Christliches Leben und Zeugnis im Orient

Die am Sonntag in Rom beginnende Nahost-Synode nimmt die höchst unterschiedliche Lage der Christen in den Ländern der Bibel in den Blick Von Stephan Baier

Wer von den Christen im Nahen Osten spricht, gerät immer in die Gefahr falscher Vereinheitlichungen und Simplifizierungen. Einerseits nämlich ist der „Nahe Osten“ ein Sammelbegriff für arabisch, türkisch, iranisch oder jüdisch dominierte Gesellschaften, für säkulare wie religiöse Systeme. Andererseits sind „die Christen“ alles andere als eine Einheit, sondern zergliedert in unterschiedliche liturgische, rechtliche und doktrinelle Traditionen.

Selbst die arabischen Christen sind zwar geeint durch ihre Sprache, aber getrennt in Konfessionen und Riten. In der Liturgie bieten sie einen breiten Fächer aus griechischer, syrischer, koptischer, armenischer und lateinischer Tradition, eine Vielfalt, die die „Lineamenta“ der am Sonntag beginnenden Nahost-Synode ausdrücklich als „wunderbaren Reichtum und Ergänzung“ würdigten. Gleichwohl übersahen auch die Autoren der Vorbereitungspapiere der Synode nicht die tragische Neigung zum Konfessionalismus, zur Selbstisolierung und schließlich zum Rückzug in ein geistiges und soziales Getto: Der „Geist der Rivalität zerstört uns“.

Insgesamt gilt in den Ländern des Nahen Ostens Religionsfreiheit vor allem als Kultusfreiheit, also als rituelle, liturgische und auch ethische Ausübung des Glaubens, in den man hineingeboren ist, nicht aber als missionarisch-werbende Bekenntnisfreiheit oder als Gewissensfreiheit, was den Glaubenswechsel einschließen würde. Dennoch ist die praktische wie die rechtliche Lage in den höchst unterschiedlichen Ländern des Orient sehr verschieden.

Die Schwächsten der Schwachen im Irak

Besonders dramatisch ist die Lage der Christen in Mesopotamien. Alle Iraker seien zu Opfern des Krieges geworden, betonen die Lineamenta, doch hätten es die Christen des Landes als „kleinste und schwächste unter den Gemeinschaften“ besonders schwer. Im kurdisch regierten Norden können sich die Christen trotz vieler Probleme noch halten, doch im schiitischen Süden, der ursprünglichen Heimat Abrahams, sind sie seit dem Einmarsch der Amerikaner 2003 fast völlig verschwunden. Insgesamt leben heute weniger als 350 000 Christen, mehrheitlich mit Rom unierte Chaldäer, unter 29 Millionen Menschen im Irak. Sie sind ständig bedroht von Terror, Entführungen und Erpressungen.

Die Christen würden unter starken Druck gesetzt, zum Islam zu konvertieren, berichtet der katholische Erzbischof von Bagdad, Jean Benjamin Sleiman: „Häufig werden sie an der Universität, in der Schule und auf ihrem Arbeitsplatz von einem Kameraden, einem Proselytenmacher, provoziert, der sie vor dem Feuer der Hölle warnt. Genau wie die alte, so schreibt auch die neue irakische Verfassung vor, dass Kinder, von denen ein Elternteil Muslim ist, Muslime sind.“ Der vom Westen begonnene Krieg habe die arabischen Christen „zwar die ihnen von Muslimen entgegengebrachten Sympathien gekostet, ihnen aber im Gegenzug keinerlei neue Unterstützung“ gebracht, so der Erzbischof.

Unter den Augen von US-Präsident George W. Bush und der von den USA geführten Besatzungstruppen wurde in der Verfassung von 2005 festgeschrieben: „Kein Gesetz kann verabschiedet werden, das mit dem islamischen Recht in Konflikt steht.“ (Artikel 2,1). Jene Christen, die aus dem Land an Euphrat und Tigris geflohen sind, die Mehrzahl nach Syrien und Jordanien, werden wohl kaum jemals zurückkehren.

