Aus den Zeitschriften

„In Aschau war ich natürlich täglich in der Schulmesse und der Lehrer – der ein großer Nazi war – hat eines Tages dem Pfarrer mitgeteilt, dass er an den Werktagen nicht mehr Orgel spielen könne, weil er in der Schule sein müsse. Daraufhin hat der Pfarrer ein Harmonium gekauft und zu mir gesagt: ,Jetzt spielst du die Singmesse!‘ – ich hatte zu Hause bereits Harmoniumunterricht, spielte dann als Neun- oder Zehnjähriger die Schulmesse.“ Diese Erinnerungen an seine Anfänge als Kirchenmusiker teilt Prälat Georg Ratzinger, ehemaliger Regensburger Domkapellmeister, in einem Gespräch in der Verbandszeitschrift des „Allgemeinen Cäcilienverbands für Deutschland“ Musica Sacra (5/2008 Bärenreiterverlag Kassel) mit. Über das Interview mit Prälat Ratzinger hinaus ist das Sonderheft der Kirchenmusik-Zeitschrift lesenswert wegen der vier darin abgedruckten Aufsätze seines Bruders, Papst Benedikts XVI. Es handelt sich dabei um den sehr anspruchsvollen Aufsatz „Zur theologischen Grundlegung der Kirchenmusik“ (1974), den Vortrag des Erzbischofs Joseph Ratzinger über „Theologische Probleme der Kirchenmusik“ (1977), die Rede des Kurienkardinals Ratzinger betreffend „Liturgie und Kirchenmusik“ (1985) und die Ansprache zur Verabschiedung des Bruders vom Amt des Domkapellmeisters „In der Spannung zwischen Regensburger Tradition und nachkonziliarer Reform“ (1994).

Bis heute haben die fünf kirchenmusikalischen Grundsätze, die 1974 vom damaligen Regensburger Dogmatikprofessor Ratzinger aufgestellt worden sind, von ihrer gegenwartskritischen Bedeutung nichts eingebüßt: 1. Einfachheit ist nicht mit Banalität zu verwechseln. 2. Kathedralkirchen sollen durchaus höhere Ansprüche an die Musik stellen. Pluralismus darf nicht mit Uniformität verwechselt werden. 3. Rezeptives Verhalten wie Zuhören und Vernehmen sind ebenso Formen der tätigen Teilnahme am Gottesdienst wie die äußeren Aktivitäten Reden und Singen. 4. Künstlerisch hochwertige Musik muss ihren Platz in der Kirche behalten. Die Kirche muss „eine Heimstatt des Schönen sein ...“ 5. Die europäischen Spitzenwerke der Kirchenmusik gehören zum Reichtum der Menschheit insgesamt und dürfen nicht nur in Europa gespielt werden. Musikalische Traditionen außerhalb Europas bedürfen auch der Reinigung und Prüfung ob ihrer Eignung für die Liturgie der Kirche. Alle vier in diesem Heft abgedruckten Texte stehen im soeben erschienenen ersten Band der „Gesammelten Schriften“ von Joseph Ratzinger „Theologie der Liturgie“ (Band 11) und als Einzelveröffentlichung in „Im Angesicht der Engel“ (beide bei Herder).

