Das Rad neu erfinden?

Überlegungen zu den „Kleinen Christlichen Gemeinschaften“

Alles Mögliche schießt einem durch den Kopf, wenn man zuerst von „Kleinen Christlichen Gemeinschaften“ (KCG) hört. Sind damit vielleicht die geistlichen Gemeinschaften oder die kirchlichen Bewegungen, ein „Bibelfrühstück“, „Familienkreis“ oder eine christliche Selbsthilfegruppe gemeint? Schließlich treffen sich in all diesen Gruppen katholische Christen in kleinen Gemeinschaften, teils über Jahre oder Jahrzehnte, um geistlich oder menschlich aufzutanken. Doch mit dieser ersten Einschätzung liegt der Leser völlig daneben. Denn die KCG's gibt es anscheinend in unseren Breitengraden noch gar nicht. Daher hat der ungenannte Autor der zwanzig Seiten langen Einleitung dieses Buches auch einige Mühe, dieses Phänomen zu erklären. Er wird nicht müde hervorzuheben, dass die KCG's eben „anders“ oder „mehr als“ als die oben genannten Gruppierungen sein. Eben ein neuer „Weg, Kirche mit den Menschen zu sein“.

Die KCG's existieren allerdings schon auf der südlichen Erdhälfte. Dort sind diese Gemeinschaften auch nicht „klein“, sondern umfassen 15 bis 30 Familien, also 50 bis 60 Personen. Sie übernehmen vielfältige pastorale Aufgaben vor Ort. Kardinal Oskar Maradiaga von Honduras berichtet, dass Laien in seinem Land eine führende Rolle in der Pastoral spielen würden, 400 Priester würden mit 30 000 „lay ministers“ zusammenarbeiten.

Zweitens erfährt der Leser der Einleitung, dass es in Deutschland im November 2008 ein von „missio“ (Aachen) gesponsertes Symposium in der Nähe von Hildesheim gegeben habe, das von dem Herausgeber des Bandes Christian Hennecke, seines Zeichens Fokolarpriester und Regens des Hildesheimer Priesterseminars, sowie weiteren Mitarbeitern organisiert worden ist. Die „beeindruckenden“ Referate dieser dreitägigen Konferenz sind in dem hier vorgelegten Sammelband abgedruckt. Die Referenten, die aus Amerika, Asien, Afrika und dem deutschsprachigen Raum kommen, sind teils kirchliche Amtsträger teils akademischer Herkunft; mehr kann über die Vortragenden nicht berichtet werden, denn eine einschlägige Vorstellung der Referenten mit Angaben über deren Qualifikationen, beruflichen Weg oder Zugehörigkeit zu bestimmten Orden, Gemeinschaften oder Diözesen, ist leider diesem Band nicht beigefügt.

Die überseeischen Referenten oder Autoren berichten zum Teil packend und mit vielen ekklesiologischen Deutungen versehen, wie sich katholische Christen in ihrer Nachbarschaft zum „Bibelteilen“ treffen. Neben dem Bestreben, dass man neu „Kirche sein“ will, ist das der zweite Baustein dieses Konzeptes der KCG. Die in Deutschland gängige Übersetzung „Bibelteilen“ (für die ursprüngliche Bedeutung „Gospelsharing“) kritisieren die Autoren als unglücklich und missverständlich. Denn hier handele es sich nicht um eine neue Methode der Bibelarbeit (in den bekannten sieben Schritten), sondern eher um die Teilnahme beziehungsweise Teilgabe (sharing) an der anbrechenden Herrschaft Gottes, dem Evangelium (gospel).

Als weiteres Leitmotiv gilt den KCG's neben dem „gospelsharing“ das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach „Communio“ im Volk Gottes. Wer sich dabei an die lateinamerikanischen kirchlichen Basisgemeinschaften aus den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erinnert fühlt, liegt durchaus richtig. Leonardo Boff und Johann-Baptist Metz dienen den Autoren ebenso als Gewährsleute wie einige Enzykliken Johannes Pauls II. sowie die einschlägigen Texte aus den Konstitutionen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die sogenannte Communio-Ekklesiologie bildet gleichsam den ideologischen Rahmen der KCG's. Wem das zu kompliziert ist, der halte sich an die griffige Kurzformel von Medard Kehl am Ende dieses Bandes: KCG's sind „Kirche in der Nachbarschaft“ („wo Christinnen und Christen danach suchen, wie sie verbindliche Gemeinschaft, biblisch fundierte Spiritualität und diakonisches Engagement leben können“, 261). Wer die kirchliche Bewegung der Fokolare kennt, wird in dieser Beschreibung der KCG's nicht so viel Neues erkennen können. Bei den Fokolaren trifft man sich, wie schon der Name sagt, ebenfalls um eine „Feuerstelle“ in der Nachbarschaft, um gemeinsam die Bibel als „Wort des Lebens“ zu lesen und daraus ein Engagement im Alltag zu entwickeln. Genau das wollen die KCG's auch. Sie nennen sich übrigens bewusst nicht „Katholische Kleine Gemeinschaften“, sondern betonen das allgemeinere Wort „christlich“, denn sie wollen ökumenisch offen für andere christliche Bekenntnisse sein; auch das ein typisches Kennzeichen der Fokolar-Spiritualität der „Einheit“, die sich inzwischen überkonfessionell und auch multireligiös definiert.

