Das Pilgern ist der Europäer Lust

Schon vor dem „Heiligen Jahr“ in Santiago de Compostela steigen die Besucherzahlen

Bonn (DT/KNA) Der Ansturm auf den Jakobsweg ist ungebrochen. Noch nie sind in einem „Normal-Jahr“ so viele Menschen auf dem berühmten Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien gepilgert wie derzeit. Wie die galizische Regionalregierung am Freitag bekannt gab, sind zwischen Januar und Juni insgesamt 48 969 Pilger in dem Wallfahrtsort angekommen, wo sich der Legende nach das Grab des Apostels Jakobus befindet. Das entspricht einem Anstieg von knapp zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Pilgerbüro in Santiago geht bei einem gleich bleibenden Zustrom von gut 140 000 Personen aus, die bis zum Jahresende einen der zahlreichen spanischen Jakobswege gegangen sein werden. Das entspräche einem Pilgerrekord außerhalb eines Heiligen Jahres seit der Dokumentierung der Pilgerzahlen.

Für das nächste Jahr rechnen die Experten mit noch weit höheren Zahlen: Denn dann fällt der 25. Juli, der Gedenktag des heiligen Jakobus, wieder auf einen Sonntag. Und immer dann steht auf dem „Camino“ wieder ein „Heiliges Jakobusjahr“ an. Santiagos Erzbischof Julian Barrio geht sogar davon aus, dass dann erstmals die Zahl von 200 000 Pilgern überschritten werden könnte. Dazu trägt auch Hollywood seinen Teil bei. Denn rechtzeitig zum Heiligen Jahr starten in diesem Herbst die Dreharbeiten zum Film „The Way“ in Galizien. Die Hauptrolle in dem Rührstück spielt Hollywood-Star Martin Sheen: Der Film handelt von einem amerikanischen Vater, der die Asche seines in Spanien verstorbenen Sohnes holen will und dabei den Jakobsweg und dessen spirituelle Werte entdeckt.

Auch ARD und ORF gehen im kommenden Jahr mit einem Spielfilm auf Sendung, der auf dem Jakobsweg spielt. Mit dabei sind die Schauspieler Elmar Wepper und Ann-Kathrin Kramer. Es geht um die Bewältigung einer Ehekrise und den Abbau von Konflikten zwischen Vater und Tochter. Der mittelalterliche Pilgerweg erleichtert die Annäherung. Das zeigt schon: Auch in Deutschland erfreut sich der Jakobsweg wachsender Beliebtheit.

Einen wahren Boom hatte der Komiker Hape Kerkeling mit seinem 2006 erschienenen, skuril-nachdenklichen Buch „Ich bin dann mal weg – Meine Reise auf dem Jakobsweg“ ausgelöst. Es wurde mehr als drei Millionen Mal verkauft. Seitdem machen sich auch immer mehr Deutsche auf den Weg: Im vergangenen Jahr erhielten 15 746 Pilger aus Deutschland die begehrte Pilgerurkunde; 2007 waren es 13 837. Darunter befinden sich auch Prominente, wie etwa das Kölner Fussballidol Wolfgang Overath. Zu seiner Motivation sagte der Weltmeister von 1974 und derzeitige Präsident des 1. FC Köln: „Ich habe so viel Glück im Leben gehabt – ich habe immer auf der Sonnenseite gestanden. Und dafür musste ich etwas zurückgeben, etwas, wofür ich mich quälen muss.“ Grund genug also für die katholische Kirche in Deutschland, ein eigenes deutschsprachiges Seelsorgeangebot für Jakobspilger in Santiago anzubieten.

Seit Mai haben Freiwillige aus dem Bistum Rottenburg-Stuttgart am Zielort Gottesdienste, Einzel- und Gruppengespräche oder Kathedralen-Führungen für die Pilger organisiert. Die sollen nach dem strapazenreichen Weg nicht einfach in ein spirituelles Loch fallen. Auch in Deutschland werden unterdessen immer mehr Teile des mittelalterlichen Netzes von Pilgerwegen zum Grab des heiligen Jakobus wieder entdeckt und neu ausgeschildert.

Erst im Juli eröffnete eine Arbeitsgruppe der Europa-Universität Frankfurt (Oder) wieder entdeckte Streckenabschnitte zwischen Berlin und Frankfurt/Oder. Das Universitätsprojekt will die historischen Strecken des Jakobsweges in Teilen Brandenburgs, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Westpolen erforschen und wieder beleben. Zumindest den Boom auf dem spanischen Teil des Weges sehen manche erfahrenen Jakobus-Pilger mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die seit Jahren wachsende Anziehungskraft des „Camino“ könnte den Charakter der Pilgerfahrt ändern, fürchten sie. „Wenn sich die Leute nur auf den Weg machten, weil es Mode und 'in' ist, wäre das sehr problematisch“, warnte beispielsweise der langjährige Sekretär der Deutschen Jakobus-Gesellschaft, Heinrich Bahnen.

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