Der Leiter der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ Reinhard Hempelmann untersucht in der Herder Korrespondenz (10/2008 Verlag Herder Freiburg) die evangelikale Bewegung in Deutschland. Während die aus der Erweckungsbewegung hervorgegangenen Evangelikalen sich ursprünglich stark von ihrer Umwelt abgekapselt haben, sind sie seit den achtziger Jahren in den Vereinigten Staaten zu einem gewichtigen politischen Machtfaktor geworden. Ihre Endzeiterwartung mache sie zu einem Teil der „Pro-Israel-Lobbyisten“ und von daher auch zu Befürwortern des Irak-Krieges. In Deutschland sollen nach Schätzung des Verfassers 1, 3 Millionen Christen aus den evangelischen Landeskirchen und den Freikirchen den Evangelikalen nahestehen. Das Bild des Evangelikalismus sei aber keineswegs einheitlich. Das Spektrum reicht von der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“, der evangelischen Aktion „ProChrist“, über die „Deutsche Evangelische Allianz“, die „Alpha- Glaubenskurse“ für Erwachsene und die „Brüderbewegung“ bis zu den enthusiastischen Pfingstlern. Ziel der Erweckungsbewegung sei die „Wiederentdeckung urchristlicher Missionsdynamik und Gemeinschaftsbildung“. Innerhalb der katholischen Kirche habe sich pfingstliches Gedankengut in Form der „charismatischen Gemeindeerneuerung“ ausgebreitet. Wichtig ist, dass der Verfasser die Hauptrichtungen des Evangelikanismus nicht pauschal dem Fundamentalismus zurechnet. Mehr als unzulänglich ist der Versuch des Verfassers, den Fundamentalismus zu definieren: Unfehlbarkeit der wörtlich zu verstehenden Bibel, Kreationismus, „Homeschooling“, Wille zur politischen Einflussnahme, „elitäres Selbstverständnis“, Orientierung an „charismatischen Führergestalten.“

Als größte Gruppen der Evangelikalen werden die „Evangelische Allianz“, „die Gemeinschaftsbewegung“ und die „Lausanner Bewegung“ genannt, in denen sich Mitglieder der evangelischen Landeskirchen und der Freikirchen zusammengeschlossen haben. Darüber hinaus gibt es „bekenntnisorientierte“ Evangelikale: „Kein anderes Evangelium“ und die „Konferenz Bekennender Gemeinschaften“. Neben dem „missionarisch-diakonischen Typ“ gibt es die „pfingstlich-charismatischen“ Evangelikalen. Auch wenn es bisher keine gemeinsame theologische Basis der verschiedenen evangelikalen Gruppen untereinander gibt, so kennzeichnen sie doch bestimmte gemeinsame Merkmale wie die Betonung der Bekehrung und der religiösen Wiedergeburt, die ausgeprägte Bibelfrömmigkeit sowie das Sendungsbewusstsein und die zentrale Bedeutung des Gebets. Im Unterschied zur katholischen Kirche haben die Sakramente keinen sehr hohen Stellenwert. Trotzdem beobachtet der Verfasser eine gestiegene Wertschätzung der katholischen Kirche bei den Evangelikalen: „Inzwischen sind von beiden Seiten zahlreiche gemeinsame Anliegen entdeckt worden, keineswegs nur in Fragen der Ethik (etwa Ehe, Familie, Homosexualität, Abtreibung): Durch seine Modernitäts- und Relativismuskritik spricht Benedikt XVI. vielen Evangelikalen aus dem Herzen, ebenso in den religionstheologischen Überlegungen von ,Dominus Iesus‘ und der Christozentrik vieler seiner Predigten.“ Den Evangelikalen gehe es dabei um eine „Gesinnungsökumene“, die im Interesse des Zeugnisses theologische Unterschiede zurückstellt. Ziel der Ökumene im Verständnis der Evangelikalen ist nach Meinung von Hempelmann nicht die „Gemeinschaft von Kirchen“, sondern „eine transkonfessionell orientierte Gesinnungsgemeinschaft auf der Basis gleichartiger Glaubenserfahrungen – und überzeugungen“.

Die abschließende Aussage des Verfassers ist die Frage, wer ein Christ sei. Sie „lässt sich angemessen nicht allein durch Bezugnahme auf eine besondere Frömmigkeitsform beantworten. Vielmehr ist anzuerkennen, dass es unterschiedliche authentische christliche Lebens- und Frömmigkeitsformen gibt.“ Hier offenbart sich allerdings das Grundsatzproblem des mangelnden Verständnisses von den Wesenseigenschaften der Kirche insgesamt.

Michael Karger

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