Also nur ein neuer Name für ein bereits bekanntes Konzept? Wer die kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, ein wenig kennt, reibt sich sowieso verwundert die Augen. Denn, was hier KCG genannt wird, das gibt es bereits seit über 300 Jahren in fast allen evangelischen Kirchen. Einer der bedeutendsten Begründer des Pietismus, Philipp Jacob Spener (1635–1705), rief 1670 mit seinen „collegia pietatis“ (auch „Kirche in der Kirche“ genannt) die Bewegung der „Hauskreise“ ins Leben. Sie bilden hierzulande bis heute das Rückgrat der evangelikalen Christenheit. In Hauskreisen oder in der so genannten „Gemeinschaftsstunde“ treffen sich mehrere hundertausend Mitglieder, die im „Gnadauer Verband“ organisiert sind. Eine durchaus schlagkräftige Truppe. Vielfältige missionarische und soziale Initiativen sind von dieser Bewegung ausgegangen.

Das Prinzip Hauszelle kennen auch die Pfingstkirchen

Auch in Pfingstkirchen kennt man „Hauszellen“ oder „Hauskirchen“; überall ist die Idee gleich: Christen treffen sich in der Nachbarschaft ihres Stadtteils oder ihres Dorfes, um gemeinsam die Bibel zu lesen, auf Gottes Wort zu hören, zu beten und gestärkt für den Alltag diakonisch und missionarisch zu wirken. In Südkorea gibt es heute einzelne Pfingstgemeinden, die aus über tausend solcher Hauszellen oder Hauskreise bestehen.

Wollen die Streiter für die KCG's also das Rad des gemeinschaftlichen Lebens der Christenheit gleichsam neu erfinden? Die offenbare Unkenntnis der evangelischen christlichen Landschaft mag man noch nachsehen, weil die Initiatoren dieses Projektes von einer besonderen Mangelerfahrung hierzulande motiviert sind. Sie sprechen vom „Ende der Volkskirche“, von Priester- und Finanzmangel, wo man sich in vielen Diözesen „aus der Fläche“ zurückziehen müsse. In den riesigen Pfarreien der Zukunft, die mit dem vornehmen Wort „pastorale Räume“ betitelt werden, fürchten viele Priester und Gläubige um einen weiteren Rückgang an aktiver Beteiligung am kirchlichen Leben. Da scheinen die Modelle aus der südlichen Hemisphäre gerade zur rechten Zeit zu kommen. Wird oder soll es also bald auch in jedem Stadtteil in Deutschland eine KCG geben, wo – ähnlich wie in Honduras – Laienseelsorger die Arbeit der heutigen Priester übernehmen?

Genau vor diesem Gedankengang warnt auf der Homepage der Initiative (kcg-net.de) jedoch Manfred Körber vom Ordinariat im Bistum Aachen. Er sieht die Gefahr der „Verzweckung des Gedankengutes und der Praxis solcher Kleiner Christlicher Gemeinschaften für die Aufrechterhaltung gegenwärtiger kirchlicher Strukturen, wie etwa der Sicherung einer kirchlichen Präsenz in der Fläche“. Handlungsleitend müsse vielmehr die Herausforderung und Notwendigkeit sein, neue Gemeinden zu gründen, die mit ihrer Vielfalt der Kirche in der Postmoderne eine Gestalt geben können.

Welche Büchse der Pandora allerdings mit einem solchen Modell von Gemeindegründungen dann geöffnet wird, davon wissen Pastoren und Leiter von evangelikalen oder charismatischen Gemeinden allerdings ein Lied zu singen. Die Leitung einer solchen Gemeinschaft von 30 bis 50 Personen, die sich wöchentlich trifft und ein vielfältiges missionarisches und diakonisches Engagement entfaltet, erfordert hohe charakterliche, geistliche und theologische Qualifikationen, die nur selten zu finden sind. Da machen es sich die Initiatoren der KCG's etwas einfach, wenn sie behaupten, dass jedes Mitglied „Leiter sein“ könne. Mit der pastoralen Qualität des Leiters steht und fällt eine christliche Gemeinschaft. Dieses Problem war schon in der Urchristenheit bekannt. Davon zeugen die genauen Kataloge mit den Qualifikationen eines „Ältesten“, Diakons oder „Bischofs“ in den Pastoralbriefen (1 Tim 3, 1–13).

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