogar noch größer ist, als das einer Mutter für ihr Kind (Muslim, Bab al-Tawba: 21); sie besteht daher vor und unabhängig von der menschlichen Antwort auf den Einen, welcher „der Liebende“ ist. So unermesslich sind diese Liebe und dieses Mitgefühl, dass Gott, um die Menschheit vollkommen zu führen und zu retten, mehrfach und an mehreren Orten eingegriffen hat, indem er Propheten und Schriften gesandt hat. Das letzte dieser Bücher, der Koran, stellt eine Welt von Zeichen dar, einen wunderbaren Kosmos der göttlichen Schöpferkraft, der unsere vollkommene Liebe und Ergebenheit hervorruft, so dass gilt: „die aber, die glauben, lieben Allah noch mehr“ (2:165), und „diejenigen, die da glauben und gute Werke tun; ihnen wird der Allerbarmer Liebe zukommen lassen“ (19:96). In einem Hadith lesen wir: „Nicht einer von euch glaubt, ehe er nicht das für seinen Nachbarn wünscht, was er sich selbst wünscht“ (Bukhari, Bab al-Imam: 13).

2. Das menschliche Leben ist ein äußerst kostbares Geschenk Gottes an jede Person. Es sollte daher in jedem Stadium bewahrt und respektiert werden.

3. Die menschliche Würde leitet sich von der Tatsache her, dass jeder Mensch von einem liebenden Gott geschaffen wird und mit den Gaben der Vernunft und des freien Willens ausgestattet ist, so dass er in der Lage ist, Gott und die anderen Menschen zu lieben. Auf der festen Grundlage dieser Prinzipien hat der Mensch Anspruch auf die Achtung seiner ursprünglichen Würde und menschlichen Berufung. Der Mensch hat daher das Recht auf die volle Anerkennung seiner Identität und seiner Freiheit, durch Einzelpersonen, Gemeinschaften und Regierungen, unterstützt durch eine bürgerliche Gesetzgebung, die gleiche Rechte und Vollbürgerschaft garantiert.

4. Wir bekräftigen, dass Gottes Erschaffung der Menschheit zwei Haupterscheinungsformen hat: Mann und Frau, und wir setzen uns gemeinsam dafür ein, zu gewährleisten, dass sich die menschliche Würde und Achtung auf gleicher Basis sowohl auf Männer als auch auf Frauen erstrecken.

5. Wirkliche Nächstenliebe impliziert die Achtung der Person und ihrer Entscheidungen in Bezug auf Gewissen und Religion. Das schließt das Recht von Einzelpersonen und Gemeinschaften ein, ihre Religion privat und öffentlich auszuüben.

6. Religiöse Minderheiten haben das Recht, in ihren religiösen Überzeugungen und Bräuchen respektiert zu werden. Sie haben auch das Recht auf eigene Andachtsorte, und ihre Gründergestalten sowie die Symbole, die sie als heilig betrachten, sollten nicht Gegenstand irgendeiner Form von Spott oder Verhöhnung sein.

7. Als katholische und muslimische Gläubige sind wir uns der Aufforderung und des Gebots bewusst, in einer zunehmend säkularisierten und materialistisch eingestellten Welt durch eine vom Gebet genährte Spiritualität Zeugnis für die transzendente Dimension des Lebens abzulegen.

8. Wir erklären, dass keine Religion und ihre Anhänger von der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollten. Jede sollte ihren unentbehrlichen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft und vor allem im Dienst gegenüber den Bedürftigsten leisten dürfen.

9. Wir erkennen, dass Gottes Schöpfung in ihrer Pluralität von Kulturen, Zivilisationen, Sprachen und Völkern eine Quelle des Reichtums ist und daher nie Ursache von Spannungen und Konflikten werden sollte.

10. Wir sind überzeugt, dass Katholiken und Muslime die Pflicht haben, für eine gesunde Erziehung ihrer jeweiligen Mitglieder zu menschlichen, zivilen, religiösen und moralischen Werten zu sorgen und genaue Kenntnisse über die jeweils andere Religion zu vermitteln.

11. Wir erklären, dass Katholiken und Muslime berufen sind, Werkzeuge der Liebe und der Eintracht unter den Gläubigen und für die Menschheit als Ganzes zu sein, indem sie auf jede Form von Unterdrückung, aggressiver Gewalt und Terrorismus verzichten, vor allem solcher, die im Namen der Religion verübt werden, und indem sie den Grundsatz der Gerechtigkeit für alle aufrecht erhalten.

12. Wir rufen die Gläubigen dazu auf, sich für ein ethisches Finanzsystem einzusetzen, in dem Regelmechanismen den Zustand der Armen und Benachteiligten berücksichtigen, sowohl der Einzelmenschen, als auch der verschuldeten Staaten. Wir rufen die Privilegierten dieser Welt dazu auf, die Notlage derjenigen zu berücksichtigen, die durch die derzeitige Krise in der Nahrungsproduktion und -verteilung besonders hart getroffen sind, und wir fordern die Gläubigen aller religiösen Bekenntnisse sowie alle Menschen guten Willens zur Zusammenarbeit auf, um das Leid der Hungrigen zu lindern und seine Ursachen zu beheben.

13. Junge Menschen sind die Zukunft der religiösen Gemeinschaften und der Gesellschaft als ganzer. Sie werden zunehmend in multikulturellen und multireligiösen Gemeinschaften leben. Es ist unbedingt notwendig, dass sie in ihrer eigenen religiösen Tradition gründlich ausgebildet sowie gründlich über andere Kulturen und Religionen informiert werden.

14. Wir sind übereingekommen, die Möglichkeit zu untersuchen, ein ständiges katholisch-muslimisches Komitee einzurichten, um Reaktionen auf Konflikte und andere Notsituationen miteinander abzustimmen.

15. Wir sehen dem zweiten Seminar des katholisch-muslimischen Forums entgegen, das in etwa zwei Jahren in einem mehrheitlich muslimischen Land, das noch zu bestimmen ist, einberufen werden sollte.

Alle Teilnehmer waren Gott dankbar für das Geschenk der gemeinsam verbrachten Zeit und für den bereichernden Austausch.

Am Ende des Seminars hat seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. die Teilnehmer empfangen und nach den Reden von Professor Dr. Seyyed Hossein Nasr und dem Großmufti Mustafa Ceriæ zu der Gruppe gesprochen. Alle Anwesenden haben ihre Zufriedenheit über die Ergebnisse des Seminars und ihre Erwartungen für einen weiteren produktiven Dialog zum Ausdruck gebracht.

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