Bewegungsfreiheit im diktatorischen Syrien

In Syrien kommt den rund neun Prozent der Bevölkerung stellenden Christen der säkulare Charakter des Staates sehr zugute. Einer der Gründer der diktatorisch herrschenden Baath-Partei war der Christ Michel Aflaq. Präsident Bashar al-Assad gehört der islamischen Minderheit der Alawiten (12 Prozent) an, weshalb islamistische Strömungen in der sunnitischen Mehrheit seit der Machtübernahme seines Vaters Hafiz 1970 mit harter Hand niedergehalten werden. Militär und Geheimdienste sichern die Säkularität des Staates.

Die Verfassung garantiert die Freiheit des Glaubens und der Religionsausübung ausdrücklich. In Syrien gibt es islamischen wie christlichen Religionsunterricht in den Schulen. Der Staat stellt den Grund für den Bau von Moscheen und Kirchen zur Verfügung. Christen werden in der Schule, an der Universität oder beim Militär nicht benachteiligt. Es gibt Christen in der Regierung und in hohen Positionen der Baath-Partei. Von religiöser Diskriminierung kann man im Erb- und Eherecht sprechen: So muss ein Christ, der eine Muslimin heiraten möchte, zum Islam übertreten, während ein Muslim eine Christin problemlos heiraten kann.

Knapp die Hälfte der rund 1,6 Millionen Christen bekennt sich zur griechisch-orthodoxen Kirche des Patriarchats von Antiochia, jeweils rund 15 Prozent zur armenisch-apostolischen, zur melkitischen (griechisch-katholischen) und zur syrisch-orthodoxen Kirche. Kleinere Minderheiten bilden die Syrisch-Katholischen, die Armenisch-Katholischen, die Chaldäer und die Maroniten. Elf christliche Konfessionen mit neun Bischöfen residieren etwa in Aleppo. In Syrien findet man prächtige Kirchen, traditionsreiche Klöster und Einsiedeleien, selbstbewusste Bischöfe, Mönche und Nonnen. Viele Muslime – selbst Pilger aus dem nicht unmittelbar benachbarten Iran – besuchen den christlichen Wallfahrtsort Maalula, um dort das „Vater unser“ in der Muttersprache Jesu zu hören, und das Marienheiligtum Sednaya. An den Feierlichkeiten zum Abschluss des von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen Paulus-Jahres nahmen in Damaskus auch hohe Vertreter der Regierung und der Großmufti Syriens, Scheich Hassoun, teil.

Christlich-muslimischer Proporz im Libanon

Bis zu dem von 1975 bis 1992 tobenden Bürgerkrieg war der Libanon das einzige arabische Land mit christlicher Mehrheit. Heute stellen die überwiegend maronitischen Christen noch rund 36 Prozent der Einwohner. Ihre durch die Proporzverfassung gesicherten Rechte nehmen sie wahr: Der Staatspräsident muss stets maronitischer Christ sein, wie der Regierungschef Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit ist. Die Mandate der Nationalversammlung sind paritätisch auf Christen und Muslime verteilt.

Nicht nur die Maroniten, sondern auch griechisch-orthodoxe, melkitische (griechisch-katholische), armenisch-apostolische und syrisch-orthodoxe Christen sowie die Katholiken des armenischen, chaldäischen und lateinischen Ritus unterhalten im Libanon zahlreiche Schulen und caritative Einrichtungen. Paul Karam, der Direktor der Päpstlichen Missionswerke im Libanon, erklärt: „Die verschiedenen katholischen, orthodoxen und protestantischen Gemeinschaften sind autonom in Legislative, in Rechtsprechung und Verwaltung, nicht nur was die Ausübung der Religion betrifft, sondern auch zivilrechtlich bei der Eheschließung und in Familienangelegenheiten.“ Die Verfassung des Landes der Zedern respektiere „Gott und alle Religionen und garantiert freie Rechtsprechung, Kult, Heirat und Familienangelegenheiten betreffend“.

