Cluny an der Elbe

Leuchtturm in der Diaspora des Nordens: Ein Besuch im sanierten „Kleinen Michel“ in Hamburg. Von Claudia Kock
Foto: KNA | Grundgedanke für diesen Kirchenbau war einst die Erneuerung Europas im Geist des Christentums.
Foto: KNA | Grundgedanke für diesen Kirchenbau war einst die Erneuerung Europas im Geist des Christentums.

Hamburg (DT) „Die Kirche liegt nicht auf der Sandbank der Zerstörung, sondern auf der Werft der Erneuerung“: Mit diesem Satz von Kardinal Döpfner kommentierte der Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen, in seiner Predigt zur Wiedereinweihung der Kirche „Sankt Ansgar und Sankt Bernhard zu Hamburg-Neustadt“ das Ergebnis der kürzlich abgeschlossenen Sanierungsarbeiten dieser Kirche, die traditionell der „Kleine Michel“ genannt wird.

Die neu sanierte Kirche bietet einen erhebenden Anblick: ein einschiffiger, neoklassizistischer Bau von schlichter Eleganz, mit hohem, flach kassettiertem Tonnengewölbe und zartgelben Wänden mit gelb-weißen Fensterrosen. Der Blick richtet sich unwillkürlich nach vorn, wo über dem Altarblock aus grauem Granit ein barockes Kruzifix hängt. Linker Hand im Kirchenschiff das erhöhte Tabernakel mit einer großen silbernen Ewig-Licht-Ampel aus dem 18. Jahrhundert. Im Kirchenschiff zwei frisch restaurierte Holzstatuen der Muttergottes und des heiligen Ansgar aus dem 19. Jahrhundert und über den Weihwasserbecken beim Eingang zwei Ikonen: das Herz Jesu und die Gottesmutter von der Immerwährenden Hilfe.

Als der französische Architekt Jean-François Moreux 1955 diesen in Nordeuropa einzigartigen Kirchenbau vollendete, hatte er in ihm eine Raumkonzeption verwirklicht, die typisch ist für Kirchen im Burgund des 12. Jahrhunderts: Eine klare Saalkirche, die sich im Osten mit einem weiten Bogen zu einer Apsis öffnet, der aber von zwei kleineren Bögen oder Durchgängen flankiert ist. Die Inspiration dazu mag ihm von den Ausgrabungen der Fundamente der mittelalterlichen Klosterkirche in Cluny gekommen sein, die kurz zuvor durchgeführt worden waren. Alles weist darauf hin, dass der Grundgedanke für den ungewöhnlichen Hamburger Kirchenbau die Erneuerung Europas war, im Geist des Christentums, wie er im benediktinischen Mönchtum des Hochmittelalters zum Ausdruck kam: in Cluny ebenso wie später bei Bernhard von Clairvaux, der seit 1955 neben dem heiligen Ansgar, dem „Missionar des Nordens“, Co-Patron dieser Kirche ist.

Um diese architektonische Botschaft wieder klar zu vermitteln, wurden Umbauarbeiten rückgängig gemacht, durch die der „Kleine Michel“ 1978 als provisorische Bischofskirche umgestaltet wurde, für die Aufenthalte in der Hansestadt des in Osnabrück residierenden Bischofs. Als Hamburg 1995 wieder katholisches Erzbistum wurde und eine eigene Kathedralkirche bekam, wurde der Bischofssitz im Kleinen Michel überflüssig. Bei derselben Gelegenheit wurden auch andere bauliche und dekorative Elemente entfernt, die in den Jahren nach dem Konzil Einzug gehalten hatten.

