„Aus Liebe zu Christus Brüderlichkeit schaffen“

Bei der Begegnung mit Jugendlichen im Diözesan-Jugendzentrum „Johannes Paul II.“ lobt der Papst das Wirken katholischer Schulen – 6. Juni 2015

Liebe junge Freunde,

diese Begegnung mit euch Jugendlichen aus Bosnien und Herzegowina und den Nachbarländern habe ich sehr ersehnt. An jeden Einzelnen richte ich einen herzlichen Gruß. Da ich mich hier in diesem „Zentrum“ befinde, das den Namen des heiligen Johannes Paul II. trägt, kann ich nicht außer Acht lassen, was er für die jungen Menschen getan hat, indem er sie in allen Teilen der Welt aufgesucht und ermutigt hat. Seiner Fürsprache vertraue ich jeden von euch wie auch alle Initiativen an, welche die katholische Kirche in eurem Land ergriffen hat, um ihre Nähe und ihr Vertrauen in die Jugendlichen zu bezeugen. Ich kenne die Zweifel und die Hoffnungen, die ihr im Herzen tragt. Euer Bischof Marko Semren und eure Vertreter Darko und Nadežda haben davon gesprochen.

Besonders teile ich mit euch die Hoffnung, dass den jungen Generationen reale Aussichten auf eine würdige Zukunft im Land zugesichert werden und so das traurige Phänomen der Auswanderung vermieden wird. In diesem Zusammenhang sind die Institutionen aufgerufen, zweckmäßige und mutige Strategien in die Tat umzusetzen, um die Jugendlichen in der Verwirklichung ihrer legitimen Bestrebungen zu begünstigen; auf diese Weise werden sie imstande sein, tatkräftig zum Aufbau und zum Wachstum des Landes beizutragen. Die Kirche kann ihrerseits mit geeigneten Pastoralprojekten, die auf die Gewissensbildung der Jugend im zivilen wie moralischen Bereich konzentriert sind, einen Beitrag leisten und so den jungen Menschen helfen, Vorreiter im gesellschaftlichen Leben zu sein. Dieser Einsatz der Kirche ist bereits im Gang, besonders durch das wertvolle Wirken der katholischen Schulen, die zu Recht nicht nur den katholischen Schülern offenstehen, sondern auch denen anderer christlicher Konfessionen und anderer Religionen. Dennoch muss die Kirche sich aufgerufen fühlen, immer noch mehr zu wagen, ausgehend vom Evangelium und angetrieben vom Heiligen Geist, der die Menschen, die Gesellschaft und die Kirche selbst verwandelt. Auch euch Jugendlichen fällt bei der Bewältigung der Herausforderungen dieser unserer Zeit eine entscheidende Aufgabe zu – Herausforderungen, die gewiss materieller Art sind, noch zuvor aber das Menschenbild betreffen. Gemeinsam mit den wirtschaftlichen Problemen, mit der Schwierigkeit, Arbeit zu finden, und der daraus folgenden Unsicherheit für die Zukunft ist nämlich die Krise der sittlichen Werte und der Verlust des Lebenssinns wahrzunehmen.

Angesichts dieser kritischen Situation könnte man der Versuchung erliegen zu entfliehen, sich zu entziehen, indem man sich in einer Haltung egoistischer Abschottung einschließt und Zuflucht nimmt zu Alkohol, zu Drogen und zu Ideologien, die Hass und Gewalt predigen. Das sind Wirklichkeiten, die mir wohlbekannt sind, denn es gibt sie leider auch in der Stadt Buenos Aires, aus der ich komme. Darum ermutige ich euch, euch nicht von den Schwierigkeiten deprimieren zu lassen, sondern furchtlos der Kraft zum Durchbruch zu verhelfen, die aus eurem Personsein und Christsein entspringt und aus der Tatsache, dass ihr Saatgut für eine gerechtere, brüderliche, einladende und friedliche Gesellschaft seid. Gemeinsam mit Christus seid ihr Jugendlichen die Kraft der Kirche und der Gesellschaft. Wenn ihr euch von ihm formen lasst, wenn ihr euch öffnet für das Zwiegespräch mit ihm im Gebet und durch die Lektüre und die Meditation des Evangeliums, dann werdet ihr Propheten und Zeugen der Hoffnung!