Der Patriarch der Maroniten, Kardinal Nasrallah Sfeir, ist die unbestrittene moralische Autorität für die Christen im Land der Zedern. Sfeir kämpft für politische Gerechtigkeit: Früher trat er lautstark für den Abzug der Syrer aus dem Libanon ein, 2006 verurteilte er die Angriffe Israels ebenso wie die Terroranschläge der schiitischen Hisbollah. Das Hauptproblem der christlichen Kirchen ist die anhaltende Abwanderung der gebildeten Christen. Das zentrale Problem des Landes ist, dass es seit Jahrzehnten von anderen Staaten, insbesondere von Israel, Syrien und dem Iran zum Schauplatz und Spielball ihrer Interessen und Konflikte gemacht wird.

Jordanische Tradition der Religionsfreiheit

In Jordanien, wo sich König Abdullah II. ebenso wie vor ihm sein Vater für den Dialog der monotheistischen Religionen interessiert und für ein friedliches Zusammenleben aller Bürger engagiert, leben 210 000 Christen unter 5,7 Millionen Einwohnern. Obwohl der Islam im hashemitischen Königreich Staatsreligion ist (Artikel 2 der Verfassung), ist jede Diskriminierung aus religiösen Gründen verboten (Artikel 6), sind die Christen im Parlament vertreten und genießen Kultusfreiheit (Artikel 14). 48 Prozent der Christen sind griechisch-orthodox, 32 Prozent sind Katholiken des lateinischen Ritus, die zum Lateinischen Patriarchat von Jerusalem gehören, und 16 Prozent sind melkitische Katholiken. Muslimen ist der Religionswechsel verboten.

Jordanien sei ein friedliches Land, das die Rechte der Christen respektiert, meint Pater Rifat Bader vom Lateinischen Patriarchat von Jerusalem. Papst Johannes Paul II. bescheinigte dem König von Jordanien bei seinem Besuch in Amman im Jahr 2000 ausdrücklich: „Eure edle Tradition der Achtung aller Religionen gewährleistet die Religionsfreiheit.“ Und unmittelbar vor dem Besuch Benedikts XVI. im Vorjahr meinte König Abdullah II. in einem Interview mit dieser Zeitung: „Wir sind stolz auf unsere christlichen Mitbürger und auf den Beitrag, den sie für ihr Land leisten. Wir sind auch stolz auf das Erbe der Toleranz und des Zusammenlebens in unserem Land.“

Leidtragende des israelisch- palästinensischen Konflikts

Die Lineamenta der Synode schildern, wie „die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete“ den Christen das alltägliche Leben schwer machen, auch den Zugang zu den Heiligen Stätten. Dazu kommt der alle Christen schwächende Streit unter den Riten, der bereits in Osmanischer Zeit dazu führte, dass der Sultan 1852 die Schlüssel der Grabeskirche in Jerusalem zwei muslimischen Familien anvertraute, damit der Zugang der christlichen Konfessionen friedlich geregelt sei. In Israel und Palästina leben laut dem melkitischen Erzbischof Elias Chacour heute maximal 140 000 Christen, von denen mehr als die Hälfte griechisch-katholische Melkiten seien, etwa 45 000 griechisch-orthodox, 11 000 katholisch und 3 000 armenische Christen.

Die arabischen Christen teilen in Israel die Diskriminierungen ihrer muslimischen Landsleute. Sie werden als kleine und schwache Gruppe mehrfach zu Leidtragenden des israelisch-palästinensischen Konfliktes: in Israel ebenso wie in der Westbank und im Gazastreifen.

Ägyptens Kopten harren aus in Leid und Bedrängnis

In Ägypten, aus dem Mose die Israeliten einst herausführte, und das der Heiligen Familie Zuflucht vor Herodes bot, hat das Christentum tiefe Wurzeln. Heute sind knapp zwölf Prozent der 70 Millionen Einwohner Ägyptens Christen, die allermeisten (95 Prozent) von ihnen Kopten. Obgleich die koptischen Christen immer wieder Wellen der Verfolgung, Diskriminierung und Unterdrückung erleben mussten, sind ihre strengen Klöster auch heute überfüllt. Sie können gar nicht alle Bewerber um das Noviziat aufnehmen. Papst Johannes Paul II. würdigte dieses fromme Ausharren: „Auf diesem Boden Ägyptens wurde die Botschaft des neuen Bundes von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben durch die ehrwürdige koptische Kirche, Erbin der Verkündigung und des apostolischen Wirkens des Evangelisten Markus, der nach der Tradition das Martyrium in Alexandrien erlitt.“

Ägypten ist ebenso wie Syrien ein Beispiel dafür, dass ein autokratisches Regime für christliche Minderheiten sogar das geringere Übel sein kann: Völlig freie Wahlen auf der Basis gleicher Chancen würden der Muslimbruderschaft eine Machtfülle in die Hand spielen, die für die christliche Minderheit nicht ungefährlich wäre.