„Typisch 70er Jahre“, sagt Pater Martin Löwenstein, Pfarrer am Kleinen Michel. „Die hatten Angst vor weiten Räumen und haben es eng und klein gemacht“. Der Jesuit beschreibt sehr anschaulich den Zustand vor der Sanierung: „Es war durch dunklere Farben alles eng geworden, es war vollgestellt“. „Gemütlich verschlampt“ sei es gewesen, „wie ein Wohnzimmer bei älteren Leuten“. Man habe „optisch die Decke abgehängt, eine Zwischendecke eingezogen, mit massiven Lampen“. Nach den Umbauarbeiten habe ihn jemand gefragt, wie man es geschafft habe, die Decke anzuheben: „Von außen sieht man gar nichts.“ Dabei sei natürlich die Decke nicht angehoben, sondern nur die Zwischendecke entfernt worden. Ziel der Sanierung sei es gewesen, eine Kirche wiederherzustellen, „die nicht vollgestellt ist, sondern selbstbewusst, die eine Architektur- und Kunstsprache hat, die sakral ist und sich als katholische Kirche darstellt“. Es sollte „keine dieser Mehrzweckkirchen wie in den 70er Jahren“ werden, sondern „eindeutig eine sakrale Kirche“, die sich aber „der Stadt anbieten kann zum Dialog mit dem, was die katholische Kirche darstellt“.

Knapp ein Jahr dauerte die Sanierung, unter dem strengen Blick Kaiser Karls des Großen, dessen Bronzestatue auf dem Vorplatz der Kirche steht. Er gründete um 810 nicht weit von hier die Hammaburg, von wo aus Ansgar, Benediktinermönch des Klosters Corbie, die ersten Schritte zur Missionierung des Nordens machte. Dieser wurde von Papst Gregor IV. zum ersten Erzbischof von Hamburg ernannt, stellte die Stadt unter den Schutz der Gottesmutter und ließ einen hölzernen Mariendom errichten, der später von den Wikingern zerstört und dann durch eine Steinkirche ersetzt wurde, die bis 1805 stand. Der ehemalige Mariendom ziert bis heute das Hamburger Staatswappen, mit dem Kreuz auf der Kuppel und zwei Sternen: die Symbole der Jungfräulichkeit und der Mutterschaft Mariens.

Um die Marienfrömmigkeit der Hamburger war es jedoch eher schlecht bestellt, denn schon 1529 führte Johannes Bugenhagen, ein Weggefährte Martin Luthers, eine evangelische Kirchenverfassung ein; ab 1529 war jede öffentliche katholische Messe in Hamburg untersagt.

Das war für die Hafen- und Handelsstadt Hamburg ein Problem, denn nicht nur gab es Hamburger Familien, die sich der Reformation nicht angeschlossen hatten, sondern es kamen auch Kaufleute und Seefahrer aus katholischen Ländern. Gelöst wurde es vom dänischen König Friedrich III., dessen Herrschaftsgebiet sich bis an die Stadtgrenze Hamburgs erstreckte. Er gewährte dem hafennahen Grenzgebiet Altona – es wurde erst 1937 in Hamburg eingemeindet – die Glaubensfreiheit und gestattete den Bau einer katholischen Kirche. So entstand 1660 direkt an der Stadtgrenze die katholische Kirche „St. Joseph“ an der „Großen Freiheit“, heute eine Seitenstraße der Reeperbahn mitten im Rotlichtviertel. Dass die „Große Freiheit“ ursprünglich die Religionsfreiheit war, ist aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Um dieselbe Zeit wurde der „Große Michel“ erbaut, die evangelische Hauptkirche St. Michaelis. Ihr Vorgängerbau, ursprünglich eine dem Erzengel Michael geweihte Friedhofskirche, wurde zum „Kleinen Michel“.