Zu dieser Aufgabe seid ihr berufen: die Hoffnung zu retten, zu der euch eure eigene Wirklichkeit als Menschen mit der Offenheit für das Leben drängt; die Hoffnung, die ihr habt, die gegenwärtige Situation zu überwinden und für die Zukunft ein soziales und menschliches Klima vorzubereiten, das würdiger ist als das augenblickliche; die Hoffnung, in einer Welt zu leben, die brüderlicher, die gerechter und friedlicher, die ehrlicher und mehr auf den Menschen zugeschnitten ist.

Ich wünsche euch, dass euch immer stärker bewusst wird, dass ihr Söhne und Töchter dieses Landes seid, das euch hervorgebracht hat und das darum bittet, geliebt zu werden und Hilfe zu erlangen, um sich wieder aufzubauen, um in spiritueller wie sozialer Hinsicht zu wachsen – auch dank dem unverzichtbaren Beitrag eurer Ideen und eures Wirkens. Um jede Spur von Pessimismus zu besiegen, braucht es den Mut, sich mit Freude und Hingabe ganz und gar in den Aufbau einer einladenden Gesellschaft einzubringen, die alle Verschiedenheiten respektiert und auf die Zivilisation der Liebe ausgerichtet ist. Für diesen Lebensstil habt ihr einen großen Zeugen ganz in eurer Nähe: den seligen Ivan Merz. Der heilige Johannes Paul II. hat ihn in Banja Luka seliggesprochen. Möge er immer euer Beschützer und euer Vorbild sein! Der christliche Glaube lehrt uns, dass wir zu einer ewigen Bestimmung berufen sind, dazu, Kinder Gottes und Brüder und Schwestern in Christus zu sein (vgl. 1 Joh 3, 1), und dazu, aus Liebe zu Christus Brüderlichkeit zu schaffen.

Ich freue mich über das Engagement im ökumenischen und interreligiösen Dialog, das ihr katholischen und orthodoxen Jugendlichen unter Einbeziehung auch der Welt der muslimischen Jugend eingegangen seid. In dieser wichtigen Tätigkeit spielt dieses „Jugendzentrum Johannes Paul II.“ eine bedeutsame Rolle mit Initiativen zum gegenseitigen Kennenlernen und zur Solidarität, um das friedliche Zusammenleben unter den verschiedenen ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten zu fördern. Ich ermutige euch, dieses Werk zuversichtlich fortzusetzen, indem ihr euch in den Gemeinschaftsprojekten einsetzt mit konkreten Gesten der Nähe und der Hilfe für die Ärmsten und die am meisten Bedürftigen. Liebe junge Freunde, eure freudige Gegenwart, euer Durst nach Wahrheit und hohen Idealen sind Zeichen der Hoffnung! Jugend bedeutet nicht Passivität, sondern hartnäckige Anstrengung, um bedeutende Ziele zu erreichen, selbst wenn es einen Preis fordert; sie bedeutet nicht, vor den Schwierigkeiten die Augen zu verschließen, sondern Kompromisse und Mittelmäßigkeit abzulehnen; sie bedeutet nicht Ausweichen oder Flucht, sondern Engagement der Solidarität mit allen, besonders mit den Schwächsten. Die Kirche zählt auf euch und möchte auf euch zählen, die ihr großherzig seid und fähig zum besten Aufschwung und zu den edelsten Opfern. Darum bitten euch eure Hirten – und ich mit ihnen –, euch nicht zu isolieren, sondern immer untereinander eins zu sein, um die Schönheit der Brüderlichkeit zu genießen und in eurem Handeln wirksamer zu sein.

Aus der Art, wie ihr einander liebt und euch engagiert, sollen alle ersehen können, dass ihr Christen seid: die jungen Christen von Bosnien und Herzegowina! Ohne Angst, ohne der Wirklichkeit zu entfliehen; offen für Christus und für die Brüder und Schwestern. Ihr seid ein lebendiger Teil des großen Volkes, das die Kirche ist: eines universalen Volkes, in dem alle Nationen und Kulturen den Segen Gottes empfangen und den Weg zum Frieden finden können. In diesem Volk ist jeder von euch berufen, Christus nachzufolgen und das Leben für die Mitmenschen hinzugeben, auf dem Weg, den der Herr euch zeigen wird, besser noch, den er euch zeigt! Bereits heute, jetzt ruft euch der Herr: Wollt ihr ihm antworten? Habt keine Angst; wir sind nicht allein! Wir sind immer in Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater, mit Jesus, unserem Bruder und Herrn, mit dem Heiligen Geist und haben die Kirche und Maria zur Mutter. Die Muttergottes schütze euch und schenke euch immer die Freude und den Mut, das Evangelium zu bezeugen.

Ich segne euch alle und bitte euch: Betet bitte für mich!

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