Auch heute ist in Ägypten der Islam offizielle Staatsreligion und „die Hauptgrundlage der Rechtsprechung ist das Islamische Recht“ (Artikel 2 der Verfassung). Gleichzeitig heißt es in Artikel 40: „Alle Bürger sind vor dem Gesetz gleich. Sie haben dieselben bürgerlichen Rechte und Pflichten, ohne Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, ihrer Volkszugehörigkeit, ihrer Sprache oder Religion oder ihres Glaubens.“ Der Staat garantiert laut Artikel 46 „die Glaubensfreiheit und die freie Ausübung des Glaubens“. Tatsächlich jedoch besagt die Religionsfreiheit nur Kultusfreiheit. Es gibt vielfältige gesellschaftliche Diskriminierungen und immer wieder gewaltsame Übergriffe gegen koptische Kirchen und Klöster. Staatspräsident Mubarak berief zwar auch Kopten ins Parlament, doch sind die Christen im öffentlichen Dienst und in führenden politischen oder militärischen Ämtern deutlich unterrepräsentiert.

Kleinasiens Christentum droht zu erlöschen

Erst seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs sind die Christen in der Türkei zur verschwindenden Minderheit geschrumpft. Die etwa 90 000 Christen sind bei 75 Millionen Einwohnern im Alltag nahezu unter der Wahrnehmungsschwelle. 65 Prozent der Christen gehören der Armenisch-Apostolischen Kirche an, bilden also auch eine nationale Minderheit.

Der Staat des Kemal Atatürk ist streng laizistisch, die Mehrheitsreligion – der sunnitische Islam – wird vom Staat verwaltet und gelenkt. Für das traditionsreiche Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, das sich auf den Apostel Andreas gründet und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs das Zentrum der meisten Christen im Nahen Osten war, geht es heute ums Überleben.

Christen im Iran der Ayatollahs

Der Iran ist seit der Revolution des Ayatollah Khomeini ein streng islamischer Staat, in dem allerdings drei religiöse Minderheiten in der Verfassung (Artikel 13) anerkannt sind und als Bürger zweiter Klasse behandelt werden: Christen, Juden und Zoroastrier. Alle anderen Minderheiten sind schärferen Verfolgungen ausgesetzt, nicht nur die Bahai und Buddhisten, sondern auch sunnitische Muslime. Nach offiziellen Angaben leben rund 79 000 Christen im Iran. Experten schätzen aber bis zu 250 000 Christen, wovon die große Mehrheit Armenier seien. Die Katholiken haben Kirchen, um ihren Gottesdienst zu feiern. Jede Missionstätigkeit ist streng untersagt.

Die Kirchen im Nahen Osten haben apostolische Wurzeln und wollen als Teil ihrer jeweiligen Gesellschaften und ihrer Kultur verstanden und akzeptiert werden. Die alteingesessenen Kirchen mit ihren in vorislamische Zeiten zurückreichenden Traditionen haben deshalb Probleme mit evangelikalen Gruppen, die „die Heilige Schrift benutzen, um Israels Besetzung von Palästina zu rechtfertigen, und damit die Lage der christlichen Araber noch schwieriger machen“, wie die Lineamenta der Synode formulieren, und mit ausländischen Missionaren, die im Irak im Schlepptau der amerikanischen Besatzer kamen und wieder gehen, aber gerade dadurch das Vorurteil vieler Muslime gegen das „westliche“ Christentum zu bestätigen schienen. Die Vorbereitungsdokumente der Synode bekräftigen deshalb, dass die Kirchen im Orient sich zum Nahen Osten gehörig fühlen und Solidarität mit dieser Region leben.

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