„Christliche Milizen einzurichten wäre Selbstmord“

Deutsche Bischöfe für begrenzten Einsatz von Gewalt gegen IS – Erzbischof Emil Shimoun Nona von Mossul berichtet über die Situation der christlich-irakischen Flüchtlinge in Kurdistan – Sonderkollekte für Irak im Oktober. Von Regina Einig
Foto: KNA | Erzbischof Emil Shimoun Nona dankte den deutschen Katholiken für ihre Unterstützung.
Foto: KNA | Erzbischof Emil Shimoun Nona dankte den deutschen Katholiken für ihre Unterstützung.

Fulda (DT) Die deutschen Bischöfe haben bei ihrer Vollversammlung in Fulda unterstrichen, dass sie die Bekämpfung der IS-Milizen für dringend geboten halten. Mit Blick auf den Terror im Nahen Osten sprachen sie sich für den begrenzten Einsatz von Gewalt aus. „Wir möchten, dass den Angreifern die Waffen aus der Hand geschlagen werden, damit sie nicht noch mehr Unheil anrichten“, unterstrich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der zugleich Vorsitzender der Kommission Weltkirche ist am Dienstag vor Journalisten. Erzbischof Schick ermutigte auch zum Gebet, das eine wichtige Hilfe sei und zum Frieden beitrage.

Der chaldäisch-katholische Erzbischof Emil Shimoun Nona sprach sich erneut für Waffenlieferungen an die irakische Armee und an das kurdische Militär aus. Ziel sei, die IS-Kämpfer zu stoppen und aus dem Irak zu vertreiben. Das sei nicht möglich, solange die irakischen Einheiten nicht mit Waffen ausgerüstet seien. Seine Kirche sei „für eine begrenzte militärische Aktion“ und die Einrichtung einer Schutzzone durch die internationale Weltgemeinschaft, in der Minderheiten Zuflucht finden sollten. Luftschläge allein würden das Problem nicht lösen.

Ausdrücklich wandte sich der Erzbischof gegen Medienberichte, denen zufolge irakische Kirchenführer die Luftangriffe gegen die IS-Truppen ablehnten. Die Kritik richte sich nur dagegen, dass die Luftschläge allein nicht ausreichten und dass sie international legitimiert sein sollten.

Skeptisch äußerte sich Erzbischof Shimoun Nona über Forderungen, die christliche Minderheit solle sich selbst bewaffnen und nach libanesischem Vorbild Selbstverteidigungskomitees gründen. Bisher sei weder der irakischen Armee noch dem kurdischen Militär ein konkreter Sieg gegen die IS-Kämpfer gelungen. „Wenn es weder der irakischen Armee noch dem kurdischen Militär gelingt, etwas gegen IS auszurichten – wie kann es einigen jungen Leuten gelingen?“, fragte der Erzbischof. Die IS-Milizen seien mit hochmodernen Waffen ausgerüstet. Aus Angst vor ihnen hätten mehr als 50 000 irakische Soldaten die Stadt Mossul binnen einer Stunde verlassen. Der Erzbischof forderte eine realistische Sicht auf die Lage der Iraker. Die aktuelle Situation sei nicht mit der im libanesischen Bürgerkrieg vergleichbar. Im Libanon seien die Parteien etwa gleich ausgerüstet gewesen. Nun kämpften Armeen und nicht Milizen gegeneinander. Man motiviere junge Christen, sich der regulären Armee anzuschließen. „Christliche Milizen einzurichten wäre Selbstmord.“ Es gebe zwar christliche Stimmen, die die Bewaffnung der Christen forderten. Wenn Christen Waffen in die Hand nähmen, dann sollten sie kirchliche Einrichtungen schützen, unterstrich Erzbischof Shimoun Nona.

Gleichzeitig befürwortete der Erzbischof politische Lösungen. „Viele Christen wollen im Irak bleiben.“ Wenn ein Zusammenleben von Christen und Muslimen im Irak wieder gelingen soll, brauche die Bevölkerung einen starken Staat. Er gehe auch davon aus, dass die geflohenen Christen in ihre Dörfer zurückkehren würden, wenn der Terror dort ende und sie in ihrer Heimat für sich eine Lebensperspektive sähen. Seit 2003 habe sich die Lage für Christen im Irak dramatisch verschlechtert. Es gäbe noch einzelne Regionen, in denen Christen bisher in Frieden leben konnten, unter anderem in der Provinz Kurdistan.

Unter den Flüchtlingen sind zahlreiche Kinder

120 000 Christen haben nach Angaben des chaldäisch-katholischen Erzbischofs seit dem 9. Juni Mossul und die Gegend um Ninive verlassen. In den von der IS kontrollierten Regionen seien vorwiegend ältere Menschen geblieben, die nicht mehr fliehen konnten oder nicht rechtzeitig informiert worden seien und auf diese Weise die Gelegenheit zur Flucht verpasst hätten. Unter den Flüchtlingen seien zahlreiche Kinder; man gehe bei den christlichen irakischen Familien von einer durchschnittlichen Kinderzahl von drei aus, in den ländlichen Gegenden seien die Familien kinderreicher. Die Christen seien in die Kirchen der Städte und Dörfer im kurdisch verwalteten Nordirak geflüchtet. Dort seien heute alle Gotteshäuser, aber auch Hallen, Parks, Schulen und Rohbauten überfüllt. Viele hätten lediglich mitnehmen können, was sie auf dem Leibe trugen.

Erzbischof Schick unterstrich: „Das Nahrungsmittelproblem ist nach wie vor da.“ Die Flüchtlinge würden ehrenamtlich von Ärzten betreut, es fehle an medizinischem Gerät und an Medikamenten. Viele Flüchtlinge seien vorübergehend in staatlichen Schulen untergekommen, die nach dem Ende der Sommerferien geräumt werden müssten. Sowohl die Unterbringung in winterfesten Quartieren als auch die medizinische Versorgung seien dringend notwendig. „Wir müssen alles tun, damit eine Verschärfung der Notlage verhindert wird“, unterstrich Erzbischof Schick. Mit einer Sonderkollekte für den Irak am 11. und 12. Oktober wollen die deutschen Bischöfe dazu beitragen.

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