200 Jahre lang fanden katholischen Messen in Hamburg auch in der Privatkapelle des kaiserlichen Botschafters statt, „als kleiner Stachel im lutherischen Fleisch der Stadt“, so Pater Löwenstein. Als die Kapelle 1719 vergrößert werden sollte, stürmten Jugendliche nach einer flammenden Predigt im Großen Michel die Botschaft und machten die Kapelle dem Erdboden gleich. „Das war die Stimmung von 1719“, sagt Pater Löwenstein und fügt schmunzelnd hinzu: „Mit dem Hauptpastor am Großen Michel bin ich derzeit am überlegen, wie wir wohl 2019 das Jubiläum gestalten sollen…“ Ein Relikt aus der kaiserlichen Botschaft ist die silberne Ewig-Licht-Ampel, die jetzt vor dem Tabernakel im Kleinen Michel hängt. Die „Franzosenzeit“ brachte die Wende für Hamburgs Katholiken. 1807 wurde die Stadt von napoleonischen Truppen besetzt und der „Kleine Michel“ für katholische Gottesdienste beschlagnahmt. Vier Jahre später wurde er offiziell umbenannt in „St. Ansgar“ und als katholische Kirche geweiht. 1824 verkaufte die Hamburger Bürgerschaft die Kirche dann an die katholische Gemeinde, die damit nach 300 Jahren wieder die erste Kirche auf Hamburger Boden besaß.

Wie der größte Teil der Stadt wurde auch der Kleine Michel im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört. 1947 wurde in Hamburg im Zeichen der Völkerverständigung die Gesellschaft CLUNY gegründet, die erste deutsch-französische Vereinigung nach 1945. Der Name sollte an das Benediktinerkloster in Burgund erinnern, dessen Äbte vom 10. bis zum 12. Jahrhundert der Förderung des Friedens sowie der Pflege des Geistes und der Kunst kraftvolle Impulse verliehen, die sich in ganz Europa auswirkten. In diesem Geist wurde auch der Kleine Michel mit Hilfe „deutscher und französischer Katholiken“, wie es auf der Gedenktafel an der Kirche heißt, wieder aufgebaut. „Die Frage ist jedoch“, so Pater Löwenstein“, „woher kam letztlich das Geld?“ Die Formulierung „suggeriere irgendwie, da hätten französische Omas centimes gespendet“. Das sei natürlich Unsinn. Auch französische Staatsgelder könnten nicht geflossen sein, da diese aufgrund des Prinzips der Laizität nicht für kirchliche Zwecke verwendet werden durften. Möglich wäre, aber dies müsse noch genauer untersucht werden, dass Besatzungsgelder, die nach dem Krieg gezahlt werden mussten, in den Kirchenbau eingeflossen seien. Tatsache sei, dass André Francois-Poncet, der damalige Hohe Kommissar Frankreichs in der Bundesrepublik, sich 1955 einen detaillierten Bericht geben ließ über die Einweihungsfeierlichkeiten des Kleinen Michel. „Das heißt, er wusste davon und interessierte sich dafür. Auf jeden Fall war er involviert.“ Dies sei „ein total spannendes Thema“, so Pater Löwenstein, vielleicht fände sich ja „unter den Lesern der Tagespost ein angehender Historiker, der darüber seine Magisterarbeit schreiben wolle?“

Der Bezug auf Bernhard von Clairvaux und auf Cluny, auf die Erneuerung Europas durch das benediktinische Mönchtum, mache jedoch deutlich, so Pater Löwenstein, dass der „Kleine Michel“ ein Zeichen sein sollte für den Neuaufbruch Europas nach dem Zweiten Weltkrieg im Geist des Christentums, „und das passt genau zu dem, was Leute wie De Gaulle und Adenauer wollten – laicité hin oder her“.

Dass die Erneuerung bei jedem einzelnen Menschen beginnt, darauf verweist das kleine Beichtzimmer gleich neben dem Eingang im Innern der sanierten Kirche. Das einzige Zugeständnis an den Umbau der 70er Jahre ist die im Gegensatz zu 1955 vorgezogene Stellung des Altars, der aus grauem Granit neu hergestellt wurde. In ihm wird die Armreliquie des heiligen Ansgar aufbewahrt, „der Arm, mit dem Ansgar taufte“, der Ursprung der Kirche in Hamburg. Mit dem „neuen“ Kleinen Michel hat Hamburg einen Sakralbau zurückgewonnen, der würdevoll alle einlädt zum Dialog über das Wesen der Kirche, wie der Satz aus dem Epheserbrief über dem Hauptportal mahnt: „Servate unitatem spiritus in vinculo pacis“ – „Bewahrt die Einheit des Geistes in den Banden des Friedens!“

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